Gustav Freytag veröffentlichte seinen umfangreichen Roman im Jahr 1855, der in der schlesischen Heimat des Autors und dem nahegelegenen Polen spielt: Im Zentrum steht der junge Anton Wohlfahrt und dessen Werdegang vom verträumten Jungen zum soliden und vertrauenswürdigen Bürger. Zugleich übt Freytag Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Epoche in Gestalt zweier Familien, mit denen sich Wohlfahrts Lebensweg immer wieder kreuzt: der im Adelsdünkel erstarrten und verschwendungssüchtigen Familie Rothsattel sowie der allein auf materiellen Reichtum ausgerichteten jüdischen Kaufmannsfamilie Ehrenthal.
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Ein faszinierender Klassiker
Christopher Bahn (Mitglied der Book Circle Community) am 07.07.2025
Bewertungsnummer: 2533781
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In diesem Roman wird die Geschichte erzählt vom Luxuskaufhaus Harrods in London. Wir verfolgen mit dem Inhaber die Hoch- und Tiefpunkte des Aufstiegs und zugleich die Feinheiten der englischen Klassengemeinschaft. Dieses Buch hat eine Generation von Detailhändlern geprägt - meine Großmutter hat mir als Kind daraus vorgelesen. Aus mehreren Gründen sehr empfehlenswert.
Der romantische Kaufmann Der…
fjodor1212 aus Berlin am 09.01.2024
Bewertungsnummer: 2835955
Bewertet: eBook (ePUB)
Der romantische Kaufmann Der Roman sollte eher „Wünschen und Sollen“ heißen. Mit Realität hatte er seinerzeit wohl wenig zu tun. Nahezu alle Figuren sind idealtypisch angelegt. Kaum jemand führt ein „normales“, unauffälliges Leben, und trotzdem handelt es sich meiner Meinung nach um ein Sittengemälde. Ein junger, bürgerlicher, bescheidener und tugendhafter Abiturient, Anton Wohlfart, macht eine Kaufmannslehre im Breslau der 1840er Jahre bei einer patriarchal geführten Kaufmannsfirma, an deren Spitze der Prinzipal T.O. Schröter steht. Hier trifft er auf einen jungen, adligen und reichen Volontär, Fritz von Fink, der allerdings ohne Sekundärtugenden daherkommt und somit in Teilen einen Gegensatz zu Wohlfart darstellt. Nach einer Auseinandersetzung werden die beiden Freunde. Dennoch dominiert Fink nun den Wohlfart, wobei dieser dann immer seine gute Moral unter Beweis stellen kann. Alle „Typen“, die ansonsten auftauchen, sind ebenfalls stark konstruierte und überzeichnete Charaktere: ein adliger Familienvater, der aus der Not einen halbherzigen Versuch wagt, an der Industrialisierung teilzuhaben und daran scheitert und dessen Sohn ein spielsüchtiger Offizier ist; ein Geldjude mit einem Quasi-Zauberlehrling, wobei letzterer seinen Meister ruinieren, sowie dessen Tochter heiraten will und wie sein Chef scharf auf das Rittergut der Adligen ist; außerdem kommen vor ein schmieriger, betrügerischer Herbergsvater; ein heruntergekommener Winkeladvokat und ein märchenhaft riesiger, lederbeschürzter Auflader samt tapferem Soldatensohn. Selbst die Person, die am wenigsten agiert, nämlich die Schwester des Prinzipals, Sabine, macht dies in vollkommener Jungfrau-Maria-Attitüde, so dass zwangsläufig die zweite weibliche Figur, nämlich Wohlfarts adlige Schwärmerei, Lenore von Rothsattel, obwohl selbst jungfräulich, Züge einer Maria Magdalena trägt. Dass diese so wild tanzt und reitet, findet Wohlfart „unweiblich“. Schließlich finden die Adligen und die Bürgerlichen zueinander und der Held darf Sabine heiraten und Kompagnon vom Prinzipal werden. Aber was macht den Roman aus? Klar, sind es aus heutiger Sicht seine kolonialistischen („ich stehe jetzt hier als einer von den Eroberern“), seine antislawischen („Polnische Wirtschaft“) und nicht zuletzt seine antisemitischen (zwei Juden sind geldgierige Betrüger) Züge. Aber, mal ehrlich, in welcher Zeit spielt der Roman: Zwischen 1845 und 1848 erreichen die USA, getragen von der Monroe-Doktrin, größtenteils durch Krieg gegen Mexiko ihre heutige Ausdehnung, von den „Indianern“ mal ganz zu schweigen. Deutschland hat die Zeit der afrikanischen Kolonien erst noch vor sich. Was den Roman lesenswert macht sind zum einen die romantischen Charaktere, zum anderen aber auch die eben doch nicht so starren, schon fast kulturanalytischen Sichtweisen einiger Figuren, nicht zuletzt der des sich ambivalent gerierenden Fritz von Fink. Hier ein augenzwinkernder Exkurs zur klassischen Musik, da ein Kommentar zum Scheitern deutscher Vorratswirtschaft in den USA und dort eine unanständige Bemerkung zum deutschen Adel. Obwohl die Charaktere so überzeichnet sind und wenig mit Wirklichkeit zu tun haben, würde ich „Soll und Haben“ als ein Sittengemälde bezeichnen, nämlich so, wie ein Hollywood-Film ein solches sein kann. Da wissen ja auch alle, dass es ausgedacht ist.
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