Wie sein Verfasser ist der Held des Buches, Simon Tanner, besessen von einem unbändigen Freiheitsdrang und betrachtet die Welt und die Menschen ganz unbefangen, nicht mit einem »verbildeten, verstopften Kopf«. Das bringt ihn in die kuriosesten Konflikte mit der Welt der Konventionen, mit den Angepaßten, den von Karriere und Konkurrenz Kompromittierten.
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Walsers Romandebüt
Zitronenblau am 06.11.2011
Bewertungsnummer: 751461
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zweifelsohne gehört Robert Walser zu den großen deutschsprachigen Literaten. Sein Roman "Geschwister Tanner" ist sehr komplex und doch sehr verdichtet. Er handel von Simon Tanner, der ein Sehnender ist, der schwankend zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und seiner poetischen Freigeistigkeit, umherwandert. Und seine Reise nimmt kein Ende. Er zieht durch die Landen, nimmt hier und dort Stellungen an, kündigt diese ebenso schnell wieder (manchmal verwendet Walser nur ein Satz für einen solchen Zeitraum eines Bleibens, das freilich auf die Bedeutungslosgkeit dieser Beschäftigungen hinweisen soll). An dieser Stelle ist nicht genug Platz um all die Stationen zu nennen. Wichtiger ist Tanners Reflexionsvermögen, seine Sehnsucht nach Freiheit, Poesie und Dichterdasein. Eine besondere Rolle nehmen nicht nur die Begegnungen mit den kurzweiligen Arbeitgebern und anderen Personen ein, sondern insbesondere die mit seinen Geschwistern (z.B. der Gelehrtenbruder, der Malerbruder, die tugendhafte Schwester, der Irre). Sie sind die Möglichkeiten, die Modalitäten der Existenz. Aber auch Abbilder autobiographischer Implikationen. Sie sind seine Reflexion. Sie sind Tanners Erziehungsfaktoren, die eine Entwicklung des Taugenichts beschwören wollen, und doch geht Simon auf der Stelle. Ein Wandern ohne Ziel...
Wenn mich jemand fragen würde, in welcher Reihenfolge man den Walser lesen sollte, würde ich "Geschwister Tanner" als Einstieg empfehlen. Der Simon-Charakter wird fast 1:1 in "Der Gehülfe" übernommen: auch hier keine Entwicklung. Doch arbeitet Walser eine stärkere Dialektik zwischen Herr & Knecht aus, die fast bis ins Masochistische ausstrahlt. Wir erkennen diese Ansätzen bereits im vorliegenden Roman, z.B. bei der Hausdame, die seine Frechheiten, die er freudig intendiert, aushalten muss. Das dialektische Moment nimmt in "Jakob von Gunten" seinen Höhepunkt. Zugleich müssen wir Walser auch mehr und mehr eine stilistische Vollendung anerkennen. Ist "Geschwister Tanner" geprägt von einem postromantischen Realismus, ist "Jakob von Gunten" ein Potpourri aus Bericht, Fiktion und Imagination. Walsers Höhepunkt ist "Der Räuber" - ein Epos nur noch für Literaturkenner, in dem Walser der erzählerischen Form und seinem idiomatischen Stil den Primat gegenüber inhaltlicher Tiefe zuweist.
Wie wirkt "Geschwister Tanner"? Der Leser erwartet eine Entwicklung, die Simon nicht erreicht, doch weniger durch den indifferenten Charakter als vielmehr durch seine poetische Rebellion. Darin aber bleibt wenig Raum für Struktur. Das Buch ist inkonsistent. Die Reflexionen in den inneren Monologen und den Dialogen sind nichts anderes als die neurotische Repetitio, evoziert durch diesen "A-Helden", der sich gewissermaßen - bewusst oder unbewusst - in diesen Zirkel begibt, um sich sein Poetenleben immer wieder vor der Übermacht der sozialen Realitätstruktur zu rechtfertigen. Er wird nicht siegen, weil er im Zirkel selbst weiß, dass er nur rebellieren kann. Er ist gespalten, weil er nicht so sein kann, wie er sein will... Ein Buch zum Kennenlernen, aber auch noch etwas unsicher...
Eine kugelrunde Null
Bewertung am 01.09.2022
Bewertungsnummer: 1778196
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Jakob von Gunten, das Tagebuch des gleichnamigen Dienerschülers, ist sowohl ästhetisch als auch inhaltich ein Pamphlet für den Masochismus als gesellschaftliches und kulturhistorisches Phänomen. Nicht zuletzt überzeugt die Lektüre aber auch durch ihren bestechend düsteren Humor.
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