Was ist grün und klopft an die Tür? Wer schreit im dunklen Wald von Bananama? Und warum verschließen die Eltern das Haus? Fragen, die sich ein sechsjähriges Mädchen stellt. Sie lebt mit ihren Eltern, selbst ernannten Aussteigern, in einem Haus am Waldrand. Mit Befremden erzählt sie von der Veränderung ihrer Eltern, die jeden Tag merkwürdiger werden. Je wahnhafter sie an ihrer Vision von Bananama festhalten, desto weniger lässt sich die "Welt da draußen" verleugnen. Eines Morgens liegt ein toter Mann im Gemüsebeet. Die diffuse Angst des Kindes bekommt ein Gesicht. Und in Bananama bleibt nichts, wie es war.
Auf beklemmende Weise geht Simone Hirth den Widersprüchen und Absurditäten unserer Gesellschaft auf den Grund. Dabei kratzt sie mit herrlich ironischem Blick an der Utopie eines sicheren Lebens, bis diese endgültig zerbricht.
"Wenn wir jetzt die Tür immer zusperren müssen, sind wir dann eingesperrt in Bananama, sind wir dann nie wieder frei?"
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Der Versuch eines Paradieses
Miro aus Wels am 11.06.2021
Bewertungsnummer: 1079942
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Bananama soll ein Paradies sein für die Eltern und ihre 6jährige Tochter. Das Haus ist ökozertifiziert und natürlich Null-Energie und der Garten soll sie in Zukunft versorgen können. Eingekauft wird im Tauschkreis und die Tochter wird selbstverständlich zuhause unterrichtet, damit ihr die Lehrer keinen Unsinn beibringen.
Doch die Tochter, die kleine Ich-Erzählerin vermisst das alte Haus, ihre Mitschüler und ganz allgemein die Außenwelt.
Manchmal vermisse ich die finstere Kammer. Immer wenn ich Angst hatte, konnte ich sie dort einsperren. Ich habe sehr viel Angst. Ich weiß nur meistens nicht genau, wovor. (S. 18)
Bananama wird nicht ganz das gewünschte Paradies. Die Selbstversorgung liegt den Eltern nicht, sie bestellen lieber im Internet. Schritt für Schritt demontiert die Autorin die perfekte Welt der Aussteiger und die Lage in Bananama spitzt sich zu. Die Erzählerin merkt wohl als erste, dass Bananama keine wirtliche Welt mehr ist. Doch welche Möglichkeiten hat eine 6jährige.
Simone Hirth zeichnet ein düsteres Bild vom Aussteigertum, von der Einsamkeit, die so eine Entscheidung mit sich bringen kann. Doch gleichzeitig wirft sie eine Menge Fragen auf. Liegt das Scheitern zwingend im Lebensentwurf der Protagonisten, oder haben sie ihr Scheitern eigentlich schon mitgebracht.
Bald werden wir endgültig ausgestiegen sein, aus der Jahreszeit, aus der Welt, aus dem Leben." (S. 97)
Nur von sich selbst können sie nicht aussteigen. Das beginnt unsere kleine Erzählerin langsam zu begreifen und fühlt sich zum Handeln gezwungen.
Bananama ist kein einfacher Roman. Es regt zum Nachdenken an, nicht alles kann ich nachvollziehen und manches bleibt im Dunklen. Mir hat dieser poetische Roman sehr gut gefallen. Vor allem der Erzählstil des Kindes. Ganz in kindlicher Manier springt die Erzählerin häufig von einem Gedanken zum nächsten und wir füllen die Lücken mit unseren Ideen. Am Ende bleibt vieles offen und wir Leser müssen damit einfach leben. Es steht ganz einiges im Raum, das wir einfach stehen lassen müssen. Die Autorin lässt uns keine Wahl. Sie gibt uns keinen Hinweis oder Lichtblick. Das mag manchen Leser verunsichern, aber es ist stimmig für diese Geschichte.
