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Teyan Baudelot Buchhandlung: OSIANDER Lahr
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Meine letzte Rezension Angststillstand von Richard David Precht
Richard David Prechts „Angststillstand“ ist weniger ein systematisch ausgearbeitetes Sachbuch als vielmehr eine kulturkritische Intervention, die ihren Ausgangspunkt in einem deutlich empfundenen Unbehagen nimmt: dem Eindruck eines sich verengenden Meinungskorridors in der deutschen Öffentlichkeit, den doch laut der Allensbach-Umfrage bzgl. Meinungsfreiheit etwa 54% der Deutschen teilen. Prechts zentrale These ist dabei schnell benannt und zugleich der rote Faden des gesamten Buches; Nicht fehlende Meinungen, sondern die Angst vor deren Artikulation und das Benennen von Misständen sei zum eigentlichen Problem geworden. Diese Diagnose ist zunächst nicht unplausibel. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass sich öffentliche Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend moralisieren und personalisieren. Precht beschreibt diesen Prozess als Verschiebung weg von argumentativer Auseinandersetzung hin zu sozialer Sanktionierung. Kritik richtet sich nicht mehr primär gegen Positionen, sondern gegen Personen und zwar mit entsprechendem Eskalationspotenzial. Seine zugespitzte Rede von der „Axolotlisierung“ der Gesellschaft, also einem Zustand permanenter Unreife und Empörungsbereitschaft, ist dabei weniger analytischer Begriff als rhetorisches Verdichtungsinstrument, trifft aber zumindest ein verbreitetes Gefühl. Prägnant und beispielhaft können Sie sich dies m.M.n anhand der Kontroverse run dum die Autorin J.K. Rowling vor Augen führen. Unabhängig davon wie man ihre Position im Einzelnen bewertet, zeigt der Verlauf der Debatte doch eine typische Dynamik; Innerhalb kürzester Zeit verschob sich der Fokus von der primär inhaltlichen Auseinandersetzung hin auf eine morlaische Einordnung der Person selbst. Unterstützer und Kritiker standen sich also nicht länger als Diskurspartner bzw. "Gegner", im weitesten Sinne, gegenüber, sondern als Vertreter unterschiedlicher ideologischer Positionen. Solche Geschehnisse sind es, die Precht im Blick hat, wenn er von einem Diskussionsklima spricht, in dem nicht mehr die Qualität des Arguments, sondern die potenziellen sozialen folgen über seine Äußerbarkeit bestimmen. De facto also ein Verlust des Leitbildes nach Habermaas des zwanglosen Zwangs des besseres Arguments. Problematisch wird das Buch dort, wo aus dieser Beobachtung eine weitreichende Diagnose abgeleitet wird, ohne sie hinreichend abzusichern. Precht operiert häufig mit exemplarischen Eindrücken und generalisiert diese zu gesellschaftlichen Trends. Empirische Fundierung oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschung bleiben weitgehend aus. Das ist insofern bemerkenswert, als der Anspruch des Buches durchaus ein grundsätzlicher ist. Es geht nicht um einzelne Fehlentwicklungen, sondern um den Zustand der demokratischen Debattenkultur insgesamt. Sicher, es ließe sich einwenden, dass Prechts Vorgehen auch der Eigenlogik des Formats geschuldet ist. Schließlich ist "Angststillstand" keine langfristig angelegte Studie, sondern eine Intervention, ein Essay, in eine noch immer laufende, sich rasch verschiebende Debatte. Dies sollte beim Lesen berücksichtigt werden. Der damit verbundene Zeitdruck begünstigt Zuspitzungen und geht nahezu zwangsläufig zulasten empirischer Absicherung. Gleichwohl entbindet es nicht vollständig von analytischer Sorgfalt, gerade bei einem so gravierenden