Von der Feststellung ausgehend, daß eine normenbildende, maßstabsetzende Poetik nicht mehr existiere, zeichnet Grünbein seinen dichterischen Werdegang als »Skizze zu einer persönlichen Psychopoetik«. Es geht dabei um die Idee vom genauen Wort, das seine maximale Aufladung erst als Resultante der Lebenssituation, seiner Stellung im kompositorischen Ganzen des Gedichts sowie im Gesamtsystem aller Arbeiten eines Autors erfährt. Unter dem Leitwort »Poesie ist Subjektmagie als Sprachereignis« bietet der Dichter am Ende seiner Vorlesung zehn Thesen auf dem gegenwärtigen Stand einer voraussichtlich unabschließbaren Sinnfindung: nicht als Poetik und nicht als Manifest, nicht als Theorie oder Methode, sondern als eigensinnigen Modus operandi des Dichtens in nachmagischer Zeit.
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Grünbein auf der Frankfurter Poetikvorlesung
Zitronenblau am 02.03.2021
Bewertungsnummer: 779742
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Grünbein ist momentan einer der bekanntesten Lyriker Deutschlands, bekannt geworden vor allem mit "Grauzone morgens". Die Ehre, zu den Frankfurter Poetikvorlesungen geladen zu werden, gebührt nicht jedem.
Grünbein macht keine manifesten Zugeständnisse - im Gegenteil: "es gibt keine Manifeste im Namen der Dichtkunst mehr." So rechtfertigt er seine eigene Lyrik, wenn er meint: "Der Vers, der einmal ein aristokratisches Vergnügen der Seele war, geboren aus der Sehnsucht, zu mißfallen, zu glänzen und zu verwirren, machte sich bald mit allem, was ihm unterkam, gemein."
Im Weiteren skizziert der Dichter seine persönliche "Psycholinguistik" und stellt klar heraus, dass das Geräusch per se die Basis seines Lyrisierens sei seit Kindheit und "daß ein Gedicht, das sich als echt herausstellt, aus Hunderten Zufällen geboren wird und daß die Gedichte sich jedesmal neu erfinden und Rezepturen und Regeln nur alles verderben."
Damit gehe ich kaum d'accord. Im Gegenteil: Lyrik folgt immer einer innern Gesetzmäßigkeit (s. Roman Jakobsons Thesen) und eine konstruierte Ästhetik ist notwendig, da Lyrisieren ein Sprechsingen ist, dass des Geistes bedarf um zu Welt, zur Sprache zu werden! Auch wenn Lyrik innerlicher sei als Epik oder Dramatik, ist ihr Stimmungshaftes, ihr Momenthaftes eine kognitive Geburt, wenn auch geschwängert von seelsichem Treiben. Da schreibt er: "Der Vers ist das Integral der Persönlichkeit. Das Gedicht wird im Glücksfall zur Charakterzeichnung dessen, der aus ihm spricht. Die Gesamtheit der Gedichte, die einer geschrieben hat, ergibt eines Tages das Kompendium seiner Gedanken und Gefühle." Grünbein selbst notiert an einer Stelle Friedrichs "Die Struktur der modernen Lyrik". Darin der Autor kristallisiert, dass das künstliche Ich geboren wurde mit den nach-baudelairschen Symbolisten -Rimbaud allen voran-: eine Enthumanisierung des lyrischen Ich. Dies steht im Widerspruch zum o. G. Es schlägt 13, wenn er meint: "Ein Dichter, der sich mit der Lyriktheorie abgibt [man beachte das Verb: "sich abgeben"!], geht kein geringes Risiko ein. Leicht beginnt er sich im Gestrüpp der allzu klaren Definitionen zu verheddern und kommt vom einzig gangbaren Weg ab, dem seiner Praxis, die zu einem gut Teil noch immer aus Prozessen des Unbewußten besteht und einer großen Portion Fingerglück." M.a.W.: Er reduziert sein Werk auf das Zufällige: "Ich bin kein Konstruktivist [wenn überhaupt heißt es: Konstrukteur!], ich glaube nicht an das hundertprozentig gemachte, vollständig durchkalkulierte Gedicht." Nun, mit Verlaub, ich ja!
Anmutig dann plötzlich Grünbein: "Poesie ist Subjektmagie als Sprachereignis." Dieser Satz trifft es dann doch recht genau. Mehr noch wenn er den Poeten glorifiziert: "Dichter sind Leute, die das Auftauchen der Worte im rechten Augenblick als die eigentliche Aufgabe ihrer Kunst verinnerlicht haben." Der Teil "Vom Stellenwert der Worte" liest sich wirklich wie ein aphoristisches Plädoyer für die Lyrik; eine Sammlung ästhetischer Beschreibungen -eben nicht Erklärungen- der Dichtkunst, die ich gern auch mit Valérys Aufsätzen gedanklich zusammenstellen würde. Dafür Chapeau!
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