Der Checkpoint spielt nicht nur dort eine Rolle, wo er steht. Er wirkt auch über seinen Standort hinaus. Er bestimmt das Leben der Menschen, ihr Handeln und ihr Denken.
Dies beleuchtet Asmi Bischaras literarisches Erstlingswerk »Checkpoint« in knapp sechzig meist kürzeren Kapiteln, die zusammen ein umfassendes Mosaikbild ergeben. Darauf ist zu sehen, wie der »Checkpointstaat« (Israel) im »Checkpointland« (Gasastreifen und Westjordanland) ein unsystematisches System von Kontrollpunkten eingerichtet hat, mittels dessen die Besatzer die Besetzten besser überprüfen können. Das Checkpointsystem ist für beide Seiten allgegenwärtig: »Der Checkpoint ist in den Herzen der Menschen. Er ist in ihren Augen. Der Checkpoint verbindet und trennt sie.« Ob täglicher Arbeitsweg, ob Hochzeit oder Beerdigung, ob Taxisystem oder Medieninteresse, ob politische Debatte unter israelischen Linken oder resignative Haltung bei Palästinensern, alles ist durch die Existenz zahlloser Checkpoints determiniert. So wird durch die Trennung, die diese Kontrollpunkte zwischen den »Checkpointherren« und den »Checkpointpassanten« bewirken, beziehungsweise den Kontakten, die sie zulassen, das Verhältnis der beiden Völker, Israelis und Palästinenser, zueinander festgelegt. Eine schwere Hypothek.
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Wie Fremdlinge im eigenen Land. (Hölderlin).
Almut Scheller-Mahmoud am 28.01.2022
Bewertungsnummer: 1646209
Bewertet: eBook (ePUB)
In den sechzig Episoden seines literarischen Erstlingswerks zeigt uns Asmi Bischara, arabischer Israeli, Autor, Politiker und Ex-Abgeordneter der Knesset, das Leben an und mit den Checkpoints im „Heiligen Land“. Er teilt diese Grenzmarkierungen ein in Checkpointstaat und Checkpointland. In seinen Skizzen beschreibt er die „Herren und die Knechte“: das moralische Überlegen- heitsgefühl der einen und die gedemütigten Seelen der anderen. Ironisch und humoristisch lässt er den Leser teilhaben am Alltag an den Checkpoints.
Da gibt es Szenen von Hochzeitsfeiern, Beerdigungen und Leichenzügen, wartenden Krankenwagen und immer und überall Resignation.Lebendig beschrieben wird das Reich der Plastiktüten, die Mobilität der Fliegenden Händler. Selbst Melonen werden zu Verdächtigem. Fliegende Sperren werden zum Spielzeug einer Soldateska, ganz im Sinne der Pawlow’schen Lehre der Reflexe. Dieses Ausgeliefertsein ist nicht nur resignativ und demütigend, sondern frisst sich in die Seelen, in das menschliche und soziale Gefüge.
Mir gefallen die kreativen Wortschöpfungen von Bischara wie Tagtäglichkeit, gecheckpointete Passanten, endverdächtigt, Gewehrsprache, westweit.
Er beschreibt zwei menschliche Gegenpole: die der Araber und die der Israelis.
Die nicht nur durch die Checkpoints und die 800 km „Mauer“ (gebaut zur Selbstverteidigung, so ähnlich nannten die Politiker der DDR übrigens auch „ihre Mauer“: als Hindernis zur Repub- likflucht) voneinander getrennt sind. Sondern durch ihr religiös-politisches Sendungs- bewusstsein, durch internationale Sympathien und Solidarität für die einen wie auch für die anderen, durch steinewerfenden Widerstand und märtyrerhaften Terrorismus.
„Ein Volk, das ein anderes mit Checkpoints blockiert, hat selber einen inneren Checkpoint.“ Dieser äußert sich dann in Schulmeisterei, Machoallüren, narzisstischer Befriedigung durch die eigene Macht und die Ohnmacht der anderen, Halbstarkengehabe, den Exhibitionismus der Stärkeren und „selbstgefälliger Selbstbeifall der einzigen Demokratie im Nahen Osten“.
Asmi Bischara notiert Psychogramme derjenigen, die vor bzw. hinter den Checkpoints ihre Statistenrolle im politischen Spiel ausfüllen. Die einen hoffen auf die Auswanderung aller, damit man sie nicht abermals wie 1948 vertreiben muss. Die anderen hoffen - ja, auf was? Auf den Schlussstrich unter die Okkupation? Auf ihr Recht auf ihr Land? Auf Menschenwürde?