Thema. Hinzu kommt, dass die Argumentation nicht immer die nötige Trennschärfe aufweist. Unterschiedliche Phänomene, von sozialer Ächtung in digitalen Räumen bis hin zu legitimer gesellschaftlicher Kritik, werden teilweise unter einem gemeinsamen Deutungsmuster zusammengeführt, ohne ihre jeweiligen Bedingungen ausreichend zu differenzieren. Gerade hier hätte man sich mehr analytische Disziplin gewünscht. Wer den Verfall des Diskurses diagnostiziert, sollte selbst umso genauer zwischen seinen Erscheinungsformen unterscheiden. Gleichwohl liegt die Stärke des Buches in seiner klaren Stoßrichtung! Precht erinnert, gegen einen nicht zu leugnenden Zeittrend (!) daran, dass Demokratie auf Dissens angewiesen ist und dass die Bereitschaft, abweichende Positionen auszuhalten, eine ihrer Grundbedingungen darstellt. Seine Kritik an einer Diskurskultur, die moralische Eindeutigkeit über argumentative Offenheit stellt, ist zumindest diskussionswürdig und trifft einen zentralen Punkt gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Im Ergebnis bleibt ein ambivalenter Eindruck. „Angststillstand“ ist kein präzise durchgearbeitetes Analysewerk, sondern ein Buch, das von Zuspitzung lebt und dabei analytische Unschärfen in Kauf nimmt. Gerade deshalb ist es aber auch anschlussfähig. Weniger als abschließende Diagnose, sondern als Ausgangspunkt für eine weiterführende Diskussion. Wer bereit ist, diese Unschärfen mitzudenken, wird aus der Lektüre durchaus Gewinn ziehen. Zwar nicht unbedingt in Form gesicherter Erkenntnisse, wohl aber als Anstoß zur eigenen Urteilsbildung. Das entspricht dem Leitbild des mündigen Lesers, der seine Urteilskraft nicht delegiert, sondern Argumente prüft und gegeneinander abwägt. Trauen Sie sich, auch dort zu widersprechen, wo Einigkeit bereits erwartet wird.
ab 20,00 €
Produktbild Angststillstand
4/5
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Angststillstand

Richard David Prechts „Angststillstand“ ist weniger ein systematisch ausgearbeitetes Sachbuch als vielmehr eine kulturkritische Intervention, die ihren Ausgangspunkt in einem deutlich empfundenen Unbehagen nimmt: dem Eindruck eines sich verengenden Meinungskorridors in der deutschen Öffentlichkeit, den doch laut der Allensbach-Umfrage bzgl. Meinungsfreiheit etwa 54% der Deutschen teilen. Prechts zentrale These ist dabei schnell benannt und zugleich der rote Faden des gesamten Buches; Nicht fehlende Meinungen, sondern die Angst vor deren Artikulation und das Benennen von Misständen sei zum eigentlichen Problem geworden. Diese Diagnose ist zunächst nicht unplausibel. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass sich öffentliche Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend moralisieren und personalisieren. Precht beschreibt diesen Prozess als Verschiebung weg von argumentativer Auseinandersetzung hin zu sozialer Sanktionierung. Kritik richtet sich nicht mehr primär gegen Positionen, sondern gegen Personen und zwar mit entsprechendem Eskalationspotenzial. Seine zugespitzte Rede von der „Axolotlisierung“ der Gesellschaft, also einem Zustand permanenter Unreife und Empörungsbereitschaft, ist dabei weniger analytischer Begriff als rhetorisches Verdichtungsinstrument, trifft aber zumindest ein verbreitetes Gefühl. Prägnant und beispielhaft können Sie sich dies m.M.n anhand der Kontroverse run dum die Autorin J.K. Rowling vor Augen führen. Unabhängig davon wie man ihre Position im Einzelnen bewertet, zeigt der Verlauf der Debatte doch eine typische Dynamik; Innerhalb kürzester Zeit verschob sich der Fokus