Zitat
Eine Woche nach Ostern geschieht es: Ein Schriftsteller, der gerade ein Buch fertiggestellt hat, das "Einiges über den lieben Gott" heissen wird und diesen als Erfindung der todesfürchtigen Menschen deutet, muss sich unter Magenkrämpfen und Todesahnungen ins Spital begeben. Es ist das erste Mal für ihn, wiewohl er immerhin 61 Jahre alt ist und sich nicht gerade eines gesunden Lebenswandels befleissigt hat. Selbst in der grössten Pein versucht er Übersicht zu bewahren: "Was muss man mitnehmen ins Krankenhaus? Die Zigaretten darf ich nicht vergessen." [...] Das Jahr 2006 war für den 1945 geborenen Walter Wippersberg, dem vom Kinderbuch über den Krimi, den politischen Essay bis zum Fernsehfilm viele Genres zu Gebote stehen, kein gutes Jahr. Aber er hat es überlebt und das, was ihm widerfahren ist, zum Anlass genommen, seine Lebensgeschichte von zwei Seiten aus aufzurollen: "Vom Anfang erzähle ich und von einer Zeit, die das Ende hätte sein können. Eine Art Vorspiel zum Leben das eine, eine Art Vorgeschmack auf das Sterben das andere." Die zwei "Berichte über mich", wie der Untertitel seines stilistisch glasklaren Buches heisst, erzählen in minuziöser Parallelführung von den drei Monaten, in denen sich der um sein Leben ringende Autor erfolgreich seinen Atheismus zu bewahren versucht, und von seiner Kindheit und Jugend im oberösterreichischen Steyr. Wie Wippersberg nicht nur die kurze Geschichte seiner Krankheit mit der langen seiner Entwicklung zum Schriftsteller und eigensinnigen Geist zu verbinden weiss, sondern er es auch noch zuwege bringt, die wechselvolle Geschichte einer österreichischen Provinzstadt darzulegen und die sozialen und kulturellen Veränderungen seit den fünfziger Jahren in prägnanten Details zu fassen, dass ist atemberaubend. -- Neue Zürcher Zeitung, 13. Oktober 2008