Die Verabschiebung

Roman

Joachim Zelter

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Beschreibung

Eigentlich könnte alles gut sein zwischen Julia und Faizan. Seit einigen Wochen sind die beiden ein Liebespaar – wenn Faizan denn nur in diesem Land bleiben dürfte. Als Asylbewerber aus Pakistan sind seine Chancen auf ein Hierbleiben gleich null. Und so entschließt sich Julia, ihren Freund zu heiraten, obgleich sie eigentlich niemals und unter keinen Umständen jemals heiraten wollte. Doch wenn sie geglaubt hat, dass mit einer Ehe nun alles gut wird, hat sie sich geirrt.
Beklemmend-spannend erzählt Joachim Zelter von der End- und Aussichtslosigkeit eines Asylverfahrens, wo auch eine Ehe kein hinreichender Grund mehr für irgendetwas ist. Sein Roman beschreibt einen kafkaesk-­kalten Kosmos akribischen Rechts, in dem die beteiligten Menschen – in einem endlosen Kraftakt – immer mehr an Autonomie und Substanz verlieren, bis kaum mehr etwas von ihnen übrig ist. Menschenwürde? Sie erweist sich in Zelters neuem Roman zunehmend als ­Konjunktiv.

Produktdetails

Verkaufsrang 45842
Einband gebundene Ausgabe
Erscheinungsdatum 23.03.2021
Verlag Alfred Kröner Verlag
Seitenzahl 168
Maße (L/B/H) 19,4/12,3/2 cm
Gewicht 229 g
Auflage 1
Reihe Edition Klöpfer
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-520-75201-7

Kundenbewertungen

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Aufwühlende Liebesgeschichte
von einer Kundin/einem Kunden am 22.08.2021

So viele Menschen verlassen ihr Geburtsland um in der westlichen Welt eine Zukunft aufzubauen. Sie kommen, weil sie in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Bei den einen passen ihre Ansichten nicht ins politische Umfeld; bei den anderen droht schreckliche Armut. Wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Faizan i... So viele Menschen verlassen ihr Geburtsland um in der westlichen Welt eine Zukunft aufzubauen. Sie kommen, weil sie in der Heimat um ihr Leben fürchten müssen. Bei den einen passen ihre Ansichten nicht ins politische Umfeld; bei den anderen droht schreckliche Armut. Wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Faizan ist aus Pakistan geflüchtet. In Deutschland lernt er Julia kennen, die sich Hals über Kopf in ihn verliebt und alles daran setzt, ihm eine Bleibeperspektive zu schaffen. Doch die Bürokratie erlaubt das nicht: Alles wird hinterfragt, jede Aussage angezweifelt. „Hätte er [Faizan] zwei Wörter für die letzten Jahre wählen sollen, es wären die Wörter Angst und Warten gewesen. Ein angstvolles Warten oder eine wartende Angst“ (Seite 35). Joachim Zelter, 1962 in Freiburg/Breisgau geboren, hat schon zahlreiche Romane geschrieben und dafür einige Auszeichnungen eingeheimst. In seinem neuesten, 2021 erschienenen Werk nimmt er die deutsche Bürokratie näher unter die Lupe. Er lässt den Leser die Ausweglosigkeit vieler Flüchtlinge hautnah miterleben. Das Buch hat bei mir viele Fragen aufgeworfen: Ab wann ist es zuviel? Warum wird Menschen, die sich redlich um Integration bemühen, das Leben so schwer gemacht, während Straftäter nicht abgeschoben werden können? Warum dürfen friedliche Menschen noch heute in Nacht- und Nebelaktionen aus der Wohnung geholt und fortgebracht werden? Warum wird die Liebe zwischen zwei Menschen nicht anerkannt? Und woher nehmen Fremde das Recht, ihre Nachbarn mit negativen Beurteilungen zu traktieren? Dieses Buch hat mich emotional tief getroffen. Den Autor muss ich mir merken! Seine stakkatoartigen Sätze steigerten die Anspannung und die Wut auf eine menschenfeindliche Bürokratie und deren ausführenden Beamten ohne jegliches Einfühlungsvermögen. Fazit: Ein Muss für jeden, der sich mit der Flüchtlingsproblematik auseinander setzen will!

