Davie Lurie, Literaturprofessor in mittleren Jahren und zweimal geschieden, ist in Ungnade gefallen: eine Affäre mit einer seiner Studentinnen ist an die Öffentlichkeit gedrungen. Der peinlichen Befragung entzieht er sich durch ein Schuldbekenntnis. Er quittiert seinen Dienst und verläßt Kapstadt, um für eine Weile zu seiner Tochter aufs Land zu ziehen. Lucy, die keinerlei Ambitionen in der Welt ihres Vaters hat, versucht auf einem entlegenen Stück Land eine kleine Farm aufzubauen. Zunächst scheint es, als könnten der Einfluss Lucys und der natürliche Rhythmus des Farmlebens Davids aus den Fugen geratenem Leben neuen Halt geben, doch dann werden Vater und Tochter Opfer eines brutalen Überfalls, in dessen Folge der grundlegende existentielle Konflikt zwischen beiden offen zutage tritt.
»Die fortwirkende Erbschaft von Hass und Rachsucht, die das formelle Ende der Apartheid noch lange überdauern wird, beschwört J. M. Coetzee in lakonischer Sprache - und mit der Bannkraft von Weltliteratur.« Der Spiegel
Ausgezeichnet mit dem Booker-Preis 1999
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
buchwürmchen
aus reutlingen
5/5
28.06.2010
Buch (Taschenbuch)
David Lurie, Professor an…
David Lurie, Professor an einer südafrikanischen Universität, weiß, dass seine Chancen beim weiblichen Geschlecht sinken und nimmt sich, was er an sexuellen Erfüllungen noch braucht, von den wöchentlichen Besuche bei der Prostituierten Soraya. Seine mühsam errichtete Scheinwelt, bekommt erste Risse, als er Soraya als ganz normale biedere Mutter entdeckt. J.M. Coetzee beschreibt in seinem Roman, das rasche Ausscheiden aus dem, was Lurie ein normales Leben nennt. Eine folgeschwere Beziehung zu einer Studentin bedeutet das endgültige aus für seine Kariere und soziale Stellung. Er flüchtet zu seiner Tochter aufs Land, wo er sich Wundheilung erhofft, aber es kommt alles anders. Brilliante Sprache, knapp und trocken, klar und intelligent, Gefühle nur gelegentlich aber deutlich, passend zu diesem Charakter. Fazit: soll man gelesen haben!
Michelle Rößner
aus Göttingen
5/5
22.07.2009
Buch (Taschenbuch)
Erlebnis von Gewalt und ihre Folgen
Nach bekannt werden seiner Affäre mit einer Studentin, entzieht sich Literaturprofessor David Lurie der Öffentlichkeit und seinem bisherigen Leben, indem er seine Anstellung bei der Cape Technical University kündigt und sich bei seiner Tochter Lucy einquartiert. Lucy, die gemeinsam mit ihrer Freundin eine Farm außerhalb von Kapstadt bewirtschaftet, hat wenig mit der Welt und den Ansichten ihres Vaters gemein und so entsteht nur langsam eine Annäherung. Zwar hat Lurie wenig Verständnis dafür, dass seine Tochter eine Beziehung mit einer Frau führt, dennoch sieht es zunächst so aus, als würde ihm der Besuch auf der Farm seinen verlorenen Lebenssinn zurückgeben. Doch dann werden Vater und Tochter Opfer brutalster Gewalt und die Unterschiedlichkeit beider tritt deutlich zu Tage. Während Lurie nur noch Rache und eine gerechte Strafe für die Täter im Sinn hat, ist Lucy in der Lage, das Erlebte auf ihre Art zu verarbeiten und mit all seinen Folgen zu akzeptieren. Welten prallen aufeinander und die bisherigen Konflikte der ohnehin schwierigen Vater-Tochter-Beziehung werden offengelegt. Schande ist ein gnadenloses Buch nicht nur, was die Darstellung von Gewalt, sondern auch, was die Offenlegung von Konflikten und die Klarheit der Sprache betrifft. Es ist einfach gnadenlos gut!
Polar
aus Aachen
5/5
07.08.2007
Buch (Taschenbuch)
Weißschwarz
Selten bewegt einen eine Geschichte so wie die von David Lurie und seiner Tochter Lucy. Wie tief der Selbsthaß, die Unterdrückung in Südafrika und der daraus entspringenden Wut in den ehemaligen Kolonien des Kontinents sitzt, wird in Schande so eindringlich beschrieben, daß man sie nicht nur diskutieren, sondern auch nachempfinden kann. Abseits jeglichen Versöhnungprozesses leben zerrissene Menschen aller Hautfarben in diesen Ländern. Das Brandmal weißer Herrschaft, ist nicht mit einer Unabhängigkeitserklärung auszulöschen. Doch eigentlich hat David Lurie andere Probleme. Eine Affäre ohne Leidenschaft wird ihm zum Verhängns., so daß er seinen Beruf, sein bisheriges Leben verliert. Auf dem Land bei seiner Tochter will er genesen, doch dort ist die Luft vom Rassismus vergiftet, führt ein brutaler Überfall zu einer unüberbrückbaren Konfrontation zwischen ihnen. Wie weiter leben in diesem Land? Unter Menschen, die auf der Suche sind. Es gibt keinen Kompromiß. Ein Land, das gewohnt ist, daß es nur Oben und Unten gibt, Gewalt an der Tagesordnung ist, sucht sich selbst. Es wird sich finden, mit der Zeit. Solange ist das Leben dieser Menschen hart, karg wie die Sprache, die Coetzee dafür findet. Doch den Leser läßt die Geschichte nicht unberührt zurück.
