Ein beeindruckendes literarisches Debüt...
Bewertung (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 28.01.2019
Bewertungsnummer: 3029928
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei Paare, drei Jahrzehnte: Immer wieder kreuzen sich in diesem Roman von Katy Mahood die Lebenswege von John und Stella mit denen von Charlie und Beth in den Straßen Londons, wo der Puls der Welt schlägt. Obwohl sie es nicht wissen, sich nicht einmal kennen, werden diese Begegnungen nicht ohne Folgen bleiben. Während manche Pläne gelingen und andere scheitern, während die Liebe sich wandelt, schwindet oder um so stärker zurückkehrt, zieht das Leben seine Kreise um die vier und ihre Kinder. Und immer bleibt die Frage, wie wir wurden, wer wir sind – und wie selbst scheinbar unbedeutende zufällige Begegnungen unser Leben und unsere Beziehungen beeinflussen.
Dieses Buch ist etwas Besonderes.
Das kann ich nun sagen, nachdem ich es beendet habe und vor allem, nachdem ich es anfangs mit einiger Skepsis und fast schon einer Abwehrhaltung zu lesen begonnen habe. Erwartet hatte ich hier - ja, was? Zwei Liebesgeschichten vielleicht, die durch die wiederholten Begegnungen der Paare zunehmend miteinander verwickelt sind? Eine Art Wohlfühlroman für graue Tage? So etwas in der Art, ja.
Aber nein, das ist dieser Roman definitiv nicht.
Fast schon enttäuscht nahm ich wahr, dass hier immer nur kurze Episoden der Charaktere präsentiert werden, die sich durch 30 Jahre ihres Lebens ziehen - von 1977 bis 2006. Es ist also kaum möglich, sich länger in eine Szene fallen zu lassen, weil Zeit und Ort dann bereits wieder wechseln. Was für eine Geschichte soll da eigentlich erzählt werden?
Nun, eine Geschichte vom Leben. Von vier Leben, um genau zu sein: von Stella und John sowie von Beth und Charlie. Der Beginn ihrer Zuneigung zueinander und wie letztlich aus ihnen dreißig Jahre später das wurde, was sie dann waren. Eine Geschichte von der Liebe, von Opfern, von Begegnungen, enttäuschten Hoffnungen, Träumen und was daraus wurde, von Schicksalsschlägen und Entscheidungen, die Folgen nach sich zogen.
Keine leichte Kost.
Die Charaktere sind dabei sehr verschieden, auch wenn das anfänglich gar nicht so ins Gewicht zu fallen scheint. Doch mit jeder weiteren Seite kristallisieren sich die feinen Unterschiede heraus, der Umgang mit Krisen, mit zerplatzten Träumen, mit Scheidewegen. Dabei kommt einem keine einzige Figur wirklich nahe, die Distanz bleibt - und doch bilden sich die Charaktere zunehmend plastisch heraus. Hier gibt es kein Gut und kein Böse, keinen Helden und keinen Antihelden - hier gibt es nur Menschen mit ihren Stärken und Schwächen und dem Bemühen, gemeinsam oder einsam ihr Leben zu bewältigen.
Die Grundstimmung des Romans ist fast durchweg melancholisch und düster, was für mich vor allem in der ersten Hälfte der Lektüre oftmals nur schwer auszuhalten war. Sprachlosigkeit, Ratlosigkeit und Einsamkeit zogen sich da niederdrückend durch die Zeilen, und es war geradezu zu spüren, wie es dabei jedem einzelnen ging.
Definitiv ist dies keine Lektüre für zwischendurch.
Denn abgesehen von der Melancholie ist es der ausgesprochen feine Schreibstil, der hier jede Aufmerksamkeit fordert. Katy Mahood betreibt einen Blog, auf dem sie gelegentlich Gedichte und Kurzprosa veröffentlicht - und tatsächlich hatte ich so etwas vermutet, nachdem ich einige Seiten in dem Roman gelesen hatte. Denn gerade bei Gedichten besteht die Kunst darin, viel Inhalt und Gefühl in wenige Worte zu fassen - und das beherrscht die Autorin perfekt.
“(…) und Stella legte den Kopf an seine Schulter und schaute durch das Küchenfenster hinaus auf das verwilderte kleine Stück Garten. Im Hintergrund lief das Radio, und ein Nachrichtensprecher fing in ernstem Tonfall zu sprechen an; draußen ließ sich ein kleiner Vogel auf dem Futterspender nieder, und eine Katze schlich den Zaun entlang. Aber für Stella schrumpfte die Welt in dieser kleinen Küche auf die Berührungen von Johns Fingern zusammen, der seine Hand über die ihre schob.” (S. 279)
Immer wieder staunte ich über die wohlgefeilte, sorgfältig ausformulierte Sprache des Romans, die bei aller Distanziertheit doch einen Tsunami an Gefühlen transportiert. Und obwohl ich den Figuren in der Erzählung nie wirklich nahe kam, bewegten und berührten mich gerade zum Ende hin etliche Passagen. Manche Bilder haben mich tatsächlich zu Tränen gerührt - die Klarheit der Sprache schuf ein tiefes Verstehen. Ich kann mir denken, dass dieser Roman nicht für jeden etwas ist – aber mich hat er angesprochen, so sehr, dass ich mir wirklich vorstellen kann, ihn irgendwann noch einmal zu lesen. Und das sage ich von den wenigsten Büchern.
