Berlin 1933: Vier unzertrennliche Freunde aus dem Arbeiterbezirk Wedding kämpfen mit Armut, politischen Umbrüchen und der Ahnung, nicht von dieser Welt zu sein. Während einer in SA-Uniform marschiert, verliebt sich ein anderer in einen US-Journalisten und gerät in ein Netz aus Lügen, Liebe und Gefahr. Ein bewegender Roman über Freundschaft, queere Identität und den Zerfall einer Demokratie.
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Freundschaft im Wedding der dreißiger Jahre
Shilo aus Ulm am 13.02.2026
Bewertungsnummer: 3044734
Bewertet: eBook (ePUB)
Der Roman führt in den Wedding der frühen dreißiger Jahre, in enge Straßen, kleine Wohnungen und ein Leben, das vom Zusammenhalt geprägt ist. Vier junge Männer stehen im Mittelpunkt, verbunden durch eine Freundschaft, die nach einem einfachen Grundsatz funktioniert: einer für alle, alle für einen. Diese Verbindung ist fest und selbstverständlich. Sie halten zusammen, ohne große Worte, getragen von Vertrauen und gemeinsamer Herkunft.
Der Alltag ist bestimmt von Armut, von kleinen Hoffnungen und von dem Wunsch, sich trotz allem ein eigenes Leben aufzubauen. Politische Spannungen drängen sich immer stärker in ihr Leben und beginnen, ihren Alltag spürbar zu verändern. Einer der Freunde gerät in den Sog der neuen Macht, ein anderer bewegt sich durch eine verborgene Liebesgeschichte, die beglückend ist und zugleich von Unsicherheit begleitet wird. Diese Entwicklungen gehören ganz selbstverständlich zur Geschichte.
Besonders eindrücklich ist, wie selbstverständlich queere Identität Teil der Erzählung ist. Sie wird nicht hervorgehoben und nicht erklärt, sondern einfach gelebt. Die Beziehung zu dem amerikanischen Journalisten ist von Nähe und Wärme geprägt, doch es bleibt unklar, ob sie eine Zukunft haben kann. Diese Offenheit passt zur Zeit und zur Situation der Figuren.
Die politische Entwicklung rückt näher, ohne den Roman zu beherrschen. Der Zerfall der Demokratie zeigt sich in Gesprächen, in Haltungen und in Entscheidungen. Man spürt, wie sich Denkweisen verändern und wie Loyalität zunehmend an Bedeutung gewinnt. Trotz aller Unterschiede und Wege bleibt die Freundschaft der vier jungen Männer der feste Kern der Geschichte. Sie ist nicht idealisiert, sondern tief verwurzelt und glaubwürdig.
Der Stil bleibt klar und zurückhaltend. Die Wirkung entsteht aus Nähe, aus Alltagsszenen und aus dem Gefühl, diese Figuren wirklich zu kennen. Beim Lesen wächst eine innere Spannung, gleichzeitig bleibt eine Wärme, die aus dem Zusammenhalt der Freunde entsteht.
Am Ende bleibt ein starkes und nachhaltiges Lesegefühl. Die Geschichte wirkt nach, nicht wegen einzelner dramatischer Momente, sondern wegen der Menschen, die sie trägt. Ein Roman, der still überzeugt und zeigt, wie wichtig Freundschaft und Haltung in schwierigen Zeiten sind.
5 Sterne und eine klare Leseempfehlung
Dieses Buch hat mein Herz
Bewertung am 26.11.2025
Bewertungsnummer: 2663542
Bewertet: eBook (ePUB)
Wir begleiten Willi, Emil, Hans & Joseph in den Arbeiterbezirk Wedding der 30er Jahre. Zwischen SA-Uniformen, Parolen und gesellschaftlichem Umbruch finden wir eine Freundschaft mit einem Schwur, der die Vier für immer aneinander binden soll. Auf eine Art, die von so viel Wärme zeugt, Aufopferung und Hingabe. Willi, aus dessen Sicht das Erlebte geschildert ist, erobert den Leser mit seiner teilweise unbeholfenen, humorvollen und liebenswerten Art. Seine Loyalität gegenüber seiner Wahlfamilie, den Musketieren, zeugt von so viel Menschlichkeit und Nächstenliebe. Zu den vier Protagonisten gesellt sich Brad, amerikanischer Journalist und Willis erste große Liebe. Das Miteinander der beiden ist intensiv und zurückhaltend zugleich. Genau das macht diese Bindung zu etwas ganz Besonderem. Im Verlauf der Geschichte wird das Herz immer schwerer – ganz langsam und fast unauffällig wächst der Kloß im Hals. Überzeugung, Neugierde und vielleicht auch ein bisschen Naivität manövrieren die Musketiere in eine brenzlige Situation. Ein Tanz auf Messers Schneide beginnt. Freude, Humor und Leichtigkeit weichen einer Schwere, gespickt mit Angst und Mitgefühl. Die Hoffnung auf ein Happy End ist groß.
Der Schreibstil und die Ausdrucksweise des Autors sind ehrlich und lebhaft - die Szenen bauen sich malerisch vor einem auf. Eine Art des Schreibens, die nicht überzeugt, weil sie laut ist, sondern zart und authentisch. Protagonisten, die nicht perfekt sind, sondern echt. Die Berliner Mundart lädt immer wieder zum Schmunzeln ein und wirkt keinesfalls aufgesetzt. Ein Roman, der den Fokus auf das Wesentliche setzt – zeigt, worauf es ankommt, die geschichtlichen Aspekte dabei keinesfalls in den Vordergrund stellt. 4 junge Männer, die auf den ersten Blick nicht viel haben – und doch so viel mehr, für was es sich zu leben lohnt. Ich liebe den dargestellten Kontrast zwischen der friedlichen Umgebung, welche die Musketiere untereinander geschaffen haben und dem vermeintlichen Zerfall der Außenwelt. Ganz besonders emotional war für mich der Schluss – das letzte mal Berlin. Das Gefühlschaos, welches sich ganz unscheinbar während des Geschehens aufgebaut hat, bricht auf einmal völlig unerwartet auf einen nieder. Dieses Buch hat mein Herz – es hat mich auf so vielen Ebenen berührt und jegliche Emotionen aus mir herausgekitzelt.
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