Ein Erdbeben erschüttert Nias Welt völlig. Der Riss in ihrem Haus ist ein Zeichen dafür, dass alles, was ihr lieb und teuer ist – ihre Familie, ihre Beziehungen und ihre Zukunft – zerstört wird. Nia ist allein, das Schicksal einer einsamen Kriegerin. Doch das Leben gibt ihr eine neue Chance: eine lang ersehnte Filmrolle. Mit den Dreharbeiten beginnt ein neuer Lebensabschnitt, eine Art Parallelwelt: Kunst als Zuflucht, als Fluchtmöglichkeit. Oder vielleicht der einzige Weg, sich mit der Realität zu verbinden und sich selbst zu finden.
In diesem Labyrinth reist der Leser im Rhythmus von Nias beschleunigtem Herzschlag und Atem, hält sich aber am Ariadnefaden fest, um zurückzukehren, in der Hoffnung, die Verbindung zur verlorenen Vergangenheit wiederherzustellen und dabei etwas zu bemerken, das selbst Nia nicht sieht: die Wahrheit über die anderen in ihrem Leben.
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Über tiefen Schlaf und eine augenöffnende Rolle
Eternal-Hope aus Österreich am 05.11.2025
Bewertungsnummer: 2646039
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Manche Bücher sind in ihrer Einzigartigkeit ganz besonders, weil man so ein ähnliches Buch noch nie gelesen hat. Das kann sich auf die Inhalte genauso beziehen wie auf die Erzählweise. „In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze ist so ein Buch. Es stellt uns eine Welt vor, die mitteleuropäischen Leserinnen und Lesern in vielem fremd vorkommen wird: nicht nur handelt das Buch von Menschen im modernen Georgien, das sowieso schon für viele Deutschsprachige ein eher weißer Fleck auf der Landschaft ist. Auch geht es um Themen, die wenig im Scheinwerfer der mitteleuropäischen Berichterstattung stehen: eine geschickte Verwebung der persönlichen und transgenerationalen Traumatisierungen als Folge des Abchasienkriegs in den 1990ern mit einem Familiendrama in der heutigen Zeit, bei dem ein Mädchen nach einem Schock des Allein-Gelassen-Werdens während eines Erdbebens in einen tiefen koma-ähnlichen Schlaf fällt.
Für dieses medizinische Phänomen gibt es einen Namen: es handelt sich um das Resignationssyndrom und es tritt hauptsächlich bei Flüchtlingskindern auf, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist und die sich psychisch so tief verunsichert fühlen, dass sie unbewusst aus dieser gefährlichen Welt flüchten wollen, sodass ihr Bewusstsein sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.
Nia Kandelaki ist eine junge georgische Schauspielerin Anfang 30, verheiratet mit Demna, den sie eigentlich sehr liebt und der als Kind in den 1990ern mit einer Verwandten aus Abchasien in einen anderen Teil Georgiens flüchten musste. Vordergründig scheint Demna mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen, ist ein liebevoller Ehemann und Vater, geduldig und großzügig. Doch, für Nia als Mutter absolut unbegreiflich und unverzeihlich, hat er ausgerechnet, als es wirklich darauf angekommen wäre, als Vater in ihren Augen komplett versagt: als ein Erdbeben die Stadt erschütterte, ist er einfach davongelaufen und hat seine Tochter Gabriela alleine in der bebenden Wohnung zurückgelassen. Diese wurde körperlich zum Glück nicht verletzt, ist aber aufgrund des Resignationssyndroms nach dem Schock des Allein-Gelassen-Werdens in einen tiefen Schlaf verfallen, aus dem sie seit einem halben Jahr nicht aufgewacht ist.
