Die Jahreszeiten-Bände von Karl Ove Knausgård: "Im Sommer" ist der vierte und letzte Teil einer grandiosen Liebeserklärung an das Leben und die sinnlich erfahrbare Welt - geschrieben von einem Vater für seine jüngste Tochter.
Knausgård schreibt über Wassersprenger und Schnecken, Rote Johannisbeeren und Tränen, über Weidenröschen, den Zirkus, Marienkäfer und das Fischen von Krabben. Er führt auch Tagebuch, in dem die kleinen Ereignisse im Leben einer Familie vor dem Hintergrund all dessen registriert werden, was ein Sommer an Gedanken, Erinnerungen, Sehnsüchten, Erlebnissen von Kunst und Literatur zum Leben erweckt.
"Die Zeit ist abgrundtief, die Sicht, die man als Kind hat, reicht nicht weit. Für mich war die Kindheit meiner Großeltern außer Reichweite, sie war etwas, worüber ich nichts wusste - und für meine Kinder ist die Kindheit meiner Eltern außer Reichweite! Von ihren Urgroßeltern in Westnorwegen, bei denen ich jeden Sommer verbrachte, haben sie keine Ahnung. Es nützt nichts, dass ich von ihnen erzähle, sie können das an nichts festmachen, die Menschen, die in den Geschichten auftauchen, sind tot und sind es während ihres ganzen Lebens gewesen. Der Keller mit den Steinwänden und dem oftmals feuchten Boden mit dem Abfluss, in den das Wasser rieselte, die weißen Schüsseln, mit den Bergen glänzend roter Johannisbeeren darin, die Milcheimer, der kleine Traktor und all die anderen Dinge, die in meiner Erinnerung leuchten, sagen ihnen nichts, denn die Welt wird von innen erleuchtet, von innen heraus entsteht die Bedeutung der Dinge und Orte."
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Der vierte Teil der Jahreszeitenbände,...
Bewertung am 26.05.2018
Bewertungsnummer: 394357
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der vierte Teil der Jahreszeitenbände, eine Hymne an das Leben, liebevoll, bisweilen zärtlich, glänzend geschrieben. Ein freundlicher Knausgard.
Dem Alltag Tiefe verleihen
Bewertung am 08.08.2022
Bewertungsnummer: 1763634
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Karl Ove Knåusgard gilt als schonungsloser, selbstkritischer Chronist seines Lebens und gelangte durch einen autobiographischen, sechsteiligen Romanzyklus zu Weltruhm. Etwas weniger opulent gestaltete sich in der Folge seine Jahreszeiten-Tetralogie aus, die nun mit „Im Sommer“ ihren Abschluss findet. Wie bereits die drei vorherigen Bände ist auch Buch vier seiner jüngsten Tochter Anne gewidmet, die zum Zeitpunkt der Niederschrift zwei Jahre alt war. Wie Knåusgard bereits in „Im Frühling“ erwähnt, geht es darum, für Anne etwas aus dem Leben ihrer Familie niederzuschreiben, damit sie später einmal, wenn sie selbst lesen kann, etwas von einer Zeit erfährt, an die sie sich nicht erinnern wird. Dabei kann es ziemlich banal und gewöhnlich zugehen – Familienalltag eben. Man steht auf, frühstückt, fährt zum Kindergarten, wechselt Windeln, räumt auf, mäht Rasen, geht schlafen und immer wieder zündet sich Knåusgard zwischendurch eine Zigarette an. Schön, wenn es dazu eine Tasse Kaffee gibt. Langweiliger geht es nicht mehr, möchte man meinen. Beschriebene Trivialitäten bilden jedoch nur einen losen Rahmen, in den Knåusgard vielerlei Geistreiches einfügt. Anders als im Vorgängerband „Im Frühling“, der lockerer geordnet war und sich viel öfter direkt an Anne richtet, ist „Im Sommer“ straffer strukturiert. Zunächst