1985, Potsdam, große Ferien. Doch der sechzehnjährige René bleibt dieses Jahr zu Hause. Die Mutter ist tot, der Vater in der Schweiz; er lässt René tausend Mark da, die er brüderlich mit seinen Freunden Dirk, Michael und Mario teilt. Dies ist, und das spüren sie alle vier, ein Sommer, wie es ihn nie wieder geben wird für sie. Die Jungs streifen durch die heiße, urlaubsleere Stadt und sitzen in Cafés, aber vor allem geht es darum, das richtige Mädchen zu finden.
«Skizze eines Sommers» ist ein warmherziger, leichter Roman über die beste aller Zeiten, die Jugend mit ihrer schönen Tragik.
André Kubiczek erzählt wunderbar einfühlsam und hintergründig von jener Zeit, die auf ewig die beste unseres Lebens bleibt.
Für seinen Roman «Nostalgia» ist André Kubiczek für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
09.09.2026
Buch (Taschenbuch)
Ein Jugendsommer 1985 in Potsdam
André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ erzählt von einem jener Sommer, die im Augenblick selbst beinahe ereignislos wirken und erst Jahre später ihre eigentliche Bedeutung entfalten. Im Mittelpunkt steht der sechzehnjährige René, der 1985 in Potsdam lebt und unverhofft in die Freiheit entlassen wird. Sein Vater reist für mehrere Wochen nach Genf, während René nach dem Tod seiner Mutter ohnehin schon früh gelernt hat, mit einer gewissen Leerstelle zu leben. Plötzlich ist da Geld, sind leere Tage, Freunde, Musik, Mädchen und das Gefühl, dass dieser Sommer zugleich Anfang und Ende von etwas sein könnte.
André Kubiczeks besondere Stärke liegt darin, diese Zeit nicht nachträglich zu verklären. Das Leben seiner Figuren ist weder spektakulär noch von großen historischen Ereignissen überlagert. Mit einer scheinbaren Beiläufigkeit streifen René und seine Freunde durch ihre Welt, hören Musik, treffen sich in der Disco, kleiden sich nach den Vorstellungen ihrer Generation, reden über Mädchen und verbringen unzählige Stunden damit, eigentlich nichts Bestimmtes zu tun. Doch hinter diesem Müßiggang verbirgt sich die Unruhe des Erwachsenwerdens. Man ahnt bereits, dass die Gegenwart nicht bleiben wird, wie sie ist.
André Kubiczek zeichnet kein politisches Lehrstück und versucht auch nicht, die Jugend jener Zeit auf ihre Lebensbedingungen im Osten zu reduzieren. Vielmehr entsteht das Bild einer Generation, deren Sehnsüchte erstaunlich universell sind. Musik, Mode, Freundschaft, erste Liebe und die Suche nach einem eigenen Platz in der Welt verbinden diese Jugendlichen mit Gleichaltrigen weit über die Grenzen der DDR hinaus. Zugleich sorgen die Beschränkungen des damaligen Alltags für feine, oft beiläufige Unterschiede. Was andernorts selbstverständlich war, konnte hier zu einer kleinen Kostbarkeit werden.
Besonders gelungen ist die musikalische und modische Atmosphäre des Romans. Kassetten, Mixtapes, schwarze Kleidung, aufgestellte Haare und die Klänge von The Cure oder anderen prägenden Bands jener Zeit sind nicht bloß nostalgische Accessoires. Sie werden zu Ausdrucksmitteln einer Jugend, die sich ihre eigene Welt schaffen möchte. Für Leserinnen und Leser, die diese Zeit wie ich selbst erlebt haben, dürfte darin ein beträchtliches Wiedererkennungspotenzial liegen. Sämtliche Schauplätze sind auch die meiner Jugend. Die Protagonisten und ich hätten uns im Orion in der Disco treffen können, an der Teppichstange, in der Klement-Gottwald-Straße, im Exquisit am Staudenhof oder in der Seerose. Beim Lesen aktivierte der Text in mir eine zusätzliche Ebene der Erinnerung, so dass zahlreiche Bruchstücke der Erinnerung aus meiner Jugend an die Oberfläche kamen und mich an dieses Buch fesselten.
Renés ad hoc gelebte und auch unstetige Liebesgeschichten bleiben angenehm frei von romantischer Überhöhung. Seine Begegnungen sind von Unsicherheit, Begehren, Eifersucht und Missverständnissen geprägt, eben von jener Mischung aus Selbstüberschätzung und Verletzlichkeit, die das erste Verliebtsein so unverwechselbar macht. René ist kein Held, der am Ende des Sommers plötzlich erwachsen geworden wäre. Seine Entwicklung vollzieht sich leiser. Er begreift ein wenig mehr von sich selbst, von anderen Menschen und davon, dass Freiheit auch bedeutet, Entscheidungen treffen und Verluste hinnehmen zu müssen.
Der Roman lebt dabei von einem lakonischen, selbstironischen Ton. André Kubiczek schreibt leicht und flüssig, ohne seine Figuren der Oberflächlichkeit preiszugeben. Unter dem Humor liegt eine stille Melancholie. Denn der eigentliche Gegenstand des Buches ist weniger der Sommer selbst als die Vergänglichkeit eines bestimmten Lebensgefühls. Sechzehn zu sein bedeutet hier, noch beinahe unbegrenzt Zeit zu haben und gleichzeitig zum ersten Mal zu spüren, dass sich Türen schließen werden.
Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und Wehmut macht „Skizze eines Sommers“ lesenswert. Der Roman ist keine große dramatische Erzählung, sondern eher eine literarische Momentaufnahme, eine Skizze eben, die ihre Wirkung aus den kleinen Beobachtungen bezieht. Wer eine rasante Handlung oder eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der politischen Realität der DDR erwartet, könnte die Geschichte stellenweise als zu beiläufig empfinden. Ihre Qualität liegt jedoch gerade darin, dass sie das Erwachsenwerden nicht als großes Ereignis inszeniert, sondern als etwas, das sich in unscheinbaren Augenblicken vollzieht.
Am Ende bleibt vor allem das Gefühl eines vergangenen Sommers zurück: warm, etwas träge, manchmal komisch, manchmal schmerzhaft und im Rückblick ungleich bedeutender, als er seinen Figuren damals erschienen sein dürfte. André Kubiczeks Roman erinnert daran, dass Jugend ihre eigene Zeitrechnung besitzt. Ein einziger Sommer kann sich endlos anfühlen und später in der Erinnerung zu einem einzigen, kostbaren Augenblick zusammenschrumpfen.
enzoo
aus wien
4/5
07.09.2016
eBook (ePUB 3)
Das Mädchen ohne Namen, Bianca und Rebecca ...
... so lauten die "Namen" der drei Mädchen, zu denen sich René hingezogen fühlt im Schulferiensommer in Potsdam 1985, also noch zu DDR-Zeiten. René und seine Freunde gehören einer Jugendkultur an, die sich gerne geheimnisvoll gibt: schwarz gekleidet (und wenn man die Schuhe dafür schwarz lackieren muss), man liest Bücher, die in der DDR nicht oder nur schwer erhältlich sind und will sich von den Normalos auch durch geschraubtes Schwadronieren in der Öffentlichkeit abheben.
Renés Vater ist für zwei Monate auf einer Friedenskonferenz in Genf und lässt ihm einen Batzen Geld für diese Zeit da. Er und seine Freunde setzen dieses Geld erfolgreich in Alkohol und Zigaretten um, denn da ist keine Mutter mehr, die das verhindern könnte, sie ist vor einigen Jahren gestorben, und der Verlust setzt René heute noch mehr zu als ihm lieb ist und er sich selbst eingesteht.
Während man sich nach außen sicher gibt und abgehoben, sieht es im Inneren jedoch ganz anders aus. René fühlt sich hingezogen zu dem Mädchen, dessen Namen er nicht kennt und mit dem er kaum noch gesprochen hat,doch als sie sich endlich näher kommen könnten, kommt ihm im wahrsten Sinne des Wortes Bianca dazwischen, und Ihre Argumente sind ihre positive Art und ihre Schönheit. René verliebt sich aber erkennt schnell, dass da eine gewisse Leere ist, wenn sie beisammen sind, die rasch, und da ist er schon ein typischer Mann, durch ihre körperlichen Vorzüge weggewischt wird. Das Mädchen ohne Namen verschwindet in die Ferien und aus Renés Sinn, naja, nicht ganz. Dann lernt er Rebecca kennen, und die ist ganz anders als Bianca, die zur Arbeiterklasse gehört. Rebecca kommt aus einer Künstlerfamilie, systemkritisch, doch sie ist älter als René, und das passt dann auch nicht so ganz, daher beschließen sie, Wahlgeschwister zu werden und "Wir küssten uns so, wie sich nur Geschwister küssen, Mund ab und zu geschlossen und nicht länger als drei Minuten."
Als Bianca zurückkommt aus den Ferien, gesteht sie ihm dass sie sich in einen anderen verliebt hat, und kurz bricht für René die Welt zusammen, bis auch das Mädchen ohne Namen zurückkommt und sie endlich zueinander finden, doch nach den beiden Wochen des ungetrübten Glücks wartet schon der nächste Abschied ...
Kubiczek gelingt in diesem Buch einiges sehr Symphatisches. Er schafft es, den Reifungsprozess des jungen René einfühlsam aber schmalzlos darzustellen. Das Buch liest sich genau so schnell und amüsant, wie gefühlter Weise Ferien vergehen. Anfangs fand ich den Stil ein bisschen arg flapsig, später aber durchaus entsprechend und nicht aufgesetzt. Die jugendlichen Leiden Renés und seiner Freunde sind nachvollziehbar beschrieben und ich ertappte mich hin und wieder bei einem zustimmenden Kopfnicken, auch wenn diese Zeit bei mir selbst schon in weite Ferne gerückt ist. Auch wie Kubiczek die Klassenunsterschiede in der DDR beschreibt ist eine interessante Facette dieses Buches, so wie er generell die Umstände in den letzten Jahren der DDR überhaupt sehr gelassen darlegt: stets subjektiv aus der Sicht von René, der der DDR genau so kritisch und sarkastisch gegenübersteht wie er das aus seiner jugendlich-ablehnenden Grundhaltung heraus dem Westsystem gegenüber täte, lebte er in der BRD. Die DDR ist in dem Buch eine Tatsache für René und damit auch für uns LeserInnen, an der wenig kritisiert wird, weil das nichts ändern würde, und nichts verherrlicht.
Insgesamt zwar wahrscheinlich keine Weltliteratur aber ein sehr einfühlsam geschriebenes Portrait junger Menschen und ihrer Nöte in einer vergangenen Welt.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.