Eine Geschichte vom schönen Glück erzählt Dagmar Leupold in ihrem neuen Roman. Er handelt von den hellen und den dunklen Seiten des Menschlichen und von einer seltsamen "Schwarzarbeit": Ein italienischer Mäzen ermöglicht es einer Frau namens Minna, zu schreiben. Allerdings ist an seinen Auftrag eine ungewöhnliche Bedingung gebunden: Sie soll den Menschen Freude bringen. Ist es ein Märchen, das hier erzählt wird, ist es die reine Wahrheit, ist es beides? Der Roman ist Literatur auf der Höhe ihrer Möglichkeiten: Raffiniert und doppelbödig werden hier Wirklichkeit und Erfindung ineinander gewoben. Als Minna einer alten, aus Ostpreußen stammenden Dame begegnet, beginnt sich ein Beziehungskarussell zu drehen, bei dem Vergangenheit und Gegenwart durcheinandergewirbelt scheinen und der Glanz früherer und ferner Zeiten sich ins heutige München mischt. Einmal mehr zeigt sich, dass das Leben ein Kreislauf aus Geburt und Tod ist. Als Frühchen ist Minna auf die Welt gekommen, und auch ihr Ende, ob wahr oder erfunden, lässt nicht allzu lange auf sich warten. In aller Abgründigkeit führt Unter der Hand nach Utopia und wieder zurück. An ein Ziel, das es wirklich gibt: Schwarzort.
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Mensch, Dagmar Mit einem…
Bories vom Berg aus München am 28.01.2014
Bewertungsnummer: 2708342
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mensch, Dagmar Mit einem Zitat aus «Tristram Shandy» von Laurence Sterne wird dieser moderne, aber auch melancholische Schelmenroman wunderbar stimmig eingeleitet. Und es wird auch gleich dramatisch: Minna liegt tot auf dem Bett, als ihr Nachbar sie findet, wie hindrapiert, an Dornröschen erinnernd. Neben ihr ein Manuskript, in Leder eingeschlagen. Er beginnt zu lesen … und taucht dann erst im letzten Kapitel wieder auf, er bildet quasi eine Klammer um das Ganze. Denn was wir da eigentlich lesen, so will es Dagmar Leupold, ist genau dieser nachgelassene Text, dessen Entstehung märchenhafte Züge trägt, ein von der Autorin kunstvoll eingesetztes Stilelement, auch wenn ihre Protagonisten der Jetztzeit entstammen und ein glücklicher Ausgang nicht recht passen würde dazu. Aber man wird doch noch träumen dürfen! Während der Reha nach einem Zusammenbruch, der medizinisch unbenannt bleibt, trifft die an Melancholie leidende Minna, Single-Frau um die fünfzig, in der arkadischen Landschaft der Toskana auf Vico, einen mit dem Recycling von Abfall erfolgreichen, so gar nicht mafiosen Unternehmer, der ihr gleichwohl diskret dicke Geldumschläge zuschiebt, damit sie sich zu Hause schriftstellerisch betätigen kann, als Nachkur gewissermaßen. Ein eigenwilliges Mäzenatentum, der Italiener will nämlich sein reichlich vorhandenes Geld wenigstens zum Teil selbstlos einsetzen, um Freude zu stiften. Er hofft, dieses Glück möge sich dann auch weiter übertragen auf andere, und ihre Erfahrungen in diesem Prozess solle Minna aufschreiben. So beginnt eine turbulente Geschichte, mit viel Wortwitz ebenso zielstrebig wie kurzweilig und nachdenklich erzählt. Kaum zurück in München, ihrer Wahlheimat, trifft Minna, die sich mit verschiedenen Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, auf Lotte, eine rüstige ältere Dame über achtzig, mit der sie schon bald eine liebevolle Freundschaft verbindet, ein unerhofftes Glück für die zurückgezogen lebende betagte Frau, die aus Schlesien stammt. Nach und nach erweitert sich Minnas dürftiges Beziehungsnetz, wir lernen ihren Liebhaber Franz kennen, dann zwei halbwüchsige Nachhilfeschüler und den ehemaligen Lehrer Heinrich, der sich als ihr Froschkönig erweist, wie aus dem grimmschen Märchen entsprungen, ihre wahre Liebe. Und ihr Glück wirkt in der Tat ansteckend, ihr kleiner Lebenskreis blüht auf, man findet fast familiär zueinander. Die lakonischen Reflexionen einer erwachsenen Frau, die als Frühgeburt auf die Welt kam, ein Mängelexemplar nach eigenem Bekunden, zeigen die Ich-Erzählerin als gleichermaßen witzige wie scharfe Beobachterin des alltäglichen Wahnsinns um sie herum. Jeder bekommt da sein Fett ab in deren Gesellschaftskritik, ob das nun die treffsicher aufs Korn genommene Schickeria Münchens ist oder die wunderliche Fahrradgruppe in der Toskana. Der Schwung der Handlung flaut ganz zum Schluss hin leider etwas ab, es wird deutlich konventioneller erzählt, auch der Ausgang der Geschichte kann mich nicht wirklich überzeugen. Gleichwohl, alles was wir lesen in diesem Roman ist pointiert und geistreich formuliert, unterhaltsam, spannend, lebensklug, oft auch ironisch, manchmal gar zynisch. Die Figuren wirken allesamt sympathisch, trotz aller Melancholie gibt es komische Situationen und immer wieder amüsante Dialoge zwischen ihnen. Minna wirkt erstaunlich stark mittendrin, burschikos wie sie ist, es macht einfach Spaß, ihr als Leser durch diesen intelligenten Plot zu folgen. Und so flüstert sie einmal, ganz nonchalant, ihrem Franz beim Liebesakt zufrieden ins Ohr: «Mensch, Franz»!
Schön merkwürdig
Marie-Therese Reisenauer aus Wien am 04.11.2013
Bewertungsnummer: 478817
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dagmar Leupold versteht es geschickt Dichtung und Wahrheit zu vermischen. Bald weiß man nicht mehr ob wahr, oder erfunden. Die Rolle des Mäzens welcher der Protagonisten Minna das Schreiben ermöglicht, die geheimnisvolle alte Dame aus Ostpreussen, sie alle kommen in einen Strudel aus Beziehungen mit überraschenden Wendungen und Endungen. Etwas zum Nachdenken.
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