Eine erdrückende Idylle
Bewertung aus Hamburg am 11.06.2021
Bewertungsnummer: 1077221
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte um Bananama wird aus dem Blickwinkel eines sechsjährigen Mädchens erzählt. Die Protagonistin bleibt namenlos, ebenso wie ihre Eltern, mit denen sie auf einem Grundstück inmitten eines Waldgebiets ein Aussteigerleben führt. Die Eltern haben vor dem Grundstück ein Schild mit dem Schriftzug Bananama aufgestellt und sich so eine kleine Oase (so scheint es zunächst) fernab der Zivilisation erschaffen. Hier sollen die Plagen der heutigen Zivilisation ausgesperrt bleiben, ein Leben fernab von Konsum, Hektik, Fremdbestimmheit und gesellschaftlichem Wettstreit geführt werden. Doch von Anfang an ist klar, dass der idyllische Schein trügt. Die Kleine, die das Leben in der anderen Welt eine Zeit lang durch ihre Schulkameraden zumindest aus der Ferne betrachten konnte, sehnt sich nach Kontakt mit Gleichaltrigem, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Freundin, eine Schwester, zumindest ein Haustier. Und Schokolade!
Während ich mich langweile, ist das Gras grün und der Himmel blau. Ich bin ein Kind, das nicht weiß, was es noch spielen soll, und wozu. (S. 27/28)
Zusätzlich liegt eine düstere Atmosphäre über der ganzen Szenerie. Aus dem Wald tönen Schreie, die niemand erklären kann (oder will), der Sommer mit seinem wilden und in Bananama ungezähmten Pflanzenwuchs scheint einen immer engeren Gürtel um das kleine Idyll zu ziehen, und je weiter der Sommer fortschreitet, umso mehr häuft sich nicht nur das vergammelnde Gemüse im und um das Haus, sondern auch die Anzahl toter Tiere.
Ich werde den Sommer bald nicht mehr ertragen. Wir werden zerfallen, zu trockenem Staub, der nichts mehr zu tun hat mit fruchtbarem Kompost. Bald werden wir endgültig ausgestiegen sein, aus der Jahreszeit, aus der Welt, aus dem Leben. (S. 97)
Ist es nur die wilde Natur, die hier ihren ungezügelten Kreislauf nimmt oder steckt noch etwas anderes hinter den vielen toten Vögeln, die jeden Tag gegen die Fenster des Hauses fliegen, fast, als wollten sie ihr Leben dadurch beenden? Im Verlauf des Buches nimmt die diffuse Angst des Mädchens und das Gefühl der Bedrohung immer mehr zu hier gelingt es der Autorin meisterhaft und mit einer sehr bildhaften Sprache das ungezähmte Wuchern draußen und das Scheitern der Idylle drinnen zu verknüpfen. Beim Lesen wurde für mich der Wald rund um Bananama zu einem immer dichteren, ungnädigen Dschungel, ich konnte die Schwüle, die Enge, das Eingesperrtsein unter dem doch so freien Himmel fast körperlich spüren und hatte den dichten Geruch von Pflanzen, die an einer Ecke noch in voller Blüte stehen, an der nächsten in der Schwüle des Sommers schon vergammeln, in der Nase.
Auf dem Höhepunkt der Geschichte so viel wird im Klappentext bereits verraten - liegt eine Leiche im Garten des Paradies, während eine schon Tot-Geglaubte (fast) lebendig wieder erscheint.
Simone Hirths Buch kommt mit weniger als 200 Seiten aus, ist sehr dicht und eindrucksvoll erzählt. Viele Stellen habe ich mir beim Lesen angestrichen, mehrmals gelesen, und später nochmal in einem anderen Kontext gesehen. Einziger Wermutstropfen für mich ist das sehr offene Ende ich bin einfach kein Fan von Geschichten, die keinen klaren Endpunkt haben. Dennoch vergebe ich für den spannenden Erzählansatz, die tolle, bildhafte und sehr eindrückliche Sprache und den packenden Erzählstil vier sehr wohlwollende Sterne!
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