Gibt es hier dann also so gar keine Kritik?
Doch, gibt es, wobei dies für mich jedoch nur Kleinigkeiten sind. So empfand ich die seltenen Begegnungen von Stella und Charlie, die lt. Klappentext nicht ohne Folgen bleiben, im Grunde als zu vernachlässigen. Bis zum Ende hat sich mir nicht erschlossen, was an diesen Begegnungen Auswirkungen auf die weiteren Wege der Charaktere gehabt haben sollte. Und die wiederholten Versuche der Autorin, Erkenntnisse aus der Quantenphysik als Parallele zu den Lebenswegen der beiden Paare hinzuzuziehen, empfand ich zwar als innovativ, dann aber doch als zu konstruiert und für mich auch nicht nachvollziehbar.
Alles in allem aber ist dieser Roman ein beeindruckendes literarisches Debüt, sprachgewaltig und oftmals düster, distanziert und doch mit einem Tsunami an Gefühlen im Gepäck… Für mich eine unerwartete Entdeckung…
© Parden
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Ein beeindruckendes literarisches Debüt...
Bewertung (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 28.01.2019
Bewertungsnummer: 3029928
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei Paare, drei Jahrzehnte: Immer wieder kreuzen sich in diesem Roman von Katy Mahood die Lebenswege von John und Stella mit denen von Charlie und Beth in den Straßen Londons, wo der Puls der Welt schlägt. Obwohl sie es nicht wissen, sich nicht einmal kennen, werden diese Begegnungen nicht ohne Folgen bleiben. Während manche Pläne gelingen und andere scheitern, während die Liebe sich wandelt, schwindet oder um so stärker zurückkehrt, zieht das Leben seine Kreise um die vier und ihre Kinder. Und immer bleibt die Frage, wie wir wurden, wer wir sind – und wie selbst scheinbar unbedeutende zufällige Begegnungen unser Leben und unsere Beziehungen beeinflussen.
Dieses Buch ist etwas Besonderes.
Das kann ich nun sagen, nachdem ich es beendet habe und vor allem, nachdem ich es anfangs mit einiger Skepsis und fast schon einer Abwehrhaltung zu lesen begonnen habe. Erwartet hatte ich hier - ja, was? Zwei Liebesgeschichten vielleicht, die durch die wiederholten Begegnungen der Paare zunehmend miteinander verwickelt sind? Eine Art Wohlfühlroman für graue Tage? So etwas in der Art, ja.
Aber nein, das ist dieser Roman definitiv nicht.
Fast schon enttäuscht nahm ich wahr, dass hier immer nur kurze Episoden der Charaktere präsentiert werden, die sich durch 30 Jahre ihres Lebens ziehen - von 1977 bis 2006. Es ist also kaum möglich, sich länger in eine Szene fallen zu lassen, weil Zeit und Ort dann bereits wieder wechseln. Was für eine Geschichte soll da eigentlich erzählt werden?
Nun, eine Geschichte vom Leben. Von vier Leben, um genau zu sein: von Stella und John sowie von Beth und Charlie. Der Beginn ihrer Zuneigung zueinander und wie letztlich aus ihnen dreißig Jahre später das wurde, was sie dann waren. Eine Geschichte von der Liebe, von Opfern, von Begegnungen, enttäuschten Hoffnungen, Träumen und was daraus wurde, von Schicksalsschlägen und Entscheidungen, die Folgen nach sich zogen.
Keine leichte Kost.
Die Charaktere sind dabei sehr verschieden, auch wenn das anfänglich gar nicht so ins Gewicht zu fallen scheint. Doch mit jeder weiteren Seite kristallisieren sich die feinen Unterschiede heraus, der Umgang mit Krisen, mit zerplatzten Träumen, mit Scheidewegen. Dabei kommt einem keine einzige Figur wirklich nahe, die Distanz bleibt - und doch bilden sich die Charaktere zunehmend plastisch heraus. Hier gibt es kein Gut und kein Böse, keinen Helden und keinen Antihelden - hier gibt es nur Menschen mit ihren Stärken und Schwächen und dem Bemühen, gemeinsam oder einsam ihr Leben zu bewältigen.
Die Grundstimmung des Romans ist fast durchweg melancholisch und düster, was für mich vor allem in der ersten Hälfte der Lektüre oftmals nur schwer auszuhalten war. Sprachlosigkeit, Ratlosigkeit und Einsamkeit zogen sich da niederdrückend durch die Zeilen, und es war geradezu zu spüren, wie es dabei jedem einzelnen ging.
Definitiv ist dies keine Lektüre für zwischendurch.