Wird es je eine Lösung für dieses geteilte Land geben? Für seine Bewohner diesseits und jenseits der Checkpoints? Werden die Menschen diesseits und jenseits der Checkpoints überhaupt noch eine gemeinsame menschliche Sprache sprechen können? In beiden Völkern sind Bewusstsein und Unbewusstsein geschädigt und verletzt.
Ist es ein von Jahwe oder von Allah verhängtes Schicksal oder ist es einfach nur Geopolitik? Gibt es Hoffnung? Stirbt die Hoffnung zuletzt?
Die Lektüre dieses aufschlussreichen Buches wirft viele Fragen auf und regt zum kritischen Nachdenken an.
Der Schrecken, den die Unterdrücker systematisch erzeugen, verselbstständigt sich, er geht in das System des Bewusstseins und des Unbewusstseins.
Manés Sperber
In den sechzig Episoden…
Almut Scheller-Mahmoud aus Hamburg am 09.11.2020
Bewertungsnummer: 2790565
Bewertet: eBook (ePUB)
In den sechzig Episoden seines literarischen Erstlingswerks zeigt uns Asmi Bischara, arabischer Israeli, Autor, Politiker und Ex-Abgeordneter der Knesset, das Leben an und mit den Checkpoints im „Heiligen Land“. Er teilt diese Grenzmarkierungen ein in Checkpointstaat und Checkpointland. In seinen Skizzen beschreibt er die „Herren und die Knechte“: das moralische Überlegen-heitsgefühl der einen und die gedemütigten Seelen der anderen. Ironisch und humoristisch lässt er den Leser teilhaben am Alltag an den Checkpoints. Da gibt es Szenen von Hochzeitsfeiern, Beerdigungen und Leichenzügen, wartenden Krankenwagen und immer und überall Resignation.Lebendig beschrieben wird das Reich der Plastiktüten, die Mobilität der Fliegenden Händler. Selbst Melonen werden zu Verdächtigem. Fliegende Sperren werden zum Spielzeug einer Soldateska, ganz im Sinne der Pawlow’schen Lehre der Reflexe. Dieses Ausgeliefertsein ist nicht nur resignativ und demütigend, sondern frisst sich in die Seelen, in das menschliche und soziale Gefüge. Mir gefallen die kreativen Wortschöpfungen von Bischara wie Tagtäglichkeit, gecheckpointete Passanten, endverdächtigt, Gewehrsprache, westweit. Er beschreibt zwei menschliche Gegenpole: die der Araber und die der Israelis. Die nicht nur durch die Checkpoints und die 800 km „Mauer“ voneinander getrennt sind. Sondern durch ihr religiös-politisches Sendungsbewusstsein, durch internationale Sympathien und Solidarität für die einen wie auch für die anderen, durch steinewerfenden Widerstand und märtyrerhaften Terrorismus. „Ein Volk, das ein anderes mit Checkpoints blockiert, hat selber einen inneren Checkpoint.“ Dieser äußert sich dann in Schulmeisterei, Machoallüren, narzisstischer Befriedigung durch die eigene Macht und die Ohnmacht der anderen, Halbstarkengehabe, den Exhibitionismus der Stärkeren und „selbstgefälliger Selbstbeifall der einzigen Demokratie im Nahen Osten“. Asmi Bischara notiert Psychogramme derjenigen, die vor bzw. hinter den Checkpoints ihre Statistenrolle im politischen Spiel ausfüllen. Die einen hoffen auf die Auswanderung aller, damit man sie nicht abermals wie 1948 vertreiben muss. Die anderen hoffen - ja, auf was? Auf den Schlussstrich unter die Okkupation? Auf ihr Recht auf ihr Land? Auf Menschenwürde? Wird es je eine Lösung für dieses geteilte Land geben? Für seine Bewohner diesseits und jenseits der Checkpoints? Werden die Menschen diesseits und jenseits der Checkpoints überhaupt noch eine gemeinsame menschliche Sprache sprechen können? In beiden Völkern sind Bewusstsein und Unbewusstsein geschädigt und verletzt. Ist es ein von Jahwe oder von Allah verhängtes Schicksal oder ist es einfach nur Geopolitik? Gibt es Hoffnung? Stirbt die Hoffnung zuletzt? Die Lektüre dieses aufschlussreichen Buches wirft viele Fragen auf und regt zum kritischen Nachdenken an. Der Schrecken, den die Unterdrücker systematisch erzeugen, verselbstständigt sich, er geht in das System des Bewusstseins und des Unbewusstseins. Manés Sperber
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