Nia hat Demna wütend aus der Wohnung geworfen, hält die schlafende Tochter von ihm fern und will sich von ihm trennen. Selbst kümmert sie sich aufopferungsvoll – teilweise mit Unterstützung einer Pflegerin und ihrer Mutter für die Zeit, wenn sie selbst arbeiten muss –
Tag und Nacht um die Pflege der bewusstlosen Gabriela, während sie gleichzeitig versucht, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern und für Rollen in ihrem Beruf als Schauspielerin vorsprechen geht. Da wird ihr überraschend tatsächlich eine wichtige Hauptrolle angeboten: die der Anna, einer jungen abchasischen Flüchtlingsfrau in den 1990ern, die aus eben dem Krieg flieht, aus dem auch Nias Mann Demna als Kind geflohen ist, worüber sie aber nie miteinander gesprochen haben.
Über weite Teile des Buches wechselt die Geschichte zwischen den zwei scheinbar unverbundenen Settings, die doch in der Tiefe so viel miteinander zu tun haben, was sich immer mehr zeigt: einerseits Nia in ihrer Rolle als Mutter, die sich um die schlafende Gabi kümmert. Andererseits Nia in ihrer Rolle als Schauspielerin, die die flüchtende und vom Krieg gezeichnete Anna spielt, und in dem sehr authentischen Filmsetting unter physischen und emotionalen Belastungen ein wachsendes Verständnis dafür entwickelt, was es bedeuten kann, alles zurücklassen und verzweifelt unter Lebensgefahr über die eisigen Berge flüchten zu müssen.
Wie wird sich diese Entwicklung Nias auf das Verhältnis auf ihre eigene Persönlichkeit, aber auch auf das Verhältnis zu ihrer Familie auswirken? Wie geht es mit ihrer Ehe weiter? Was liegt hinter Demnas scheinbar rätselhaftem, so rücksichtslos wirkendem Verhalten während des Erdbebens? Und gibt es Hoffnung für die kleine Gabriela, jemals wieder aus ihrem komatösen Zustand zu erwachen?
Mit all diesen Fragen und noch vielen weiteren beschäftigt sich dieses Buch. Wir lesen es aus Nias Perspektive und sind ganz nah an ihrer Wahrnehmung dran. Nia ist eine sehr fleißige, engagierte Frau, eine besorgte, aufopferungsvolle Mutter und tüchtige Schauspielerin. Besonders empathisch und mitfühlend ist sie erst einmal nicht, doch macht sie im Laufe des Buches durchaus eine interessante Entwicklung durch.
Insgesamt ist es ein spannendes Psychogramm einer jungen Frau, die in vielem kulturell sicherlich ganz anders geprägt ist, als wir es aus Mitteleuropa kennen, und noch viel mehr als das: ein Buch, das nachdenklich macht und aufrüttelt in Bezug auf die Wunden, die durch Kriege und die damit verbundenen Traumatisierungen auch in diesem Moment so vielen Menschen zugefügt werden und die noch jahrzehntelang Auswirkungen nicht nur auf diese Menschen selbst, sondern durch das Phänomen der transgenerationalen Traumatisierung und familiären Weitergabe von destruktiven Mustern auch auf ihre Nachfahren haben.
Das Buch liest sich unglaublich spannend und hat auf mich einen richtigen Sog ausgeübt beim Lesen: atemlos habe ich die Geschichte immer weiterverfolgt und beide Erzählstränge – sowohl der rund um die schlafende Gabi als auch das sehr anschaulich geschilderte Filmsetting am inszenierten Kriegsschauplatz – haben mich überzeugt, fasziniert und gefesselt. Auch sprachlich ist das Buch besonders: in einer Dichte und Eindringlichkeit geschrieben, die ihresgleichen sucht.
