Endlich Zeit. Er könnte nun das alte Radio reparieren oder die Plattensammlung ordnen. Doch als er der jungen Mie begegnet, die ihm ein seltsames Angebot macht, beginnt er die Dinge anders zu sehen. Ein zarter Roman über einen späten Neuanfang und über das Glück.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Bewertung
aus Berlin
5/5
18.09.2020
eBook (ePUB)
Eine absolute Empfehlung
Herr Kato geht in Rente und hat endlich Zeit. Er könnte nun das alte Radio reparieren oder die Plattensammlung ordnen. Dazu hat er allerdings keine Lust. Doch als er der jungen Mie begegnet, die ihm ein seltsames Angebot macht, beginnt er die Dinge anders zu sehen. Von ihr lässt er sich überzeugen, in eine Agentur für gemietete Familienangehörige einzutreten. Ein zarter Roman über einen späten Neuanfang und über das Glück. Seine Frau beginnt zu tanzen. Und über diese neuen Erfahrungen der beiden beginnen Sie sich wieder anzunähern. Ein gelungener Roman, den ich nur weiterempfehlen kann.
Bories vom Berg
aus München
3/5
19.08.2026
eBook (ePUB)
Psychologisches Phänomen als Thematik
In ihrem Roman «Herr Kato spielt Familie» schildert Milena Michiko Flašar, Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, die amüsante Geschichte eines japanischen Pensionärs, eines Spießers, wie er schrulliger nicht seien könnte. Der Stoff ihres Buches kreist um das erst seit kurzer Zeit in der Psychologie wissenschaftlich erforschte Phänomen RHS, das «Retrired Husband Syndrome». Es betrifft beruflich stark belastete Männer, die nach der Pensionierung in einen Zustand sozialer Inkompetenz fallen. Japan scheint mit seinem extrem hohen Druck am sozial kaum geschützten Arbeitsmarkt dafür besonders anfällig zu sein, die hohe Suizidrate zeugt davon. Viele der beruflich ausgelaugten Männer sind dann jedenfalls nicht mehr in der Lage, weiterhin die innerhalb der Familie erforderliche Emotionalität aufzubringen Und nicht nur in Japan steigt auch die Scheidungsrate nach der Pensionierung signifikant an.
Auf dem Heimweg von einem seiner Meinung nach überflüssigen Arztbesuch, der ihn quer über den Friedhof führt, beginnt Herr Kato, der sich unbeobachtet fühlt, dort plötzlich wie ein Affe mit den Armen zu schlenkern und zu tanzen. Dabei lässt er versehentlich die Untersuchungs-Ergebnisse des Arztes fallen und trampelt darauf herum. Das wäre nicht passiert, denkt er wütend, wenn seine Frau endlich mal seine seit dem Kauf noch vernähten Hosentaschen aufgeschnitten hätte. Plötzlich tritt eine junge Frau hinter einem Baum hervor und applaudiert ihm. Die Frau erklärt, dass sie eine Agentur namens «Happy family» für Identitäten betreibt, in der acht Frauen und drei Männer arbeiten, die ihre Dienste als Stellvertreter anbieten, die also bei Bedarf ähnlich wie ein Double für eine andere Person einspringen. Dabei schlüpfen sie in verschiedenste Rollen, um bei speziellen Anlässen kurzzeitig eine reale Person zu ersetzen. Sie macht ihm das überraschende Angebot, dabei mitzumachen, er habe Talent dafür, und gibt ihm ihre Geschäftskarte. Nach einigen Tagen ruft er sie tatsächlich an. sie treffen sich in einem Café. Dort bietet sie ihm auch sofort an, in der Rolle eines 65jährigen Witwers dessen sechsjährigen Enkel und dessen von ihrem farbigen Mann verlassene Mutter zu besuchen. Weil der Enkel dunkelhäutig und kraushaarig ist, will der echte Großvater nichts mit ihm zu tun haben, also muss jemand für ihn einspringen als vermeintlicher Großvater. Ein andermal wird er von einer Frau engagiert, die endlich mal, wenigstens für kurze Zeit, mit einem Mann zusammen sein will, der sie auch mal zu Wort kommen lässt und nicht ununterbrochen selber redet. Oder er wird für eine Hochzeitsfeier gebucht, in der sämtliche Gäste von verschiedenen Agenturen engagiert sind und er in der Rolle des Vorgesetzten der dem Tod geweihten Braut eine Rede halten muss.
Es sind wahrhaft skurrile Geschichten, die in diesem leisen Roman erzählt werden. Dessen Protagonist wird nicht nur als Double, sondern auch in seiner eigenen Ehe mit allerlei kuriosen Situationen konfrontiert. Als er seinen zehn Jahre älteren, ehemaligen Kollegen Itō besucht, der früher immer so begeistert von seinen Motorrad-Touren erzählt hat, ist dessen Haus niedergebrannt. Die Nachbarin erzählt ihm, Itō sei bei Verwandten untergekommen. Von ihr erfährt er auch, dass Itō zwar immer an seinem Motorrad herumgeschraubt habe, aber nie damit gefahren sei und es schließlich aus gesundheitlichen Gründen sogar verkauft habe. Zu Hause erzählt er seiner Frau, er habe Itō besuchen wollen, aber der sei gerade wieder mit seinem Motorrad auf großer Tour.