Abschiebung ohne Verabschiedung
von monerl aus Langen am 25.04.2021

Meine Meinung Manche Geschichten benötigen viele Seiten, um erzählt zu werden und mache, so wie diese hier, trifft auch mit wenigen Worten und Seiten alles auf den Punkt. Die Geschichte um Julia und Faizan ist eine Liebesgeschichte, eine tragische Liebesgeschichte in Zeiten von Corona und der Rückführung von Flüchtlingen, di... Meine Meinung Manche Geschichten benötigen viele Seiten, um erzählt zu werden und mache, so wie diese hier, trifft auch mit wenigen Worten und Seiten alles auf den Punkt. Die Geschichte um Julia und Faizan ist eine Liebesgeschichte, eine tragische Liebesgeschichte in Zeiten von Corona und der Rückführung von Flüchtlingen, die nicht länger in Deutschland geduldet werden, weil ihr Geburts- und Herkunftsland scheinbar ein sicheres ist. Es ist eine Geschichte über eine Ehe, die keine Scheinehe ist, und doch geschlossen wurde, damit zwei liebende Menschen zusammenbleiben können. Doch man braucht keine Hellseherkugel um zu wissen, dass auch das nicht helfen wird. „Nichts Freiwilliges sei mehr im Leben seiner Tochter gewesen, sondern eine getriebene Not. Nicht die eigene, sondern die Not des anderen, die irgendwann zur eigenen Not wurde. Das sei eine Ehe. Einer trage des anderen Not. Von wegen Scheinehe. Alles andere als eine Scheinehe. Alles sei aufeinander bezogen gewesen. Die ganze Zeit. Was man Faizan angetan habe das habe man auch ihr angetan. Wenn seine Rechte verletzt wurden, dann gleichzeitig auch ihre. Wenn man ihn aus dem Land geschafft hatte, dann am Ende auch sie …“ (Buch S. 153) Diese so wahren und treffenden Zeilen sind ein seltener emotionaler Ausbruch im Schreibstil des Autors. Umso mehr verleihen sie dem Gesagten an Kraft. Dies sind für mich die Schlüsselzeilen eines eher im nüchternen Schreibstil geschriebenen Buches, das seinen Finger genau auf den wunden Punkt der ganzen Misere setzt! Über Faizan bekommen Geflüchtete ein Gesicht, ein Leben, ein Schicksal. Joachim Zelter schafft es die Tagik herauszuarbeiten, wie, in der Tat kafkaesk, sich die Situation der lediglich begrenzt Geduldeten darstellt. Wir bekommen mit, wie Julia versucht durch verschiedene Anwälte Faizan zu helfen. Nicht nur, dass diese sehr teuer sind, keiner von ihnen ist in der Lage, Faizan Zeit und Recht zu verschaffen. Der Autor konfrontiert uns mit den verschiedenen Meinungen von Julias Familie und Freunden, mit Vorurteilen, Verständnis und Unverständnis. Er zeichnet die Realität in seinem Roman nach, die wahrscheinlich tagtäglich genau so immer und immer wieder stattfindet. Wir werden Augenzeugen des unmenschlichen Aktes des Rückführungsprozesses Faizans, der, wie man schon oft in den Nachrichten gehört oder gelesen hat, nachts von zu Hause rausgeholt, einen paar minütigen Anruf tätigen durfte und dann direkt in ein Flugzeug nach Pakistan gesteckt wurde. Trotz des recht nüchternen Schreibstils schafft es Joachim Zelter eine packende Geschichte zu erzählen, die ich fast in einem Rutsch gelesen habe und lange darüber nachdenken musste. Die Hoffnung, alles möge noch auf das Gute hinauslaufen zieht sich bis zum Schluss, der für mich trotzdem unerwartet kam. Fazit Dem Autor ist ein sehr aktueller und eindringlicher Roman gelungen, der die Flüchtlingspolitik als genau das aufzeigt, was sie ist: unmenschlich! Ein sehr bemerkenswerter und lesenswerter Roman, den ich uneingeschränkt weiterempfehle!