Denn abgesehen von der Melancholie ist es der ausgesprochen feine Schreibstil, der hier jede Aufmerksamkeit fordert. Katy Mahood betreibt einen Blog, auf dem sie gelegentlich Gedichte und Kurzprosa veröffentlicht - und tatsächlich hatte ich so etwas vermutet, nachdem ich einige Seiten in dem Roman gelesen hatte. Denn gerade bei Gedichten besteht die Kunst darin, viel Inhalt und Gefühl in wenige Worte zu fassen - und das beherrscht die Autorin perfekt.
“(…) und Stella legte den Kopf an seine Schulter und schaute durch das Küchenfenster hinaus auf das verwilderte kleine Stück Garten. Im Hintergrund lief das Radio, und ein Nachrichtensprecher fing in ernstem Tonfall zu sprechen an; draußen ließ sich ein kleiner Vogel auf dem Futterspender nieder, und eine Katze schlich den Zaun entlang. Aber für Stella schrumpfte die Welt in dieser kleinen Küche auf die Berührungen von Johns Fingern zusammen, der seine Hand über die ihre schob.” (S. 279)
Immer wieder staunte ich über die wohlgefeilte, sorgfältig ausformulierte Sprache des Romans, die bei aller Distanziertheit doch einen Tsunami an Gefühlen transportiert. Und obwohl ich den Figuren in der Erzählung nie wirklich nahe kam, bewegten und berührten mich gerade zum Ende hin etliche Passagen. Manche Bilder haben mich tatsächlich zu Tränen gerührt - die Klarheit der Sprache schuf ein tiefes Verstehen. Ich kann mir denken, dass dieser Roman nicht für jeden etwas ist – aber mich hat er angesprochen, so sehr, dass ich mir wirklich vorstellen kann, ihn irgendwann noch einmal zu lesen. Und das sage ich von den wenigsten Büchern.
Gibt es hier dann also so gar keine Kritik?
Doch, gibt es, wobei dies für mich jedoch nur Kleinigkeiten sind. So empfand ich die seltenen Begegnungen von Stella und Charlie, die lt. Klappentext nicht ohne Folgen bleiben, im Grunde als zu vernachlässigen. Bis zum Ende hat sich mir nicht erschlossen, was an diesen Begegnungen Auswirkungen auf die weiteren Wege der Charaktere gehabt haben sollte. Und die wiederholten Versuche der Autorin, Erkenntnisse aus der Quantenphysik als Parallele zu den Lebenswegen der beiden Paare hinzuzuziehen, empfand ich zwar als innovativ, dann aber doch als zu konstruiert und für mich auch nicht nachvollziehbar.
Alles in allem aber ist dieser Roman ein beeindruckendes literarisches Debüt, sprachgewaltig und oftmals düster, distanziert und doch mit einem Tsunami an Gefühlen im Gepäck… Für mich eine unerwartete Entdeckung…
© Parden
Begegnungen mit Tiefgang
Lesendes Federvieh aus München am 21.03.2019
Bewertungsnummer: 1195647
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es ist Stellas Hochzeitstag als sie zum ersten Mal einen flüchtigen Blick von Charlie wahrnimmt, einem Passanten, dem sie nie zuvor begegnet ist. Von diesem kurzen Augenblick an sind ihre Schicksale miteinander verbunden. Ihre Lebenswege kreuzen sich, ohne sich zu kennen...
"Die Wege, die wir kreuzen" ist ein besonderes, ein leises, dennoch kraftvolles Buch mit Tiefgang. Katy Mahood beleuchtet darin die Lebenswege der beiden Paare Stella und John sowie Beth und Charlie, die sich von Zeit zu Zeit begegnen, ohne es zu bemerken.
Einfühlsam und auf den Punkt gebracht erzählt die Autorin über deren Leben, die Liebe, ihre Erfolge, über Enttäuschungen und Einsamkeit. Ich fand es sehr interessant zu erfahren, was aus einem Lebensentwurf werden kann, wie die Pläne, die wir voller Enthusiasmus in jungen Jahren schmieden, in Erfüllung gehen oder ganz andere Wege eingeschlagen werden.
Durch die detailliert und authentisch skizzierten Charaktere kommt diese Entwicklung gut zur Geltung. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, jeder geht mit Schicksalsschlägen anders um. Ich finde gerade bei Stella auf der einen Seite und Charlie auf der anderen kann man das sehr gut sehen.
Dieser Roman ist keine fröhliche, unbeschwerte Lektüre für zwischendurch. Man muss sich Zeit nehmen, um in die Welt der Protagonisten einzutauchen, denn das Leben ist eben nicht immer nur eitel Sonnenschein. Katy Mahood hat dies sehr schön herausgearbeitet, die teils düstere, traurige Stimmung passt perfekt. Ein weiterer Grund das Buch in Ruhe zu lesen, ist der sehr ansprechende Schreibstil der Autorin, der durch ihre klare, wohlformulierten Sprache besticht.
Mir hat dieses vielschichtige Porträt zweier Familien sehr gut gefallen. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, wer sind wir eigentlich und was wurde aus unserem Lebensentwurf, wo stehen wir.
Fazit: Begegnungen mit Tiefgang
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