Hier Sprachbeispiele aus beiden Abschnitten:
Nia als aufopferungsvolle Mutter und ihr innerer und zum Teil auch hörbar verbalisierter Monolog an die schlafende Gabriela:
„Ich spreche heiter, so heiter ich kann. Diese Rolle habe ich bekommen – die Rolle meines Lebens – und ich spiele sie. Aber ich habe immer Angst, ich habe Angst vor jedem vergangenen Tag, denn es sind schon einhundertvierundachtzig Tage, seitdem du schläfst, du bewegst dich nicht und wirst immer schlaffer. Dein Körper ist erschlafft, Muskeln – kraftlos, Reflexreaktionen – abgebaut. Gabriela, bitte, wach auf“ (S. 8)
Im Vergleich dazu nun eine der vielen Szenen aus dem Filmdreh, bei dem Nia die flüchtende Anna spielt:
„Szene 40. Außenbereich. Tag. Fortsetzung. Vergangenheit.
Annas Nachbarhaus bei Sochumi.
Das Haus steht lichterloh in Flammen, lodert und bricht in sich zusammen. Dichte Rauchschwaden steigen in den Himmel. Vor dem Haus rollen gepanzerte Fahrzeuge vorbei. Soldaten mit Sturmgewehren sitzen obenauf. Menschen hasten durcheinander, ihre Habseligkeiten auf den Rücken geschnallt. Einige beladen Autos in hektischer Eile. Anna geht mit dem Kind in entgegengesetzter Richtung der Panzer. Sie nähert sich einem Auto, spricht mit dem Fahrer und steigt ein.“ (S. 159)
Ekaterina Togonidze ist definitiv ein Ausnahmetalent als Schriftstellerin und ich werde sehr gerne demnächst weitere Bücher von ihr lesen. Für mich ist das Buch eines der absoluten Lesehighlights dieses Jahres! Nebenbei habe ich auch so viel über Georgien, den Abchasien-Konflikt, das Resignationssyndrom, transgenerationale Traumatisierung, aber auch darüber, wie Filme gemacht werden können (und auch, wie sie vielleicht nicht gemacht werden sollten) gelernt.
Danke an den Septime-Verlag dafür, diese Autorin auf Deutsch übersetzt und das Buch somit auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht zu haben. Leseempfehlung für alle, die ein ganz besonderes, spezielles, einzigartiges Buch lesen möchten!
Warum wir helfen müssen „In…
galaxaura aus Köln am 26.10.2025
Bewertungsnummer: 2967516
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Warum wir helfen müssen „In deinem Schlaf“ von Ekaterine Togonidze, erschienen 2025 im Septime Verlag, hat eine große Sogwirkung auf mich ausgeübt, ein Buch, das mich emotional wirklich berührt hat. Das Buch beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Georgien-Abchasien-Konfliktes – vor allem aber zeigt es auf, wie sehr Sicherheit ein Grundbedürfnis aller Menschen ist und macht somit den Zynismus deutlich, den die Welt der Privilegierten ausstrahlt, wenn wir jeden Tag entscheiden, wer ein Recht auf diese Sicherheit hat – und wer nicht. Gabi, die Tochter von Nia und Demna, liegt in einem tiefen Schlaf, aus dem sie einfach nicht erwachen will, seit sie nur knapp einem Erdbeben entkam – weil ihr Vater, mit dem sie Zuhause war, zunächst einfach davonlief, während ihre Mutter arbeiten war. Demna ist als Kind aus Abchasien geflohen, wo die georgische Minderheit verfolgt wurde, und traumatisiert, Nia ist Schauspielerin in Georgien und hat sich mit diesem Konflikt und Krieg nie wirklich beschäftigt. Gabi leidet nun am Resignationssyndrom, einem Phänomen, das viele Kinder insbesondere von Menschen mit Fluchterfahrung betrifft, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in einem fremden Land leben müssen. Die Kinder schlafen einfach ein und wachen nicht mehr auf, ein Aufwachen geschieht meistens erst, wenn Sicherheit gegeben ist, der Status geklärt ist, ein Heim entstehen kann. Die Psyche ist ein erstaunliches Ding – denn dieses Syndrom ist, wie