Von Anläufen und Enttäuschungen, vom Finden und Wegwerfen. Und vom Glück des Gelingens. Das neue Buch von Arno Geiger
Frühmorgens bricht ein junger Mann mit dem Fahrrad in die Straßen der Stadt auf. Was er dort tut, bleibt sein Geheimnis. Zerschunden und müde kehrt er zurück. Und oft ist er glücklich. Jahrzehntelang hat Arno Geiger ein Doppelleben geführt. Jetzt erzählt er davon, pointiert, auch voller Witz und mit großer Offenheit. Wie er Dinge tat, die andere unterlassen. Wie gewunden, schmerzhaft und überraschend Lebenswege sein können, auch der Weg zur großen Liebe. Wie er als Schriftsteller gegen eine Mauer rannte, bevor der Erfolg kam. Und von der wachsenden Sorge um die Eltern. Ein Buch voller Lebens- und Straßenerfahrung, voller Menschenkenntnis, Liebe und Trauer.
Zuerst zu Fuß, später mit dem Fahrrad, ist Arno Geiger laut seinem biografischen Buch unterwegs, um sich mit in Papiercontainern gefundenen Büchern, Tagebüchern und Briefen einzudecken und dann daraus Inspirationen für seine Bücher zu finden, aber auch seinen Alltag zu finanzieren, da er die nicht benötigen Gegenstände auf dem Flohmarkt veräußert.
Vor allem die Tagebücher und Briefe faszinieren ihn, sind sie doch für ihn Einblicke in das Seelenleben der früheren Besitzer, die für ihn somit erlebbar werden, obwohl oder gerade deshalb, weil er sie nicht kennt. Die Beziehung zu seinem Vater, der im Alter dement wurde, nimmt ebenso einen großen Raum ein wie sein Liebesleben mit verschiedenen Partnerinnen, einschließlich seiner Langzeitfreundin und derzeitigen Frau.
„Das Glückliche Geheimnis“ erzählt auch von den Höhen und Tiefen eines Schriftstellers, der von den Verlagen trotz Zusagen immer wieder vertröstet wird, anfänglich auch wenig Erfolg hat, bis ihm der große Durchbruch gelingt. Die Schreibweise Arno Geigers liest sich flüssig, das Geschriebene klingt schonungslos und verletzlich ehrlich.
Ein wirklich gelungenes Werk.
Die glücklichen Geheimnisse des Arno Geiger
LR am 14.03.2023
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Cover:
---------
Das Titelbild mit den roten und gelben Farben wirkte auf mich anfangs sehr altmodisch und wenig anziehend. Wenn man es auf den Titel überträgt, dann passt es aber in gewissem Sinne. Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.
Inhalt:
---------
Der Autor war Mitte zwanzig, als er mit seinem Geheimnis begann: Er fuhr regelmäßig morgens durch Wien und durchstöberte Altpapiertonnen. Das, was er fand, half ihm, einen andern Blick auf die Gesellschaft und das Menschsein zu werfen und dabei der Mensch und letztlich der Schriftsteller zu werden, der er heute ist.
Mein Eindruck:
---------
"Meine künstlerische Entwicklung wurde nicht nur von Weltliteratur vorangetrieben, sondern ganz wesentlich auch von Abfall, von Hingeschmiertem und Verworfenem. Es wäre ein Fehler, das eine gegen das andere auszuspielen, denn das eine ersetzt nicht das andere. Wichtig sind die vielen Wechselwirkungen zwischen Alltagsschreiben und Literatur. Festzuhalten ist aber auch: Ich habe ein besonderes Faible für das spontan Hingeschmierte, wohingegen das Konstruierte, das zu lange Überlegte mir oft unzureichend vorkommt." (S. 131f)
Ich kannte den Autor nur dem Namen nach, aber die Beschreibung machte mich neugierig. Sein Geheimnis ist bereits nach den ersten Zeilen keins mehr, aber das ist auch nicht das Wesentliche des Buches. Wesentlich ist die Entwicklung des Autors, die er aufgrund seiner Funde durchlaufen hat und die er offenherzig und durch philosophische Anmerkungen angereichert dem Leser beschreibt. Er ist dabei sehr ehrlich zu sich selbst, beschreibt dabei sowohl die schlechten als auch seine guten Phasen.
„Wegwerfen ist eine Kulturtechnik, die zum Führen eines Lebens dazugehört wie die Fähigkeit zu Ja und Nein. Es schafft Platz für Veränderung, für Verbesserung oder für nichts. Das Nichts ist erstrebenswerter als Berge von unnützem Kram. [...] Wenn ich mehr mit der Organisation als mit dem Gebrauch meines Besitzes zu tun habe, geht ein Zugewinn an Besitz mit einem Verlust an Lebensqualität einher. Ein bis zum Platzen angefülltes Leben kann niemals ein erfülltes Leben sein.“ (S. 143)
Er lässt den Leser teilhaben an seinen Funden, seinen literarischen Erfolgen und Misserfolgen, aber auch an seinen Beziehungsgeschichten eingeschlossen der Partnerschaft mit seiner jetzigen Frau (im Buch "K." genannt), die sein zweites glückliches Geheimnis darstellt.
Da ich selber im Sperrmüll oder im Altpapier schon einige glückliche Funde gemacht habe, konnte ich die Empfindungen des Autors gut nachvollziehen. Bei dem Thema Beziehung gelang mir dies nicht so ganz, aber letztendlich fand ich seine Gedanken hierzu inspirierend. Das gilt auch für das Thema Älterwerden und Demenz. Aufgrund der Krankheiten seiner Eltern und der seiner Partnerin nimmt dieses Thema ebenfalls Raum ein und der Umgang des Autors mit der Situation hat mich sehr beeindruckt.
Ich habe dieses Buch sehr genossen, schon aufgrund seines Schreibstils und mir unzählige Stellen herausgeschrieben, weil Herr Geiger es schafft, die Sachen treffend in Bildern zu beschreiben und damit auf den Punkt zu bringen.
Fazit:
---------
Über das Leben, Schriftstellerei und wie aus Verlusten/ Weggeworfenem Neues entstehen kann - ehrlich, philosophisch, regt zum Nachdenken an
Unsere Buchhändler*innen meinen
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
Arno Geiger wühlt also im Müll. Jahrelang verdient er sich durch das Durchforsten fremder Papiercontainer entweder monetär oder intellektuell etwas dazu. Die ganze Geschichte wird hier wunderbar und anekdotenreich erzählt, wobei mich persönlich die moralische - oder eher gesellschaftliche - Zwickmühle, in der sich Herr Geiger befindet, nicht so sehr gefesselt hat, wie seine schiere Lust am Erzählen. Die dringt hier nämlich von jeder Seite und lässt uns gut unterhalten zurück.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
Wie kommt der Autor zu seinem Stoff? Diese Frage habe ich mir bei Arno Geiger sowohl bei "Alles über Sally" als auch "Unter der Drachenwand" gestellt. So präzise, einfühlsame Schilderungen über Menschen habe ich von einem Autor, der einer anderen Zeit angehört, noch nicht gelesen. Mit diesem Buch hat Arno Geiger sein Geheimnis gelüftet. Ich bin ihm dankbar dafür.