Über Familiengeheimnisse – und ihre tödlichen Folgen …
Niemand versteht es so gut wie die norwegische Autorin Linn Ullmann, die Verwerfungen und Abgründe in menschlichen Beziehungen aufzuspüren und den schmalen Grat zwischen Liebe und Hass zu erkunden. In ihrem neuen Roman erzählt sie von einer scheinbar glücklichen Familie, in der zwar jeder seine Geheimnisse hat, aber alle mehr oder weniger gut damit leben. Bis in einer nebligen Julinacht eine junge Frau verschwindet und nach und nach alles Versteckte und Verschwiegene an die Oberfläche drängt …
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Aus Angst verschwiegen
Boockpicker (Mitglied der Book Circle Community) am 02.04.2026
Bewertungsnummer: 3097820
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Eine Familie aus Oslo verbringt den Sommer im Haus der Grossmutter Jenny auf dem Land, Vater Jon, Mutter Siri, die Töchter Alma und Liv, der Hund Leopold und das Kindermädchen Mille. Jon schreibt erfolglos an einem Buch herum, Siri arbeitet und versucht die Familie im Griff zu haben und regt sich innerlich darüber auf, dass sie Mille mitgenommen haben. Dann aber, am Fest zum Geburtstag der Grossmutter, verschwindet Mille spurlos, und alle verheddern sich nach und nach immer mehr ineinander, die ganze Familie droht zu explodieren. Irgendetwas bleibt im Dunkeln, wird verschwiegen, und alle entfremden sich immer mehr voneinander. Sie kommen sich selbst und gegenseitig zusehends in die Quere, Jon trinkt, anstatt zu schreiben, und Alma ist nicht mehr das herzige Kind, entwickelt vielmehr monsterhafte Züge, die Ehe droht auseinanderzubrechen und Jenny wird zunehmend dement und gebrechlich. Wird das Verschwiegene ans Licht kommen?
Einfühlsam und sehr präzise entwickelt Ullmann die Figuren zu intensiven Charakteren, beschreibt die Gegend und das Haus in Mailund bildhaft und poetisch. Sie richtet den Blick in die Untiefen und Abgründe der Seelen, die sich sehr wohl ihrer Ungereimtheiten bewusst sind, sich aber nicht aus sich selbst befreien können.
Ein intensiver, spannender Roman, meisterhaft geschrieben, sehr lesenswert.
«Fiel man zum Beispiel auf Asphalt, dessen Oberfläche echter war als Eis, trug man eine schöne frische Schürfwunde davon, die man untersuchen und im Blick behalten konnte. Es tat weh, aber man starb nicht daran. Fiel man aber auf Eis, war die Verletzung unsichtbar. Man machte Dinge im Körper kaputt, die nicht mehr heilten». (64)
«… der grosse rote Mund und die tiefschwarzen kurzen Haare gehörten einem Mädchen, das er nicht kannte, nicht erreichte. Nicht erreichen konnte. Es war nicht so, dass er es nicht probierte, dass er nicht wollte. Er schaute bei Alma nicht weg, er sah sie direkt an, aber er verstand sie nicht. Auch Siri verstand sie nicht. Aber Jon gab nicht auf». (307)
«dass man schreibt, um ein anderer zu werden, und wenn man ein anderer wird, will man dann sich selbst entkommen, oder bedeutet es womöglich mehr? Kann es nicht auch die Notwendigkeit bedeuten, aus sich heraus- und in einen anderen hineinzutreten, die Platz eines anderen einzunehmen, mitzufühlen, mitzuleben, mitzuatmen*? (330)
Bewertung am 23.07.2021
Bewertungsnummer: 1536239
Bewertet: eBook (ePUB)
Ein Kindermädchen, das spurlos während eines Geburtstagsfestes verschwindet. Die 75jährige Jubilarin, die nach 20 Jahren Abstinenz wieder zu trinken anfängt. Ihre Tochter, die sich zwischen ihrem Beruf und ihrer Familie aufreibt. Deren Ehemann, ehemals erfolgreicher Schriftsteller mit Schreibblockade und die gemeinsamen Töchter, sie alle zusammen stehen im Zentrum dieses berührenden und spannenden Familienromans. Linn Ullmann zeigt, dass alles was wir verdrängen oder leugnen irgendwann ans Licht drängt. Ein großer Roman.
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