Zwei Krisen, eine beeindruckende Sprache und ein packender plot…
von Rezensent aus BW am 09.04.2021

Schon mal vorab: LESEN, LESEN, LESEN! Die Flüchtlingskrise. Die Coronakrise. „Johannes dachte an das englische Wort coronation. Die Krönung von alldem. All das, was bereits geschehen war, und jetzt auch noch Corona. Die Krönung allen Unglücks.“ (S. 146) Mit Beginn der Lektüre beobachten wir Johannes, der in ein Flugzeu... Schon mal vorab: LESEN, LESEN, LESEN! Die Flüchtlingskrise. Die Coronakrise. „Johannes dachte an das englische Wort coronation. Die Krönung von alldem. All das, was bereits geschehen war, und jetzt auch noch Corona. Die Krönung allen Unglücks.“ (S. 146) Mit Beginn der Lektüre beobachten wir Johannes, der in ein Flugzeug der Pakistan International Airlines einsteigt. Das Ziel: Islamabad. Alle, Personal wie Fluggäste, tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Eigentlich hat er sich geschworen, nie mehr zu fliegen, aber dank Tavor, einem Benzodiazepin mit angstlösender und muskelentspannender Wirkung sowie Vomex, einem Medikament gegen Übelkeit, konnte er sich schließlich trotz Flugangst doch überwinden, den Jumbojet zu besteigen. Beim Start erinnert er sich an seine Kindheit, in der er mit seiner Familie aufgrund von Beförderungen seines Vaters häufig umziehen musste, an die unzähligen, oft wochenlangen Klinikaufenthalte der Mutter und vor allem und besonders intensiv an seine tierliebe Schwester Julia, die gefühlt nicht mehr von der Seite ihrer Mutter wich, während Johannes sich in seine Hausaufgaben und ins Lernen stürzte und eine Form von Ruhe und Beständigkeit in der Schule fand. Er selbst erlangte dadurch eine Art Halt, während Julia ihren zunehmend verlor. Während Johannes nach außen hin als leuchtendes Beispiel dastand, weil er seinen beruflichen Werdegang bis hin zu einer Stelle an der Universität bravourös meisterte, kamen von Julia, die Germanistik und Philosophie studierte und oft im Nirwana verschwand, phasenweise geballt Hilferufe. Dann lernte Julia den jüngeren, hinreißenden und entwaffnenden Faizan kennen, der aus Pakistan stammte und 2014 in Deutschland einen Asylantrag gestellt hatte. Er wurde ihr Freund und als solcher im Kreis der Familie aufgenommen. Höchst amüsiert und zustimmend las ich die Passage, in der Faizan Maultaschen, Rostbraten und Spätzle als nichtssagend und fad empfindet und die Familie mit pakistanischen Gerichten für eine neue gewürzbasierte und geschmacksintensivere Küche zu begeistern versucht. Ich als begeisterte Anhängerin von Yotam Ottolenghi und Tanja Grandits kann das so gut nachvollziehen! Ich bin als Schwäbin den genannten Gerichten gegenüber zwar durchaus nicht abgeneigt, koche und esse sie gerne, aber Gewürze geben den Mahlzeiten erst Pfiff und machen sie interessant. Und wenn man einmal seine Geschmacksknospen in diese Richtung gelenkt hat, dann gibt es kein Zurück! ...aber trotzdem zurück zum Buch ;-) Die Liebe von Julia, die inzwischen in einer eigenen Wohnung lebt und Faizan, der ein Mehrbettzimmer in einer Flüchtlingsunterkunft bewohnt, wird von der Furcht vor Abschiebung überschattet, denn Pakistan „gelte de facto als sicherer Herkunftsstaat.