die historischen Hintergründe des Romans, keine Fiktion. Mit dem Erdbeben kam auch ein Riss in Nias Haus ,und es wurde unbewohnbar. Der Riss setzt sich fort in ihrer Beziehung, denn Nia kann Demna nicht verzeihen, gibt ihm die Schuld an Gabis Zustand und setzt ihn vor die Tür, lässt ihn nicht mehr zu seiner Tochter und kümmert sich nun komplett allein um Gabi – eine Vollzeitaufgabe, an der sie nur scheitern kann. An Arbeit in ihrem Beruf als Schauspielerin, an Karriere ist nicht mehr zu denken. Bis sie unverhofft die Hauptrolle in einem Film abräumt, der sich genau mit dem Georgien-Abchasien-Konflikt und der Flucht beschäftigt und ihr Leben sich komplett wendet, mit weitreichenden Folgen auch für Gabi und Demna. Togonidze findet formal eine geniale Ebene, indem sie den Bewusstseinsstrom von Nias Gedankenwelt zunehmend immer mehr mit den Dreharbeiten und der Ebene des Filmes verknüpft und so die Flucht Demnas gewissermaßen re-enacted und uns das erzeugte Trauma miterleben lässt. Zeitgleich hat der Film auf Nia eine kathartische Wirkung. Gekoppelt mit einer zusätzlichen rein erzählerischen Handlungsebene, in der wir immer wieder auch in die Vergangenheit springen, entsteht hier ein sehr komplexes, durchaus herausforderndes, aber in jedem Augenblick sinnstiftendes und oft sehr poetisches Konstrukt, das ich in dieser Form noch nicht gelesen habe. Als Westeuropäerin ist der Georgien-Abchasien-Konflikt definitiv ein blinder Fleck bei mir, auch das Resignationssyndrom war mir vollkommen unbekannt. Ich bin der Autorin mehr als dankbar, dass ich dieses Wissen in einer so erstaunlichen literarischen Form auffüllen durfte. Über die Filmebene kommt Nia in die Reflektion und wir Lesenden mit ihr – und die Reflektion erzeugt Öffnung und Veränderung. In Schichten erklärt sich immer mehr, was eigentlich geschehen ist und wir blicken auf ein transgenerationales Trauma, auch so ein spannendes Thema, das nur sehr vorsichtig angefasst und aufgelöst werden kann. Für mich sind zentrale Themen des Romans zum einen, wie viele Parallelwelten doch existieren neben der Welt, die wir jeden Tag zu Gesicht bekommen, Dinge, die wir nicht sehen, weil wir sie nicht kennen, nicht miterleben, die aber für andere Menschen so lebensbedeutend sind. Das Thema Trauma und Schuld, das niederdrückend durch den Roman weht, das Thema Sprachlosigkeit, wie viele Dinge haben sich Demna und Nia auch schon nicht erzählt, während sie „glücklich“ waren? Das Thema des Nebeneinanders von Trauer und Leben, wie wichtig ist es, auch in der Trauer das Leben aktiv zu halten, wie wenig Hilfe gibt es, wenn wir das vernachlässigen. Ganz groß auch das Thema Hoffnung und Beharrlichkeit, sich durchbeißen, dranbleiben. Mutterschaft und Selbstaufgabe, das hat mich auch sehr beschäftigt. Ein sehr reiches Buch, das immer wieder auch deutlich macht, dass es nicht Rechtens sein kann, wenn Menschen, die in Sicherheit leben, anderen eben diese Sicherheit verwehren. Einziger Makel für mich: das Ende, das mir zu sehr versucht, Heilung zu bringen, während der Prozess doch eigentlich gerade erst beginnt. Das ist vielleicht Geschmackssache, war mir persönlich aber deutlich zu viel Kitsch, was gar nicht zu diesem fragilen Buch passt. Das werden aber viele Menschen ganz anders sehen und in jedem Fall: Unbedingt lesen, blinde Flecken tilgen, sich berühren lassen und vor allem: Diesen literarischen Genius hemmungslos bewundern. Und übrigens noch viel mehr Bücher aus dem Septime Verlag lesen, der ganz grundsätzlich eine herausragende Arbeit macht!
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