Bewertung
aus Göppingen (BaWü)
5/5
18.07.2006
Buch (Taschenbuch)
Mitreissendes Südafrika-Portrait
Schande ein sehr vielschichtiges Buch. Der Roman lässt sich lesen als die Geschichte eines 52jährigen Mannes, der seinen Alterungsprozess nicht akzeptieren kann, als südafrikanisches Gesellschaftsportrait in der Nach-Apartheid-Zeit und als Vater-Tochter-Beziehungsdrama. In einer weitgehend klaren und lakonischen Sprache ist der Roman spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Obwohl keine der Hauptpersonen als Sympathieträger zur Identifikation einlädt, wird man doch mitgerissen mit der Handlung. Mich hat dieser Roman zutiefst verwirrt und zum Nachgedenken angeregt. Nach "Schande" weiß ich jedenfalls, wieso Coetzee als bisher einziger Schriftsteller zweimal mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde und den Literaturnobelpreis bekommen hat.
Bories vom Berg
aus München
3/5
01.08.2019
Buch (Taschenbuch)
Tribut an Südafrikas Geschicht…
Tribut an Südafrikas Geschichte Er sei ein Schriftsteller, «der in zahlreichen Verkleidungen die überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums darstellt», hat das Nobelkomitee die Preisvergabe an John Maxwell Coetzee begründet, es hat damit sehr treffend auch den Roman «Schande» von 1999 charakterisiert. Die Rezeption seiner Werke ist eine einzige Erfolgsgeschichte, schon sein erstes Buch wurde international positiv aufgenommen. Der Titel «Disgrace», wie der Roman im Original heißt, ist mehrdeutig, er bedeutet einerseits «Ungnade», andererseits aber auch «Schande», - für die Problematik im Roman sind beide Bedeutungen zutreffend. Südafrika ist untrennbar mit der unrühmlichen politischen Periode der Apartheid verbunden, die also auch hier die Dramatik des Plots im Wesentlichen mitbestimmt, wie bei vielen anderen Schriftstellern aus diesem Lande ja auch. J. M. Coetzee, wie er als Autor genannt werden will, tritt hier unverkennbar als Kunstfigur in der Person seines Protagonisten David Lurie auf. Dieser 52jähriger Professor für Kommunikations-Wissenschaften in Kapstadt ist zweimal geschieden, beruflich wenig erfolgreich, er ist zudem von einem unwiderstehlich Drang zum weiblichen Geschlecht getrieben, - die Zahl seiner Affären ist beachtlich und schließt auch Studentinnen mit ein. Bis ihm die Affäre mit einer seiner Schülerinnen zum Verhängnis wird und er, jede Reue ablehnend, in «Ungnade» aus dem Dienst entlassen wird. Um Abstand zu gewinnen flüchtet er auf die kleine Farm seiner Tochter Lucy in der Provinz Ostkap und wird dort auf dem Land mit einem für ihn fast archaischen Milieu konfrontiert. Nach einigen Wochen werden sie beide am hellerlichten Tage auf der Farm von drei Männern überfallen, Prof. Lurie wird brutal in die Toilette gestoßen, mit Spiritus übergossen und angezündet, er erleidet Verbrennungen am Kopf. Das Haus wird geplündert, die Verbrecher flüchten mit seinem Auto. Die sonst so tatkräftige Lucy steht unter schwerem Schock, ist zu nichts mehr fähig, und erst nach Wochen gesteht die Lesbierin ihrem Vater, brutal, geradezu hasserfüllt vergewaltigt worden zu sein, ihr wurde eine unsägliche «Schande» angetan. Sie hatte damals aber nur den Raubüberfall der Polizei gemeldet, der Versicherung wegen, und weigert sich im Übrigen beharrlich, als alleinstehende junge Frau in diesem offensichtlich gefährlichen, abgelegenen Landstrich, ihre Farm aufzugeben und damit ihren Lebensinhalt. Für einen europäischen Leser ist es ziemlich seltsam, dass Coetzee konsequent verschweigt, welcher Ethnie seine jeweiligen Romanfiguren angehören, nur bei dem Protagonisten holländischer Herkunft und seiner Tochter ist dies eindeutig klar. Auf dem Land aber handelt es sich mutmaßlich um Farbige, auch für die Verbrecher darf man das selbstverständlich annehmen, erwähnt wird es mit keinem Wort, - eine übertriebene, fast schon abartige Political Correctness. Auch nach Überwindung der Apartheid ist die indigene Bevölkerung zumindest ökonomisch weitgehend abgehängt und lebt in prekären Verhältnissen, aus denen heraus sich ein grenzenloser Hass entwickelt, der sich dann in solchen Gewaltexzessen entlädt. Nur so ist auch die geradezu demütige Haltung von Lucy zu verstehen, die vorher überaus selbstbewusste, emanzipierte Frau will sich resigniert dieser harten Realität beugen. In parallelen Handlungssträngen werden neben der zentralen ethnischen Problematik auch das Verhältnis Mensch-Tier, der Geschlechterkonflikt und die der Sprache innewohnenden Probleme thematisiert. Ein köstlicher Nebenstrang ist zudem der Versuch von Prof. Lurie, als Laie eine Kammeroper über die Affäre von Lord Byron mit Teresa Guiccioli zu komponieren, - um ein besser Mensch zu werden! In einfachen Worten wird hier zielstrebig und lakonisch eine spannende Geschichte erzählt, eine düstere Parabel über die menschliche Natur, in der am Ende allerdings Lucys Resignation als Tribut an Südafrikas Geschichte doch arg konstruiert erscheint.
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