Dieses Buch geht der Frage nach, wie angesichts einer viel diskutierten Reproduktionskrise die alltägliche Reproduktion und Regeneration gewährleistet werden kann. Die Autorin entwickelt durch die konzeptionelle Neusortierung des Forschungsstandes das Reproduktionsregime als neues Analysekonzept. Der analytische Mehrwert des Reproduktionsregimes entsteht durch die integrierte Betrachtung von politischen Reformen, darauf gründenden personalpolitischen Maßnahmen, individuellen Bewältigungsstrategien und den dahinterstehenden, für verschiedene Beschäftigtengruppen sehr unterschiedlich ausgeprägten Ressourcen. Symptome der Reproduktionskrise sind neben der Zunahme psychischer Belastungen und Erkrankungen eine steigende Zahl erwerbsunfähiger Menschen und der Anstieg von Arbeitsausfällen. Eine nachhaltige Sicherung der alltäglichen Reproduktion scheint vielen Menschen gegenwärtig nicht mehr möglich zu sein.
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S.A.W am 21.06.2018
Bewertungsnummer: 1112145
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Dr. Stephanie Rose, Referentin für Gleichstellung an der HafenCity Universität Hamburg, geht der Frage nach, wie angesichts einer viel diskutierten Reproduktionskrise Reproduktion und Regeneration gewährleistet werden können. Sie entwickelt das Reproduktionsregime als neues Analysekonzept, dessen Wert in der integrierten Betrachtung politischer Reformen, personalpolitischer Maßnahmen, individueller Bewältigungsstrategien und Ressourcen liegt. Die Reproduktionskrise zeigt sich in der Zunahme psychischer Belastungen und Erkrankungen, der steigenden Zahl erwerbsunfähiger Menschen und dem Anstieg von Arbeitsausfällen. Eine nachhaltige Sicherung der alltäglichen Reproduktion scheint vielen Menschen gegenwärtig nicht mehr möglich.
1. Sicherung von Arbeits- und Lebenskraft:
Der Begriff Arbeitskraft sieht einen Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Kraftschöpfen/Erholung. Lebenskraft erweitert dies auf Leistungen jenseits der Erwerbslogik. Die Selbstsorge meint die individuelle Sicherung von Arbeits- und Lebenskraft. Grenzmanagement meint die Beachtung der Grenzen der persönlichen Leistungsfähigkeit mit rechtzeitigem Gegensteuern in Richtung Erholung. Dabei ist die persönliche Grenze abhängig von den jeweiligen persönlichen Ressourcen (Talent, Fähigkeit, Ausbildung, Routine, Delegationsmöglichkeit, soziale Unterstützung). Der Begriff Arbeitskraftunternehmer umreißt Fähigkeiten zur Selbstorganisation, Selbstkontrolle und Selbstrationalisierung. Die in der Soziologie übliche Theorie des Humankapitals greift zu kurz, da Humankapital weder verkauft noch zur Sicherstellung verwendet werden kann.
2. Das Reproduktionsregime als Analysekonzept:
Die Regulationstheorie (französischer Marxismus) geht folgender Frage nach: Welche Machtverhältnisse und welche Krisenursachen liefern Argumente für gesellschaftliche Widersprüche und Entwicklungen?
Die Care-Regime-Forschung meint die Organisation, Finanzierung und Durchführung von Reproduktionsarbeit im Wohlfahrtspluralismus.
Die Neoklassik verbindet ihr Makromodell mit dem Konzept des Homo oeconomicus, beachtet die Mikroebene aber nicht. Das Reproduktionsregime verbindet daher Mikro- und Makroebene und untersucht individuelle und institutionelle Möglichkeiten. Durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen fällt die sorgende Hausfrau als Reproduktionsmechanismus weg, was neue Ungleichheiten schafft. Als Untersuchungsfeld dient das Krankenhaus, das viele Berufssektoren umfasst und unter großem Veränderungsdruck steht.
3. Reproduktionshandeln als individuelles Grenzmanagement:
In 19 Interviews werden folgende Belastungsfaktoren genannt: Immer mehr Arbeit und weniger Personal, ausufernde Arbeitszeiten, miese Stimmung und Druck von oben.
Es gibt berufsspezifische Unterschiede:
ÄrztInnen sorgen sich wegen fachlicher Überforderung und hoher Verantwortung, fehlender Abgrenzung zum Privatleben (Rufbereitschaft),
Pflegekräfte sind besonders belastet (hohes Risiko von psychosomatischen Symptomen) wegen Personalmangel, Arbeitsverdichtung und Schichtdienst.
Bei Reinigungskräften kommen noch Sorge um den Job und geringe Entlohnung dazu.
4. Institutionelle Sicherung und Gefährdung im Reproduktionsregime:
Rationalisierung und Veränderungsdruck gefährden die Arbeitskraft des Krankenhauspersonals. Seit 40 Jahren gewinnen ökonomische Interessen im Krankenhaus an Gewicht, was zu einer Doppelbelastung führt (medizinischer und ökonomischer Perfektionismus). Dabei geht der ökonomische Rationalisierungsdruck meist nicht mit medizinischer und organisatorischer Rationalisierung einher, was zu einer Arbeitsverdichtung für das Personal und damit zu höheren Ausfallsquoten führt. Dies führt zur Zersplitterung und Entsolidarisierung der Berufsgruppen.
An individuellem Grenzmanagement zeigen sich folgende Strategien: Begrenzung von Erwerbsarbeit (Teilzeit), Begrenzung von Fürsorgearbeit, individuelle Anpassungsstrategien
Aus meiner 12-jährigen Tätigkeit als Krankenhauspsychologe kann ich die genannten Fakten voll und ganz bestätigen. Das Buch richtet sich an Dozierende und Studierende der Sozialwissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaften, Ökonomie, und Arbeitspsychologie, sowie an Praktiker aus den Bereichen Gesundheitsförderung, Arbeitsschutz, Krankenhaus und dem Gesundheitssektor allgemein. Es wäre zu begrüßen, wenn möglichst viele aus dem genannte Kreis das Buch lesen und die Konsequenzen daraus ziehen würden.
Dr. Rüdiger Opelt, Autor von „Der Tag hat 48 Stunden“
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