Mustermütter und Karrierefrauen, Eurythmie und Hysterie, Alleinerziehende und Problemkinder, Wohlstand und Verwahrlosung.
Was geschieht, wenn man das Leben, das man immer haben wollte, endlich führt? Wenn die Kompromisse in Zwang umschlagen und das Glück sich nicht einstellt?
In ihrer literarisch bestechenden Bestandsaufnahme erzählt Anna Katharina Hahn von Frauen, deren Lebensraum zum Käfig geworden ist – und von einem Jungen, der ausbricht.
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Ein Roman, der nachdenklich macht und wahrscheinlich lange nachwirkt
PMelittaM aus Köln am 11.06.2015
Bewertungsnummer: 880931
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Judith und Leonie wohnen mit ihren Familien in gegenüberliegenden Häuser. Beider Leben unterscheiden sich grundlegend während Judith Nur-Hausfrau ist, ihre Kinder einen Waldorf-Kindergarten besuchen und ihr Mann sich Zeit für die Familie nimmt, geht Leonie arbeiten, ihre Kinder besuchen den Kindergarten, in dem sie einen Platz bekommen haben, egal, wie das pädagogische Konzept aussieht, und ihr Mann schiebt eine Überstunde nach der anderen. Unter Judith lebt das Ehepaar Posselt, beide über 80 und immer noch glücklich miteinander. Im selben Viertel, aber unter ganz anderen Umständen, lebt Marco, knappe 13 Jahre alt, bei seiner alleinerziehenden Mutter und ihrem gewalttätigen Freund.
Der Roman schaut hinter die Fassaden und lässt uns das Leben der Protagonisten hautnah miterleben. Das geht mitunter unter die Haut, macht nachdenklich und bleibt auch nach dem Lesen noch lange haften. Jeder hat hier sein Päckchen zu tragen und hinter der Fassade sieht es oft ganz anders aus. Die Perspektiven der Erzählung wechseln, man erfährt viel über das bisherige Leben der Protagonisten und darüber, wie sie sich selbst sehen, und, da sie sich alle untereinander kennen, auch, wie jeder die Anderen wahrnimmt. Das ist sehr interessant und als Leser hinterfragt man womöglich eigene Gedankengänge.
Mich hat der Roman mit jeder Seite mehr gepackt, ich bin regelrecht darin versunken und habe eine zunehmende Spannung empfunden. Dass der Roman dann sehr offen endet, empfand ich nur kurz als ärgerlich, immerhin gibt es mir so weitere Möglichkeiten nachzudenken.
Mir hat es übrigens auch sehr gefallen, dass der Roman in Stuttgart spielt und man das sprachlich auch merken kann. Für jemand, der keine Beziehung zu diesem Ort oder der Gegend hat, könnte das aber etwas störend wirken. Anna Katharina Hahns Erzählstil, vor allem der Präsens, macht die Erzählung noch eindringlicher, ich habe teilweise fast atemlos gelesen. Das Coverbild, die Sprünge im Stuck, ist meiner Meinung nach sehr passend gewählt, das wird einem aber erst nach der Lektüre bewusst.
Insgesamt ein Buch, das bei mir noch lange nachwirken wird und das ich gerne empfehlen. Wer einfach nur eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre sucht, ist hier aber wohl fehl am Platz.
Kürzere Tage von Anna…
Max aus Penzberg am 03.03.2010
Bewertungsnummer: 2700825
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn hat mich vom ersten Lesemoment an gefangen genommen. Mit leichter Sprache erzählt sie jeweils aus der Innensicht der Beteiligten. So spiegeln sich die Wahrnehmungen von Leonie und Judith jeweils in den Betrachtungen der anderen. Beispielsweise hätte Leonie auch gerne so wohlerzogene Kinder, wie es scheinbar bei Judith der Fall ist - zumindest beim blick in das hell erleuchtete Esszimmer gegenüber. Aber hinter dem schönen Schein lauert jeweils ein Abgrund, der erst nach und nach aufgedeckt wird.
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