Am frühen Morgen des 22. Juni 1941 überfielen deutsche Truppen die Sowjetunion. "Unternehmen Barbarossa" hatte begonnen. Für die nächsten vier Jahre versank das Land in einer Orgie der Gewalt. Christian Hartmann schildert den Verlauf des deutschen Eroberungs- und Vernichtungskriegs im Osten auf dem neuesten Stand der Forschung, bettet ihn ein in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und schildert seine bis heute spürbaren Folgen.
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Multidimensionales & mahnendes Kompendium
timediver® aus Oberursel am 14.08.2025
Bewertungsnummer: 2567462
Bewertet: eBook (ePUB)
Zum 70. Jahrestag des nationalsozialistischen Überfalls auf die Sowjetunion hat der promovierte Historiker und erste Preisträger des "Werner-Hahlweg-Preis für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften", Christian Hartmann (Jahrgang 1959), eine mehrdimensionale Analyse für einen Krieg vorgelegt, der für die Menschheitsgeschichte wohl als einzigartig anzusehen ist....
....denn kein Krieg war wie dieser. Keiner hat sich derart in die Erinnerung und das Bewusstsein der Generationen eingebrannt, wie diese beinahe vierjährige Apokalypse zwischen zwei totalitären ideologischen Pseudoreligionen. Kaum eine anderer kriegerische Auseinandersetzung reicht an seine geographische Ausdehnung, Größe seiner Teilnehmerzahl und nicht zuletzt an die Anzahl seiner Opfer heran. Allein bei der Panzerschlacht um Kursk vom 5. bis 16 Juli 1943, von der NS-Propaganda als "Unternehmen Zitadelle" bezeichnet, boten die beiden Kriegsherren Hitler und Stalin zusammen mehr als 2,6 Millionen Soldaten, 7403 Panzer und Sturmgeschütze, 5020 Flugzeuge und beinahe 39.000 Geschütze auf. Über 230.000 Menschen verloren hierbei ihr Leben oder gerieten in Gefangenschaft....
....der von beiden Seiten als Existenzkampf geführte Weltanschauungskrieg brachte - neben dem Geschehen an der unmittelbaren Kampffront - unzählige Wellen inhumaner Gewaltorgien in einem nie gekannten Ausmaß und Selbstverständnis hervor. Dr. Hartmann stellt bereits in seiner Einleitung jedoch klar, dass die Initiative zu diesem Krieg allein vom NS-Staat ausging und dessen Verbrechen aufs Ganze gesehen deutlich schwerer wiegen als die sowjetischen. Während das "Unternehmen Barbarossa" als rassenideologischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg begonnen wurde, herrschte auch in der Sowjetunion ein totalitäres und zweifelsfreies Schwerverbrecherregime, das als solches auch handelte, insbesondere in Hinblick auf einen Feind, der es förmlich an die Wand gedrückt hatte. Der Autor sieht jedoch auch den kriminellen Charakter beider Regime als autochthone Systeme an, deren Charakter auf unterschiedliche historisch-politische Voraussetzungen beruhen. Der Ansicht Ernst Noltes im sogenannten "Historikerstreit" (1986/87), wonach die NS-Verbrechen die zwangsläufige Folge derjenigen der Sowjets gewesen seien, erteilt er damit eine klare Absage (Seite 33).
Auch in seinen Nachwirkungen endete dieser - aus sowjetischer Sicht - "Große Vaterländische Krieg" nicht mit der bedingungslosen Kapitulation des "Dritten Reiches" am 08./09. Mai 1945. Denn er veränderte die Landkarte Europas deutlich und spaltete neben Deutschland auch die gesamte Welt in zwei feindliche Blöcke, die sich im sogenannten "Kalten Krieg" mehr als vier Jahrzehnte feindlich gegenüberstehen sollten.
Dr. Christian Hartmann ist es auf 116 Seiten gelungen, die unterschiedlichsten Aspekte der zwischen 1941 - 1945 wütenden Ereignisse in kompakter Form darzustellen. Den militärischen Aktionen und Reaktionen hat er hierzu zwei Kapitel mit insgesamt 25 Seiten gewidmet. Vom deutschen Überfall, den Erfolgen des "Blitzkrieges" über die militärische Wende 1943, den Zusammenbruch der Ostfront bis zum sowjetische Sieg und einer abschließenden militärischen Bilanz. Zwei weitere Kapitel befassen sich mit der Politik der Kontrahenten. Für 1940/41 stehen Hitlers Ideologie und Strategie mit dem monströsen Entwurf eines "Großgermanischen Reiches Deutscher Nation", derjenigen Stalins gegenüber, mit der er die Sowjetunion durch den Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 - zu mindestens fürs Erste - aus einem großen europäischen Krieg heraushalten wollte. Für die Jahre 1941 - 1945 stehen neben der deutschen und sowjetischen Außenpolitik, die Mobilisierung der sowjetischen Gesellschaft und die sowjetischen Verbrechen, wie Völkermord durch Liquidierung und Deportation, seit 1939 im Mittelpunkt der Betrachtungen. Ein Kapitel beschreibt die Voraussetzungen bei den Angreifern, Verteidigern und ihren Verbündeten, sowie die Sowjetunion mit ihrem schier endlosen Potential an Menschen und geografischen Raum. Die Kapitel über die "Deutsche Besatzungsherrschaft" und "Die Deutschen Verbrechen" veranschaulichen in aller Deutlichkeit, was die NS-Ideologie unter "Gewinnung von Lebensraum im Osten" zu verstehen wusste. Den unterschiedlichen, oftmals auch konkurrierenden Organisationen der Besatzungsherrschaft stand eine sowjetische Besatzungsgesellschaft gegenüber, die aus unterschiedlicher Motivation zwischen Kollaboration und Widerstand lavierte und sich schließlich, nach der Erosion der deutschen Macht, in entstaatlichten, rechtsfreien Regionen wiederfand. Die deutschen Verbrechen beschränkten sich nicht auf die Juden, sondern wurden auch an Kriegsgefangenen, bei der Belagerung Leningrads und besonders der "Partisanenbekämpfung" verübt. Daneben folgte dem Motiv der Ausbeutung das "Konzept der verbrannten Erde", das den Rückzug der einstigen Eroberer kennzeichnete.
Nachdem das letzte Kapitel die Folgen des Krieges markiert und eine historische Bilanz zieht, bietet der Anhang eine mit vier Seiten beachtliche alphabetische Auflistung von Literaturhinweisen, einen Nachweis der fünf Karten (Militäroperationen) und Bilder sowie ein Personen- und Ortsregister.
5 BOLsterne für ein multidimensionales und mahnendes Kompendium, dass als Standardwerk nicht nur in den Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterricht aller Schulabschlussklassen gehören sollte.
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