In Abistan, einem riesigen Reich der fernen Zukunft, bestimmen die Verehrung eines einzigen Gottes und das Leugnen der Vergangenheit das Herrschaftssystem. Jegliches individuelle Denken ist abgeschafft; das Eingeschworensein auf ein allgegenwärtiges Überwachungssystem steuert die Ideen und verhindert abweichendes Handeln. Offiziell heißt es, die Bevölkerung lebt einvernehmlich und im guten Glauben. Doch Ati, der Protagonist dieses Romans, der ausdrücklich anknüpft an Orwells Klassiker „1984“, hinterfragt die vorgegebenen Direktiven: Er macht sich auf die Suche nach einem Volk von Abtrünnigen, das in einem Ghetto lebt, ohne in der Religion Halt zu suchen ... Während George Orwell in seinem Zukunftsroman das totalitäre Regime Stalins vor Augen hatte, entwirft Boualem Sansal in seinem Roman das Szenario eines Regimes, das auf der religiösen Überhöhung einer Ideologie beruht. Es ist ein Regime, das sich die gegenwärtige Vereinzelung des Individuums auf der Suche nach persönlichem Glück und Wohlergehen auf erschreckende Weise zunutze und zum Motor der Gemeinschaft macht. In Abistan sind Fragen oder Diskussionen gänzlich überflüssig geworden: Eine kleine Gruppe von Herrschenden sorgt für die Gemeinschaft ebenso wie für das Wohlergehen des Einzelnen, wobei den Regeln des Staates folgend das Streben nach spiritueller Erleuchtung den Alltag eines jeden Bürgers diktiert. Sansals Vision ist zugleich faszinierend und erschreckend – in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche mahnt sie zu gelebter Brüderlichkeit, toleranter Demokratie und einsichtiger Freiheit.
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"Versucht nicht zu glauben, ..., verbietet euch lediglich zu zweifeln ..."
Dr_ M aus Sachsen am 09.07.2018
Bewertungsnummer: 1116661
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
2084 erscheint als Gründungsjahr von Abistan, einem Land, losgelöst von Zeit und Raum. Seine gewöhnlichen Bewohner wissen nicht, was vorher war, nur dass ein großer Sieg das Land schuf. Und sie wissen auch nicht, was sich außerhalb seiner Grenzen befindet, denn darüber gibt es keine Berichte.
Manch einer, der sich durch dieses nicht immer einfach zu lesende Buch geschlagen hat, erzählt, dass in Abistan eine Glaubensdiktatur herrschen würde. Das mag vordergründig so aussehen, denn "Yölah ist groß und Abi ist sein Entsandter" lautet dort die zentrale Botschaft, die jedem Bewohner von Geburt an ins Hirn getrichtert wird. Doch ganz so einfach wie auf den ersten Blick erweist sich das Ganze nicht. Es geht nicht um einen wie auch immer gearteten Glauben, sondern um die gnadenlose Unterdrückung des Zweifels:
"In seiner grenzenlosen Kenntnis des Kunstgriffes hat das System früh erkannt, dass die Heuchelei den vollkommenen Gläubigen ausmacht, nicht der Glaube, der durch seine unterdrückende Natur den Zweifel nach sich zieht, ja die Revolte gegen den Wahn. Es hat auch verstanden, dass die wahre Religion nichts anderes sein kann als eine wohlgeregelte, zum Monopol erhobene und durch allgegenwärtigen Terror aufrechterhaltene Frömmelei."
Es geht in diesem Buch also nicht nur um eine Beschreibung einer "Glaubensdiktatur", was bei diesem Autor stets einen Hinweis auf den Islam hervorrufen muss, sondern um die Beschreibung von Mechanismen einer jeden diktatorischen Herrschaftsform. Selbstverständlich suggeriert der Titel dieses Romans einen Zusammenhang zu "1984", was auch vom Autor wohl so gewollt ist. Doch beide Bücher unterscheiden sich erheblich. Sansals Text gleicht eher einer monologisierenden Betrachtung mit eingeschobener Handlung. Entsprechend zäh geht es vorwärts. Nichts in Abistan besitzt eine Geschichte. Deshalb verwundert es dann auch nicht mehr, wenn handelnde Personen eher unmerklich eingeführt werden und seltsam verschwommen bleiben. Immerhin gelingt es dem Autor die depressive Stimmung von Abistan schleichend auf den Leser zu übertragen. Es scheint fast so, als würden Bücher, die mit Preisen überhäuft werden und deren Sprache man akademisch bewundert, beim willigen Leser ein Maß an heller Aufmerksamkeit einfordern, das ihn nach einigen Seiten merklich ermüden lässt. Doch bei der Sache zu bleiben lohnt sich in diesem Fall, weil es Sansal gelingt, die diktatorische Mechanismen mit enormer sprachlicher Präzison offenzulegen.
Sein Held Ati (dessen Name übrigens wegen seiner Ähnlichkeit zu Abi kein besonders gelungener Einfall war) kämpft in einem Sanatorium in den Bergen mit einer Lungenkrankheit. Ganz in der Nähe befindet sich die Grenze von Abistan. Neugierig lauscht Ati den Erzählungen der Karawanenführer über ihre Erfahrungen in dieser heiklen Gegend. Als Ati sich, endlich geheilt, auf den langen Heimweg begibt ist seine Seele schon längst voller Zweifel. Während seiner Pilgerreise in die Heimatstadt trifft er einen glaubhaften Menschen, der ihm davon erzählt, dass Ausgrabungen Dinge aus der Vergangenheit ans Licht gebracht hätten, die nicht mit dem offiziellen Dogma in Übereinstimmung zu bringen sind. "Wenn die Maschine des Zweifels erst in Gang gekommen ist, lässt sie sich nicht mehr stoppen. Sehr schnell wurde Ati von tausend unerwarteten Fragen bestürmt." Schließlich macht er sich mit einem Freund auf den Weg in die Machtzentrale von Abistan, in der alles anders aussieht als im Rest des armen Landes.
Das Buch zeigt kaum die Lebenswirklichkeit in diesem fiktiven Land weit nach 2084. Vielmehr berichtet es auf einem recht abstrakten Niveau von einem diktatorischen System und beschreibt die grundsätzliche geistige Mechanik diktatorischer Systeme. Aufmerksame Leser können so leicht Analogien zu gegenwärtigen Ereignissen herauslesen, denn diktatorische Ansätze findet man in jedem Staatswesen, ja in jeder hierarchischen Struktur.
"Mein sind das Gute und das Böse, es ist euch nicht gegeben, sie zu unterscheiden, ich sende das Eine und das Andere, um euch den Weg der Wahrheit und des Glücks zu weisen. Wehe dem, der meinem Ruf nicht folgt. Ich bin Yölah der Allmächtige", heißt es im Buch Abi, im Titel 5, Kapitel 36, Vers 97.
Langatmig
Bewertung aus Uitikon Waldegg am 22.08.2016
Bewertungsnummer: 967334
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Quintessenz des Buches, könnte auch auf 1/3 der Seienzahl erreicht werden. Ich habe das Buch bereits meiner Ortsbibliothek geschenkt
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