Ödipus, Iokaste, Laios, Antigone, Elektra oder Adonis – diese und viele andere Vertreter der griechischen Mythologie werden seit Sigmund Freud als Namensgeber für Komplexe, Syndrome oder Theorien der Psychoanalyse verwendet. Manche dieser Begriffe sind nach wie vor fest im psychiatrischen, psychologischen oder sonstigen psychotherapeutischen Sprachgebrauch verankert; manchmal reichen sie gar bis in die Alltagssprache hinein. Kenner sind sich einig, dass die griechische Mythologie die Psychoanalyse geradezu ernährt. Der Autor dieses Buches begibt sich als Psychiater und profunder Kenner der griechischen Mythologie auf eine spannende Spurensuche, um der Beziehung zwischen Psychoanalyse und griechischem Mythos einmal richtig auf den Grund zu gehen: Beziehen sich die Schöpfer eines psychoanalytischen Komplexes – beginnend bei Sigmund Freud – eigentlich berechtigterweise auf den namensgebenden griechischen Mythos? Oder haben sie diesen eventuell angepasst oder gar gebeugt, um ihn mit der kreierten Theorie kompatibel zu machen? Interessierte an Psychotherapie und griechischer Mythologie finden hier eine unterhaltsam lesbare, manchmal humorvolle und persönliche, in jedem Fall lehrreiche Lektüre jenseits „trockener Fachliteratur“ – und hoffentlich so manches „Heureka-Erlebnis“.
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S.A.W
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23.08.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Stimmen Mythen oder sind sie alle Märchen?
Beziehen sich die Schöpfer psychoanalytischer Komplexe richtig auf den namensgebenden griechischen Mythos oder haben sie diesen gebeugt, um ihn mit ihrer Theorie kompatibel zu machen? Prof. Marneros, emeritierter Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie, zieht dies kritisch in Zweifel, obwohl der Schatz an griechischen Mythen die Psychoanalyse geradezu ernährt hat.
Das Buch liest sich für Tiefenpsychologie-Interessierte höchst aufschlussreich, da Marneros ein Kenner, sowohl der griechischen Mythologie als auch der Psychoanalyse ist. Er kritisiert, dass Ödipus gar keinen Ödipuskomplex gehabt habe, denn der hätte sich auf seine Adoptiveltern richten müssen, von seinen leiblichen Eltern wusste er ja nichts und hätte sonst seine Mutter nie geheiratet. Marneros unterstellt, dass Sigmund Freud seinen eigenen Komplex auf das Drama von Sophokles projiziert und dieses damit unzulässig verfälscht hätte.
Marneros geht mit der naturwissenschaftlichen Akribie des Psychiaters an die Datenlage heran und macht eben deswegen einen gravierenden Fehler. Er verkennt völlig, dass Mythen symbolische und bildhafte Geschichten sind, die menschliche Gefühle archetypisch ausdrücken, aber eben keine Fakten, denn als solche würde kein einziger Mythos irgendeinen Sinn ergeben, weswegen Naturwissenschaftler in der Regel auch wenig mit Mythen anzufangen wissen. Das Drama des Ödipus kann sich so gar nicht abgespielt haben, wie die Überlieferung sie erzählt, das widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit und menschlichen Erfahrung. Wohl aber beschreibt das Drama von Sophokles völlig richtig die schwierigen Inzestphantasien, die Freud bei seinen Patienten fand und als Ödipuskomplex benannte. Trotz aller Abwertungsversuche ist der Ödipuskomplex heute so aktiv und zahlreich wie eh und je und vor allem für gescheiterte Paarbeziehungen verantwortlich. Dass bindungsunfähige Männer eine unbewusste Bindung an ihre Mutter haben, habe ich in meiner Dissertation belegt und in hunderten Paartherapien bearbeitet. Auch „Hänsel und Gretel“ ist natürlich ein Märchen und hat so sicher nie stattgefunden, eignet sich aber ebenfalls hervorragend für die Bearbeitung der Mutterbindung.
Da ich im Gymnasium Altgriechisch gelernt habe, teile ich die Faszination der Analytiker und habe selbst den Tantalus-Komplex kreiert, der das Wesen der Psychotherapie exakt abbildet und vorwegnimmt (siehe unten). Marneros reiht sich mit seiner Argumentation leider ein in die Reihen der Positivismus-Fanatiker, die archetypische seelische Vorgänge per se ablehnen und deshalb besser die Finger davon lassen sollten.
Dr. Rüdiger Opelt. Autor von „Die Kinder des Tantalus. Ausstieg aus dem Kreislauf seelischer Verletzungen.“
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