Das Konzert war nicht weniger spannend als das Pokalfinale Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt. Während die Dortmunder den Pokal nach Hause tragen durften, gibt es bei Live in Dortmund II ein faires Unentschieden zwischen den Onkelz, die sich hier in Bestform präsentieren konnten, und den Dortmunder Fans, die - wie in allen anderen Städten auch - die Onkelz an die Wand gefeiert haben. Das Fazit ist gemischt, im Allgemeinen aber sehr gut. Kevin hat in meinen Augen seine Bestform erreicht. Stimmlich ist er wohl auf dem Gipfel seiner Karriere, sie ist kraftvoll, rotzig, rau und er hält durch und muss nicht von Stephan aufgefangen werden. Im Vergleich dazu ist er 1997 ein ziemliches Wrack - sorry, dass ich das so sagen muss, war die Live in Dortmund doch das Album, durch das ich zu den Onkelz kam und das monatelang rauf- und runterlief. Pe ist die sichere Bank im Hintergrund. Manchmal ist es schade, dass Drummer immer so unter den Tisch fallen, auch hat Pe im Gegensatz zu - leider wenigen - anderen Drummern keinen Solopart. Gonzo ist ein Gitarrenvirtuose. Es mag technisch bessere Saitenzupfer geben, aber scheiß drauf. Gonzo spielt mit Herzblut und Seele, das hört man und man spürt es geradezu, wenn man die Soloparts hört, in denen er seine Finger tanzen lässt - und in der Musik kommt es alleine darauf an! Bleibt noch Stephan, der bei mir beim ersten Hören der Scheibe ganz schlecht abgeschnitten hat. Mittlerweile habe ich das Album auf drei verschiedenen Playern gehört und muss meine Meinung ein bisschen revidieren. Der Bass ist sehr gut zu hören, kein dumpfer Soundbrei, was positiv ist. Was fehlt? Die leidenschaftlichen Ansagen, die spärlich geworden sind. Der Gesang, der anders ist. Vermutlich ist die Solokarriere daran schuld, zusammen mit dem Alter, Zigaretten- und Alkoholkonsum. Die Stimmen der Vier haben sich leicht verändert - nicht hässlich, ganz im Gegenteil, aber zu rund, zu sauber, sieht man von "Wieder mal nen Tag verschenkt" ab - aber eben das führt dazu, dass Stephan und Kevin nicht mehr dauerhaft so gut harmonieren, wie sie das 1997 noch taten. Das heißt nicht, dass der Weidner schlecht ist, es ist nur ungewohnt und manchmal unschön. Einen Abzug gibt es allerdings dennoch. Zum einen weil das Livealbum recht trivial ist und nicht sonderlich heraussticht. Es ist die Antwort auf bettelnde Fans, die schon am Abend der Konzerte nach dem Livealbum brüllten. Lieblos ist es aber, weil die Ansagen fehlen, die kleinen Versinger und Verspieler, es ist zu glatt für ein Livealbum, trotz des zweiten, nun folgenden Punkts. Zum anderen klingt der Gesang von Stephan und Gonzo teilweise einfach scheiße, das muss man so sagen. Sei es, dass die Mikros nicht richtig eingestellt und dadurch zu leise sind, sei es, dass im Eifer des Konzertgefechts im falschen Winkel hineingesungen wird. Teilweise klingt es, wie oben schon angedeutet, als hätten die beiden an diesen Stellen gar nicht singen sollen, täten es trotzdem und zwar so laut, dass man ihre Stimmen als nervigen Hintergrund durch Kevins Mikro auffängt. Und dennoch: Der Bass ist lauter, die Lieder langsamer, der Gesang stärker und die Konzerte sind länger - und es ist schön, dass die Böhsen Onkelz nicht mehr Geschichte sind.
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