“ (S. 25) „Er war in diesem Land (wenn überhaupt) nur vorübergehend geduldet. Bei der Landesaufnahmestelle hatte er einen Asylantrag gestellt, unter den denkbar schlechtesten Vorzeichen. Das war der Haken. Dass er aus Pakistan kam und nicht aus einem anderen Land, einem Kriegs- oder Bürgerkriegsland, wie etwa Syrien. Vor der Anhörung in der Landesaufnahmestelle hatte er panische Angst, wohl wissend, dass man seinen Asylantrag wahrscheinlich ablehnen würde, und dies aus zahllosen Gründen, deren Logik er zum größten Teil nicht einmal verstand...“ (S. 22f.) Jetzt muss ein Anwalt gefunden werden. Ein Fachmann, der auf Asylfragen spezialisiert ist. Das wird teuer. Ob er dem Cricketfan Faizan, der schon bald einen Job in einem Dönerrestaurant findet, wohl helfen kann? Faizan wird aufgefordert, zu einer persönlichen Anhörung zu erscheinen. Ein Termin, über den die wildesten und verunsicherndsten Gerüchte kursieren. Ein Termin, in dem über Bleiben oder Gehen entschieden wird... Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit: das sich liebende Paar könnte heiraten... Johannes erzählt letztlich die Geschichte seiner Schwester und ihres Geliebten. Man kann sich die Geschehnisse und Begebenheiten spielend leicht vorstellen und sich wunderbar in die Protagonisten Faizan und Julia hineinversetzen. Faizans Ängste sind so nachvollziehbar, seine Panikattacken so verständlich. Julias Ambivalenz, Verzweiflung, Wut und Angst vor Selbstverlust werden wunderbar beschrieben. Bereits nach wenigen Seiten war ich mittendrin in der Geschichte und begeistert von Thematik, Plot und Sprache. Meine Neugierde war geweckt und ich war sehr gespannt wie es weitergehen würde. Der 1962 in Freiburg/Breisgau geborene Joachim Zelter ist ein genauer Beobachter und begnadeter Erzähler. Er hat ein Gespür für psychologische Vorgänge und für Sprache und spielt mit Wörtern, Ton und Tempo. Er ist ein Wortakrobat, dem man die Freude am Spiel mit den Wörtern anmerkt. Diese Wortspiele regen zum Innehalten, Mit- und Nachdenken an, sie faszinieren und es macht Spaß, ihnen zu folgen. Ein Beispiel möchte ich zitieren: „Eine immer unwirklicher werdende Wirklichkeit und wirklicher werdende Unwirklichkeit.“ (S. 145) Der Autor erzählt mitreißend, flott und lebendig. Vor allem gegen Ende wirkt die anschaulich, eindringlich und eindrücklich erzählte Geschichte über Julia und Faizan oft atemlos, wodurch man hautnah Verzweiflung und Dringlichkeit spürt. Mit stakkatoartigen kurzen Sätzen, die wie Paukenschläge oder bulimische Brechattacken wirken, verleiht er seinem Text Intensität und Nachdruck. Ich flog in kürzester Zeit durch die Seiten, in denen von Menschlichem und Unmenschlichen, von Recht und Unrecht, von Sinn und Unsinn, von Bleiben und Gehen die Rede ist. Hätte ich mehr als fünf Sterne zu vergeben, ich würde es tun! „Die Verabschiebung“ ist eine bewegende, berührende, faszinierende und außergewöhnliche literarische Perle mit überraschenden Entwicklungen und einem nicht vorhersehbaren Ende. Darüber hinaus ist das nur 168 Seiten umfassende Werk in Halbleinen und mit Lese Bändchen ein Hingucker im Regal.

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