Im Interview hat die Autorin erklärt: «Die Idee vom Ruhestand, der einem dann doch keine Ruhe lässt, hat mich schon jahrelang beschäftigt, wohl weil das ja – sowohl für Jung als auch Alt – eine grundlegende Thematik ist». In einer unaufgeregten Sprache und mit großem Respekt für ihre Figuren wird hier davon erzählt, wie man leben möchte: nahe an der Realität oder doch lieber so, wie man sich das ganz individuell ausmalt. Erst als Stellvertreter fremden Lebens vermag Herrn Kato manches Rätsel seiner eigenen, für ihn fragwürdigen Existenz als Pensionär zu lösen, - ein narrativ gelungenes Konstrukt mithin für ein psychologisch aktuelles Phänomen!
Edith Berger
aus Graz
5/5
07.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
großes, feines Lesevergnügen
"Es war seine Frau, die ihn dazu gedrängt hat, sich einmal von Kopf bis Fuß untersuchen zu lassen..........Immerhin wäre das eine Beschäftigung. Das Kränkende daran hat er zuerst nicht hören wollen". Herr Kato ist in Pension. Kürzlich erst und schon ist ihm die Zeit zu lang. Was er nicht alles in seinem Ruhestand unternehmen wollte. "Und jetzt? Er gibt sich den Anschein, ein Ziel zu haben". Als er eines Tages auf dem Friedhof einer jungen Frau begegnet. Sie kommen ins Gespräch. Die junge Frau macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag.
Nach "Ich nannte ihn Krawatte" ist der neue Roman von Milena Michiko Flasar erneut großes, feines Lesevergnügen.
Milli
aus Wien
4/5
11.02.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das ein Schreibstil so "schön" sein kann
Herr Kato hat es endlich geschafft. Er ist im Ruhestand und könnte nun sein restliches Leben genießen. Dumm nur, dass er keinen Plan hat, was er mit sich anfangen könnte. Nicht einmal krank ist er!
Doch dann lernt er Mie kennen, die ihm ein Jobangebot macht: Schauspielern! Um genauer zu sein: er soll einen Stand-In mimen. Dabei spielt er vor allem bei völlig fremden Leuten, jene Menschen, die diesen abhanden gekommen sind, sei es durch Tod oder Entfremdung.
Dabei lernt Herr Kato nicht nur viele Menschen und deren Geschichte kennen, er lernt sich selber und seine eigene Familie besser kennen.
Wieder einmal ist Frau Flasar ein Buch gelungen, das zum Nachdenken anregt, einen mitfühlen lässt und einen staunen lässt, wie schön doch die deutsche Sprache sein kann (zumindest habe ich so empfunden).
Xirxe
aus Bad Pyrmont
4/5
14.01.2019
Buch (Taschenbuch)
Irgendwann ist es soweit: der…
Irgendwann ist es soweit: der lang ersehnte Ruhestand! Aber vielleicht ist er doch nicht so sehr ersehnt? Für die namenlose Hauptfigur dieses Buches ist es eine Zäsur, denn von einem Tag auf den anderen ist er ein Niemand. Eine unwichtige Person, die von niemandem gebraucht wird. Seine Frau schickt ihn aus dem Haus, damit er aus dem Weg ist; im Büro ruft er nicht an aus Angst, man könne sich nicht an ihn erinnern. Für die Dinge, die er sich vorgenommen hat (Radio reparieren, Plattensammlung sortieren), fehlt ihm der Elan; vielleicht auch, weil er keinen Sinn darin sieht. Doch am Meisten erschreckt ihn die Beziehungslosigkeit, in der er lebt. Seine Ehe ist schon lange ein Neben- statt ein Miteinander, mit seinen Kindern hat er kaum Umgang, und außer zu einem Obdachlosen in der Nachbarschaft gibt es keine regelmäßigen Kontakte. Doch er sucht die Ursachen dafür nicht bei sich, sondern versucht mit Disziplin eine Regelmäßigkeit in sein Leben zu bringen, das ihm wieder Sinn verleiht - ohne Erfolg. Erst als er der jungen Mei begegnet, die ihm das Angebot macht, in ihrer Agentur als Familienmitglied für Andere kurzzeitig vermittelt zu werden, beginnt sich seine Einstellung und damit auch sein Leben zu ändern. Es ist eine kleine Geschichte (nicht einmal 160 Seiten), die dennoch einige der Schwierigkeiten, mit denen viele Menschen zu kämpfen haben, überdeutlich macht. Die Konzentration auf die Arbeit (das scheinbar Wichtigste), die keine Zeit lässt, sich noch mit Anderem zu beschäftigen; die daraus entstehende Gleichgültigkeit selbst gegenüber den nächsten KollegInnen (man hat ja keine Zeit); die Problematik, Gefühle zuzulassen, nachdem man selbst schwer verletzt wurde; zu leben ohne dass es immer einen Sinn machen muss, einfach weil es schön ist. Das Buch bietet keine Lösungen an, sondern zeigt in einer liebenswerten Form, wie sich aus kleinsten Veränderungen der Einstellung oder Sichtweise Dinge beginnen, sich anders zu entwickeln als auf die sonst gewohnte Art. Der Schreibstil der Autorin ist etwas ungewohnt: Der Protagonist erzählt nicht einfach das Geschehene, sondern als Lesende folgt man meist seinen Gedanken, die, wie Gedanken nun mal so sind, nicht immer chronologisch daherkommen, sondern mal hierhin, mal dorthin springen; mal in kurzer, mal in langer Form. Ich habe mich schon nach wenigen Seiten ohne Schwierigkeiten daran gewöhnt und finde diesen Stil im Nachhinein sehr gelungen. Eine kleine feine Geschichte, die auf gelungene Weise unter anderem so Manches im (vielleicht eigenen?) Leben ganz behutsam in Frage stellt.
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