Gehörlose erleben die Welt grundlegend anders als Hörende. Kein tief fliegendes Flugzeug oder heiseres Krähen eines Hahns weckt sie frühmorgens, weder Verkehrsrauschen noch Baustellenlärm lenken sie von der Arbeit ab, ihr Frühling kehrt ein ohne Vogelgezwitscher, und sie sind nie unfreiwillige Zeugen von Handygesprächen im Zug. Da sie in ihrer Wahrnehmung stark visuell orientiert sind, werden sie hin und wieder auch »Augenmenschen« genannt.
Die Autorin Johanna Krapf hat acht Gehörlose zwischen 12 und 72 Jahren befragt und ihre Geschichten aufgezeichnet. Sie erzählen darin über ihren Werdegang,
über Kommunikationsbarrieren im Alltag, aber auch über das bereichernde Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und Kultur der Gehörlosen. Außerdem schildert ein Jugendlicher, wie er in Schule und Freizeit mit seinem Hörimplantat zurechtkommt. Und eine Gebärdensprachdolmetscherin vermittelt spannende Einblicke in ihre Arbeit.
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Eindrückliche Geschichten
peedee am 16.10.2016
Bewertungsnummer: 976826
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In der Schweiz gibt es ca. 8000 Gehörlose, in Deutschland ca. 80000, in Österreich ca. 10000 genaue Zahlen fehlen. Die Autorin hat in ihrem Buch mehrere Menschen mit einer Hörbehinderung zwischen 12 und 67 Jahren aus ihrem Leben erzählen lassen.
Erster Eindruck: Ein schönes Cover mit einigen der porträtierten Personen auf schwarz-weiss-Fotos. Zwischen den einzelnen Porträts hat es Informationen zu weiteren Themen, wie z.B. das Lautsprachbegleitende Gebärden (LGB), das Cochlea-Implantat oder zum Gebärdensprachdolmetschen
Aus persönlichen Gründen bin ich für das Thema Hörbehinderung sensibilisiert und habe mich deshalb sehr für diese Lektüre interessiert. Alle Geschichten fand ich sehr eindrücklich; hier vier kurze Ausschnitte davon:
- Rita Zimmermann, geb. 1947, gehörlos, Ehemann schwerhörig, zwei hörende Kinder. Sie erzählt von ihren Schwierigkeiten in der Kindheit und dem Einstieg in die Berufswelt. Und auch, wie sich vor allem ihr Sohn für die Mutter schämte, wenn sie in der Öffentlichkeit gebärdete. Traurig, oder? Zu ihrer Zeit gab es nur folgende Berufsaussichten: Lochkarten-Stecherin, Weissnäherin, Damenschneiderin, Teppichflickerin, Büglerin und Pelznäherin.
- Corina Arbenz-Roth, geb. 1975, gehörlos, Ehemann hörend, zwei Töchter, eine davon gehörlos. Sie erzählt über das Leben in der hörenden und gehörlosen Welt.
- Patricia Hermann-Shores, geb. 1961, gehörlos, einer von zwei Brüder ebenfalls gehörlos, die Eltern hörend und schwerhörig. Ihr Weg in die Schweiz führte sie von Südafrika nach Kanada und dann mit Praktikas nach Europa, wo sie ihren Mann kennenlernte. Sie studierte an der Gallaudet University in Washington DC, der weltweit ersten Universität für gehörlose und schwerhörige Studierende mit mehr als 40 Bachelor-Studiengängen.
- Eymen Al-Khalidi, geb. 1997, trägt ein Cochlea-Implantat (ohne dieses Implantat wäre er völlig taub). Er erzählt u.a. von den Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden.
Am Mailänder Kongress von 1880 wurde von Gehörlosenpädagogen entschieden, dass gehörlose Kinder ausschliesslich in Lautsprache zu unterrichten seien. Die damals herrschende Meinung war, dass die Gehörlosen sprechfaul würden, wenn sie gebärden dürften und somit die Integration schwieriger würde. Pikant ist bei dieser Entscheidung, dass nur die hörenden Gehörlosenpädagogen ein Stimmrecht hatten! Erst 2010 wurde dieser Beschluss aufgehoben. Mich hat schockiert, dass die Gebärdensprache so lange verboten war, obwohl das aus Sicht vieler Gehörloser ihre eigentliche Erstsprache wäre. Viele Hörende meinten früher sogar, die Gebärdensprache sei eine Art Affensprache! Mittlerweile drücken sich jedoch viele bilingual, also mit der Gebärden- und der Lautsprache aus. Ein schönes Buch vielen Dank dafür.
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