von der primär inhaltlichen Auseinandersetzung hin auf eine morlaische Einordnung der Person selbst. Unterstützer und Kritiker standen sich also nicht länger als Diskurspartner bzw. "Gegner", im weitesten Sinne, gegenüber, sondern als Vertreter unterschiedlicher ideologischer Positionen. Solche Geschehnisse sind es, die Precht im Blick hat, wenn er von einem Diskussionsklima spricht, in dem nicht mehr die Qualität des Arguments, sondern die potenziellen sozialen folgen über seine Äußerbarkeit bestimmen. De facto also ein Verlust des Leitbildes nach Habermaas des zwanglosen Zwangs des besseres Arguments. Problematisch wird das Buch dort, wo aus dieser Beobachtung eine weitreichende Diagnose abgeleitet wird, ohne sie hinreichend abzusichern. Precht operiert häufig mit exemplarischen Eindrücken und generalisiert diese zu gesellschaftlichen Trends. Empirische Fundierung oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschung bleiben weitgehend aus. Das ist insofern bemerkenswert, als der Anspruch des Buches durchaus ein grundsätzlicher ist. Es geht nicht um einzelne Fehlentwicklungen, sondern um den Zustand der demokratischen Debattenkultur insgesamt. Sicher, es ließe sich einwenden, dass Prechts Vorgehen auch der Eigenlogik des Formats geschuldet ist. Schließlich ist "Angststillstand" keine langfristig angelegte Studie, sondern eine Intervention, ein Essay, in eine noch immer laufende, sich rasch verschiebende Debatte. Dies sollte beim Lesen berücksichtigt werden. Der damit verbundene Zeitdruck begünstigt Zuspitzungen und geht nahezu zwangsläufig zulasten empirischer Absicherung. Gleichwohl entbindet es nicht vollständig von analytischer Sorgfalt, gerade bei einem so gravierenden Thema. Hinzu kommt, dass die Argumentation nicht immer die nötige Trennschärfe aufweist. Unterschiedliche Phänomene, von sozialer Ächtung in digitalen Räumen bis hin zu legitimer gesellschaftlicher Kritik, werden teilweise unter einem gemeinsamen Deutungsmuster zusammengeführt, ohne ihre jeweiligen Bedingungen ausreichend zu differenzieren. Gerade hier hätte man sich mehr analytische Disziplin gewünscht. Wer den Verfall des Diskurses diagnostiziert, sollte selbst umso genauer zwischen seinen Erscheinungsformen unterscheiden. Gleichwohl liegt die Stärke des Buches in seiner klaren Stoßrichtung! Precht erinnert, gegen einen nicht zu leugnenden Zeittrend (!) daran, dass Demokratie auf Dissens angewiesen ist und dass die Bereitschaft, abweichende Positionen auszuhalten, eine ihrer Grundbedingungen darstellt. Seine Kritik an einer Diskurskultur, die moralische Eindeutigkeit über argumentative Offenheit stellt, ist zumindest diskussionswürdig und trifft einen zentralen Punkt gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Im Ergebnis bleibt ein ambivalenter Eindruck. „Angststillstand“ ist kein präzise durchgearbeitetes Analysewerk, sondern ein Buch, das von Zuspitzung lebt und dabei analytische Unschärfen in Kauf nimmt. Gerade deshalb ist es aber auch anschlussfähig. Weniger als abschließende Diagnose, sondern als Ausgangspunkt für eine weiterführende Diskussion. Wer bereit ist, diese Unschärfen mitzudenken, wird aus der Lektüre durchaus Gewinn ziehen. Zwar nicht unbedingt in Form gesicherter Erkenntnisse, wohl aber als Anstoß zur eigenen Urteilsbildung. Das entspricht dem Leitbild des mündigen Lesers, der seine Urteilskraft nicht delegiert, sondern Argumente prüft und gegeneinander abwägt. Trauen Sie sich, auch dort zu widersprechen, wo Einigkeit bereits erwartet wird.

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