Politisches Denken ist bewusst, rational und objektiv – diese althergebrachte Vorstellung geistert bis heute über die Flure von parteizentralen und Medienredaktionen und durch die Köpfe vieler Bürger. Doch die Kognitionsforschung hat die ›klassische Vernunft‹ längst zu Grabe getragen. Nicht Fakten bedingen unsere Meinungen, sondern Frames. Sie ziehen im Gehirn die Strippen und entscheiden, ob Informationen als wichtig erkannt oder kognitiv unter den Teppich gekehrt werden. Frames sind immer ideologisch selektiv, und sie werden über Sprache aktiviert und gefestigt – unsere öffentlichen Debatten wirken wie ein synaptischer Superkleber, der Ideen miteinander vernetzen kann, und zwar dauerhaft. In der Kognitionsforschung ist man sich daher schon lange einig: Sprache ist Politik. Höchste Zeit also, unsere Naivität gegenüber der Macht politischer Diskurse abzulegen.Dieses Buch legt dazu den Grundstein. In einfacher Sprache deckt es zunächst auf, wie Sprache sich auf unser Denken, unsere Wahrnehmung der Welt und unser Handeln auswirkt. Es zeigt, wo die Wirkkraft mentaler Mechanismen wie Frames und Metaphern herrührt, und macht deutlich, wieso es für gesunde demokratische Diskurse unabdingbar ist, die Bewertungen von Gesellschaft und Politik durch vorherrschende Frames mit eigenen Wertvorstellungen abzugleichen – und für eine authentische Vermittlung der eigenen Weltsicht zu sorgen. Diesen Grundlagen folgt eine Analyse der augenfälligsten Frames unserer deutschsprachigen Debatten über Steuern, Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam, Terrorismus, Zuwanderung, Flüchtlingspolitik und Umwelt.
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5.0/5.0
Bewertung
aus Aachen
5/5
28.01.2020
Buch (Taschenbuch)
Sprachmanipulationen erkennen und verstehen
Gerade erleben wir es wieder: Ein iranischer General wird durch eine Drohne getötet. Dabei wäre der korrekte Ausdruck Mord, denn um nichts anderes handelt es sich, wenn ein Mensch durch eine Drohne erschossen wird. Man könnte auch den Ausdruck Attentat gelten lassen. Diese beiden Ausdrücke bringen die Schwere der Tat zum Ausdruck. Im Gegensatz dazu klingt Tötung harmlos.
Und genau mit dieser Thematik, Manipulation mittels Sprache, befasst sich das Buch Politisches Framing von Elisabeth Weling.
Im ersten Teil informiert sie, wie unser Gehirn funktioniert, wie wir Dinge wahrnehmen, welche Assoziationen Sprache und Wörter in uns wecken und vor allem, wie unterbewusst wir all diese Dinge registrieren. Dadurch, dass wir uns unserer Denkmuster im Alltag nicht bewusst sind, funktioniert Framing so wunderbar. Wir schnappen Worte wie Steueroase, Arbeitnehmer, Leistungsträger oder Flüchtlingswelle auf und sprechen sie nach. Aber was lösen diese Worte in uns aus?
Ich greife das Wort Steueroase heraus. Wenn jemand sein Geld in eine Steueroase verschiebt, beraubt er den Staat um seine Einnahmen. Es wird also ein Diebstahl begangen, nicht nur am Staat, sondern an uns allen. Schließlich sind wir der Staat.
Aber das Wort Steueroase verschleiert diesen Tatbestand. Eine Oase ist ein Sehnsuchtsort, eine lebenspendende Insel inmitten der todbringenden Wüste. Klingt romantisch und nach unbeschwerten Tagen. Dazu passt unsere Assoziation, die Steuern immer als Last wahrnimmt, weil eben immer von der Steuerlast geredet wird. Und eine Last will man loswerden, also haben wir Verständnis für Leute, die diese Last verringern, in dem sie ihr Geld in eine Steueroase bringen.
Aber Steuern sind die Einnahmen des Staates. Und von diesen bezahlt er die Polizei, Lehrerinnen, Schulen, Straßen oder den öffentlichen Nahverkehr. Fehlen diese Einnahmen, werden wir alle geschädigt.
Weitere Themen im Buch sind:
- Von viel Leid und wenig Freud: Steuern
- Der gedankliche Abbau unseres Gemeinschaftssinns: Sozialstaat
- Stark, Reicher, am besten!: Gesellschaft
- Von den Privilegierten, die kränkelnd in der Falle saßen: Sozialleistungen
- Geben ist seliger denn nehmen: Arbeit
- Erlaubt, aber nicht vergönnt: Abtreibung
- Die berechtigte Panik vor den neuen Proto-Muslimen: Islam und Terrorismus
- Kein Platz für kranke Passagiere: Zuwanderung und Asyl
- Ein wenig Wandel und viele abgenutzte Energien: Umwelt
Eine Empfehlung für alle, die der Manipulation durch Medien und Staat nicht länger auf den Leim gehen und sich eine wirklich eigene Meinung bilden wollen.
Bewertung
aus Dresden
5/5
22.12.2018
Buch (Taschenbuch)
Politisches Framing
Ich finde es erfreulich, dass abweichend von den meisten Medien (mainstream) die politische Sprache so gekonnt dechiffriert wird. Die amerikanischen Autoren Elisabeth Wehling und andere haben mir deutlich gemacht, dass das Bauchgefühl bei der Konfrontation mit der Sprache von Politikern nicht ausreichend ist und endlich nun auch eine wissenschaftliche Grundlage hilfreich ist und die vertretenen Ziele und Ideologien sich vor allem durch ihre Sprache(Metapher) verraten. Die englischen Fassungen der Veröffentlichungen amerikanischer Wissenschaftler, die sich mit der politischen Sprache auseinandersetzen, sind naturgemäß für den Laien schwer lesbar deshalb kann ich die nun vorliegenden deutschen Übersetzungen nur empfehlen.
Mit freundlichen Grüßen!
Dr. Günther Tschernko
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