»Sie stoßen sich an ihrer Unfähigkeit, alle Kinder zu retten, die Vorgänge zu stoppen, aus denen resultierend zu viele Kinder geboren werden, dort geboren werden, wo man sie nicht gebrauchen kann. Deshalb schweigen die Erzieher, Direktoren und Lehrer und schauen uns nicht oft in die Augen. Sie seufzen nur.« (Seite 42)
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Sanna verbringt ihre Kindheit in einem lettischen Kinderheim, es sind die 1980er Jahre. Dort freundet sie sich mit Andrejs an, einem älteren Roma-Jungen, der jedoch eines Tages verschwunden ist. Sanna verliert kurz darauf den Halt und stürzt ab, der Alkohol wird zur Gefahr, als Andrejs plötzlich wieder in ihr Leben zurückkehrt. Erst mit der Geburt der gemeinsamen Tochter Lia kehrt Normalität ein, bis das Schicksal erneut zuschlägt.
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Der Mediathoughts Verlag hat mit dem vorliegenden Buch aus der Reihe Literatura Baltica, die Literatur aus Estland, Lettland und Litauen enthält, ein Werk herausgebracht, das für mich zu den Highlights dieses Jahr zählt. Der zweite Band, mit dem der Verlag eigenen Worten zufolge die Reise durch die baltische Literatur fortsetzt, überrascht mit einer schönen Sprache, Sätzen, die ins Herz treffen, sowie einer Geschichte, die sehr berührend ist und zum Nachdenken anregt. Es geht um Fragen nach der Herkunft und der Zugehörigkeit, um die Suche nach der eigenen Identität, aber auch darum, was Familie ist und wer dazu zählt. Können wir unserer Bestimmung entkommen und wenn ja, was macht das mit uns?
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»Unsere Erzieherin Lelde schweigt, aber in ihren Augen sehe ich den Schmerz. Vielleicht sind ihre Augen Spiegel und das ist mein Schmerz. Wenn die Spiegel weinen könnten, würden sie den Schmerz vielleicht wegspülen, aber die Spiegel haben sich geschworen, dass sie nicht weinen werden und dass sie nie wieder hierher zurückkehren.« (Seite 51)
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Dieses Buch zog mich in die Geschichte rein und ließ mich bis zur letzten Seite nicht mehr los. Ich habe Sanna und Lia begleitet, ihnen zur Seite gestanden, ihre Fehler gesehen, hab mit ihnen gelacht und geweint, habe mich über sie geärgert, aber auch manches mal mit ihnen gefreut. Tief berührt legte ich das Buch zur Seite und hatte das Gefühl, ein ganzes Leben hinter mir zu lassen, obwohl es doch gerade erst begonnen hat. Große Leseempfehlung gibt es dafür von mir.
Suche nach der Herkunft
Jürg K. am 15.11.2025
Bewertungsnummer: 2654594
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Laura Vinogradova hat einen eindringlichen Roman über Herkunft, Ausgrenzung und die Suche nach Zugehörigkeit, mit grosser emotionaler Tiefe und literarischer Klarheit geschaffen. Man liest eine generationsübergreifende Geschichte, die sich mit den Schattenseiten des Erwachsenwerdens auseinandersetzt. Die Protagonisten Sanna und Andrejs, beide geprägt durch ihre Kindheit im Heim, kämpfen nicht nur mit äusseren Vorurteilen, sondern auch mit inneren Dämonen. Ihre Liebesgeschichte ist keine romantisierte Erzählung, sondern ein realistisches Ringen um Nähe, Verantwortung und Selbstakzeptanz. Die Suche nach einem Platz in der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte – sowohl für die Eltern als auch für ihre Tochter Lia. Die Beziehung zwischen Sanna und Andrejs wird durch die Geburt ihrer Tochter auf eine neue Ebene gehoben. Die Erzählweise ist ruhig, aber intensiv sie lebt von den inneren Konflikten und der psychologischen Tiefe der Charaktere. Beim Lesen ist mir die Darstellung der Roma-Identität aufgefallen. Diese wird sensibel, differenziert und ohne Klischees geschildert. Diese Geschichte hallte bei mir noch einige Zeit nach. Wer Geschichten über das Erwachsenwerden sucht ist hier genau richtig.
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