bilden die Monate Juni, Juli und August die naturgemäßen Kapitelüberschriften. In besagten Abschnitten finden sich zum einen klassische Tagebucheinträge, zum anderen gibt es Essays zu vertrauten Dingen, Lebensformen, Begriffen und Naturschauspielen. Mal erfährt der Leser, was Knåusgard mit Rasensprengern, kurzen Hosen, Mixern und Campingplätzen assoziiert. Dann faszinieren ihn Wespen, Fledermäuse, Katzen, Schnecken, Makrelen oder Wölfe. Hunde mag er hingegen nicht. Dabei geht der Norweger ziemlich nüchtern vor und beginnt den Text gerne mit einer begrifflichen Einführung, so als hätte er in einem Lexikon nachgeschlagen. Andererseits kann es richtig praktisch und anwenderfreundlich werden: Gibt es noch Dinge in puncto Gartengrill und Holzkohle zu klären? Fragen Sie Knåusgard! Tiefsinnig wird Knåusgard immer dann, wenn er Alltägliches durchleuchtet und hinterfragt. So äußert er sich etwa zu Spielplätzen wie folgt: „Ich kenne die Geschichte der Spielplätze nicht, nehme aber an, dass sie in den Städten ungefähr zu der Zeit entstanden, als die Kindheit zu einem abgegrenzten Teil des Lebenswegs wurde und der Staat gleichzeitig begann, für alle Teile des Lebens Verantwortung zu übernehmen.“ Und er ergänzt, dass „Spielplätze etwas leicht Gezwungenes und Konformes“ bekamen. „Die Spiele der Kinder sollten gewissermaßen in diese Formen gepresst werden, die fertig vorbereitet waren.“ Dann äußert er sich zu Themen wie Tränen, Zynismus oder Intelligenz und driftet sogar ins Naturwissenschaftliche ab, wenn er die Entstehung von Schaum erklärt. Dort, aber auch an anderer Stelle, wird seine Wertschätzung für den Mystiker und Wissenschaftler Emanuel Svedenborg deutlich. Zudem scheint immer wieder der Darwinismus bei Knåusgard durch, während naturmystische Betrachtungen im Geiste eines Novalis‘ oder Eichendorffs einen romantischen Gegenpol hierzu bilden. In den eigentlichen Tagebucheinträgen geht Knåusgard gerne noch mehr ins Essentielle und erklärt beispielsweise, was er unter schriftstellerischer Wahrheit versteht. Beschreibt er wirklich die Alltäglichkeiten so, dass sie einer objektiven Realität standhalten, oder verfremdet er die Szenen aus dem Familienleben doch schriftstellerisch? Auch erfährt der Leser immer wieder, was den Norweger antreibt, warum er schreibt und wie er sich selbst einschätzt. Äußerst spannend und entwaffnend ehrlich bzw. selbstkritisch wirkt dies, zumal sich Knåusgard vergleichsweise nur als „guten Schriftsteller“ bezeichnet. Man lese und staune... Sätze wie „Sämtliche Probleme entstehen in den Beziehungen zu anderen Menschen, und wenn man die Beziehungen zu anderen minimiert, minimiert man damit auch die Probleme“ lassen tief blicken und offenbaren Knåusgards Coping-Strategie, sein Leben zu meistern. Einfach hatte er es nie; auch ist er kein einfacher Mensch, weshalb er sich gerne zurückzieht. Für ihn ist „eine Depression nichts anderes als eine erstarrte und immobile Raserei, eine Welle, die ans Ufer schlägt und im selben Moment kommt es zu einem Temperatursturz und sie stoppt, auf dem Weg nach vorn, zu Eis gefroren.“ Solche Sentenzen entwickeln eine Sogwirkung, machen neugierig und schon hat Knåusgard den Leser gefangen: Er muss einfach weiterlesen; insbesondere dann, wenn die Sprache so kraftvoll und stilistisch ausgereift wie hier ist.
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