Eine Frau will ein Kind, aber ihr Körper versagt es ihr. Also nimmt sie den Kampf gegen sich selbst auf und macht ihre Umgebung zum Feind. Als sie sich zur Adoption eines afrikanischen Kindes entscheidet, ist ihr Versagen für alle
sichtbar. Freunde werden zu Fremden, der Alltag wird zum Hürdenlauf, der auch dann nicht endet, als das Kind kommt. Die Mühlen der Bürokratie tun ihr Übriges.
Ein kämpferischer Roman, ein Plädoyer für ein Leben abseits der Norm.
Gertraud Klemm ist Meisterin darin, der Gesellschaft einen schonungslosen Spiegel vorzuhalten. In wütender und poetisch kraftvoller Sprache entblößt sie ihre Figuren, bis sie vollkommen nackt vor uns stehen.
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Mutter, mit Körper oder mit Papier
Bewertung (Mitglied der Orell Füssli Book Circle Community) am 10.06.2026
Bewertungsnummer: 3164113
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich bin total fasziniert von diesem Buch. “Muttergehäuse” ist kein allgemeines Buch über Frauen, Mutterschaft oder Kinderwunsch. Es erzählt sehr genau von einer bestimmten Frau, die Mutter werden will, deren Körper aber nicht mitmacht. Und Gertraud Klemm macht aus ihr keine sympathische, traurige „gute“ Frau, sondern eine sehr menschliche Figur: wütend, neidisch, verbittert, klug, verletzlich und manchmal auch unangenehm.
Gerade das fand ich stark. Der Text beschreibt nicht einfach die objektive Gesellschaft, sondern die Wahrnehmung einer Frau, die sich ausgeschlossen fühlt. Überall sieht sie Mütter, Kinder, Körper, Erwartungen. Und aus dem Kinderwunsch wird etwas, das sich in alles hineinfrisst: in die Sprache, in den Alltag, in den eigenen Körper.
Das Buch ist leider kurz – aber eigentlich sage ich das nur, weil ich es so gut fand und gern noch länger darin geblieben wäre. Gleichzeitig ist es extrem verdichtet, und genau das mag ich sehr. Ich mag verdichtetes Schreiben sowieso sehr, und hier passt es für mich perfekt. Die Kapitel sind kurz und wirken oft wie harte Schnitte. Es wird grundsätzlich linear erzählt, aber nicht ausladend. Ein Ereignis folgt dem nächsten, doch die Übergänge bleiben oft ausgespart.
Zwischen manchen Kapiteln stehen zudem kurze Traumstücke. Auch sie wirken nicht wie bloße Einschübe, sondern sind eng mit dem verbunden, was die Erzählerin erlebt. In ihnen kommt oft noch einmal auf eine andere, dunklere Weise hervor, was im normalen Erzählen schon angelegt ist: Angst, Körper, Gewalt, Scham und Ausgeliefertsein.
Klemm schreibt bitter, direkt, sarkastisch und manchmal fast brutal komisch. Sie schreibt über Demütigung, ohne jammerig zu werden. Gerade nach manchen kurzen Kapiteln musste ich wirklich anhalten und nachdenken, weil auf wenigen Seiten unglaublich viel steckt.
Besonders stark fand ich auch den Teil über Adoption und Bürokratie. Das hat mich richtig wütend gemacht. Klemm zeigt sehr genau, wie unterschiedlich leibliche Elternschaft und adoptive Elternschaft behandelt werden: Dort Körper und Selbstverständlichkeit, hier Papier, Prüfung, Kurse und Misstrauen.
Für mich ist das ein absolutes Highlight. Sprachlich und inhaltlich. Gertraud Klemm erzählt nicht einfach von Kinderwunsch und Adoption; sie zeigt, wie sich ein unerfüllter Wunsch in Wahrnehmung, Körperbild, Sprache und Denken hineinfrisst.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil
Emotionaler Roman
Bewertung aus Euskirchen am 13.01.2021
Bewertungsnummer: 906311
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Muttergehäuse ist ein Roman von Gertraud Klemm und ist 2016 im Kremayr & Scheriau Verlag erschienen.
Die Aufmachung ist im Hardcover und wirkt hochwertig und stabil. Das Cover hat ein ungewöhnliches Muster in blau-und orangtönen und sticht direkt ins Auge.
Der Titel ist auch außergwöhnlich. Er vermittelt Härte und Schutz gleichzeitig. So ungewöhnlich wie der Titel ist auch der Roman.
Es war mein erstes Buch, welches ich von der Autorin gelesen habe.
Der Roman handelt von einer Frau mit unerfüllten Kinderwunsch, unglücklich mit den eigenen Körper und der Gesellschaft. Sie entscheidet sich zu Adoption. Ein schwieriges Thema und eher ein Tabuthema.
Es ist in drei große Kapitel unterteilt:
Mutter: Da handelt es sich um die kinderlose Frau, die mit ihrem Schicksal hadert, wütend auf ihren Körper ist.
Papier: Der Weg zur Adoption. Unglaublich komplizierte Weg über Papierberge und Bürokratie und dem Entsetzen der Gesellschaft, dass man sich dafür entscheidet.
Kind: Das Leben mit dem adoptierten Kind. Mutterglück und doch anders sein und auffallen müssen.
Der Roman hat mich im warsten Sinne des Wortes umgehauen und bewegt. So wortgewaltig. Man erlebt die Gefühle, Wut, Verzweiflung, Unglück der kinderlosen Protoganistin hautnah mit und kann sich sich in die schlimme Lage hineinversetzen. Auch die Hoffnung, Bürokratie, Anstrengungen zur Adoption. Das Glück mit dem adoptierten Kind, der Wut auf die Gesellschaft, die Adoption als was anderes betrachten.
Es ist kein Roman, den man als Gute-Nacht-Geschichte lesen kann. Nein, ich musste viel nachdenken. Es sind viele Emotionen, die gelesen werden und hochkommen. Es gibt Ungerechtigkeit und Wut und die Gesellschaft, über die man beim Lesen nachdenkt. Mit hat das Buch sehr gut gefallen, ein Roman den ich so noch nicht gelesen habe und kann ihn trotz, oder wegen dem schwierigen Thema weiterempfehlen.
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