Es ist eine Binsenweisheit, dass die Eliten den öffentlichen Diskurs in Medien, Kultur und Politik dominieren. Immer öfter agieren sie jedoch mit dem moralischen Anspruch von Volkstherapeuten, die alle zum friedlichen Zusammenleben erziehen wollen. Unmerklich hat sich in Westeuropa auf diese Weise ein therapeutisches Kalifat etabliert: Wer mit seinen Ansichten von der verordneten Therapie abweicht, muss mit Sanktionen rechnen. Schließlich wollen die Eliten die Wahrheit alleine definieren. So ist ein neuer Klassenkampf zwischen "Therapeuten" und "Patienten" in unseren Breitengraden entstanden.
Feinsinnig und mutig skizziert der Schriftsteller Giuseppe Gracia die "öffentliche Patientenverordnung" in Medien und Politik und plädiert für einen zivilen Ungehorsam und den Mut zum Widerspruch.
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"Meinungsdiktatur im Namen des Fortschritts"
Dr_ M aus Sachsen am 17.12.2018
Bewertungsnummer: 1156610
Bewertet: Buch (Paperback)
Immer wieder liest oder hört man, die Bürger seien "ängstlich" oder "verunsichert". Nicht etwa wütend oder einfach nur anderer Meinung. Und die Politik muss sich auch nicht ändern, sie muss dem Bürger nur besser erklärt werden. Der renitente Bürger wird als Fall für politische Therapeuten betrachtet. Ein politisches Mandat gilt nicht als ein Auftrag, den Willen des Wählers durchzusetzen, sondern als ein Erziehungsauftrag. Man muss dem Bürger auf den richtigen Weg verhelfen.
Giuseppe Gracia schafft es, auf knapp 60 Seiten diesen übergriffigen therapeutischen Ansatz präzise in seine Einzelteile zu zerlegen. Danach wird es leichter fallen, solche Manipulationsversuche zu erkennen und zu verstehen.
Ein wichtiges Handwerkzeug sind dabei sogenannte Narrative, also erzählerische Interpretationen der Wirklichkeit. Man kann das in jeder Nachrichtensendung wunderbar verfolgen. Eine Nachricht wird nicht mehr neutral verkündet, sondern mit einer redaktionellen Einschätzung versehen, die nicht selten die Wirklichkeit völlig verzerrt. So wurden beispielsweise im Herbst 2015 stets Frauen und Kinder gezeigt, wenn es um die endlosen Flüchtlingskolonnen ging. In Wirklichkeit waren es vorwiegend junge Männer, die nach Europa kamen. Nur die Wenigsten von ihnen waren politisch verfolgt. Dennoch wurde gerade dieses Narrativ im Rahmen der Berichterstattung gewählt. Fakten, die nicht ins gewählte Narrativ passen werden weggelassen.
Garcia nennt diese Methode, also das massenmediale Interpretieren von Ereignissen, "das Machtinstrument" der Therapeuten. Einen tatsächlichen öffentlichen Meinungspluralismus gibt es inzwischen nicht mehr. Man darf den gängigen Narrativen nicht mehr ungestraft widersprechen. In diese Methodik passt sich die sogenannte politische Korrektheit natürlich herrlich ein, schließlich war sie der erste Brückenkopf der modernen Moralapostel.
Neben einer hervorragend kurzen und präzisen Beschreibung dieses Therapieansatzes vermittelt Garcia auch Methoden, um sich gegen eine solche Vereinnahme zu wehren. Und schließlich findet man am Ende des Textes auch voller Ironie Verhaltensregeln und Narrative, die einen als "guten" Menschen outen, sowie Warnungen, welche Dinge man besser nicht sagen sollte, will man nicht als reaktionärer Typ dastehen.
Hilfreich und lustig zugleich.
Ein kleines Buch, das herausfordert
Bewertung aus Schaffhausen am 26.11.2018
Bewertungsnummer: 1150738
Bewertet: Buch (Paperback)
"Kalifat" klingt nach Islam. Im Lexikon lese ich: "Als Kalifat bezeichnet man die Herrschaft, das Amt oder das Reich eines Kalifen, also eines 'Nachfolgers' oder 'Stellvertreters des Gesandten Gottes'. Es stellt somit eine islamische Regierungsform dar, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind."
Der Titel könnte in die Irre führen, denn es geht in diesem Buch nicht um den Islam. Aber die Kombination von "weltlicher und geistlicher Führerschaft" in einer Person kommt dem Anliegen des Buches schon näher. Es ist ein kleines Buch (nur 63 Seiten), hat aber Sprengkraft! Der Versuch, das Diktat der "Mehrheitsmeinung" zu erkennen und nach Wegen zu suchen, wie man es unterlaufen kann. Unmerklich hat sich in den letzten Jahren in den westlichen Ländern eine neue Art von Intoleranz etabliert, die den Medien ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Es wird nicht mehr nur informiert, es wird manipuliert, ohne dass es zunächst auffällt. Und wer mit eigenen Ansichten von der verordneten Linie abweicht, muss mit Sanktionen rechnen.
Gracia, selbst Journalist, macht in diesem Buch auf die zunehmend manipulative Art der Berichterstattung aufmerksam und belegt dies mit aktuellen Beispielen. Er sieht die Gefahr der Mächtigen, das Interpretieren von Ereignissen (nicht die Information selbst!) als Machtinstrument zu missbrauchen. Die Frage, was wahr oder richtig ist, wird nicht mehr gestellt. Es geht lediglich um die Tatsache, eine Meinung zu etablieren, der man nicht ungestraft widersprechen sollte. Nicht gute oder schlechte Argumente zählen, es geht um gute oder schlechte Menschen. Eine Folge dieses Meinungsdiktates ist, dass heute immer weniger Menschen, die mit dem Mainstream nicht einverstanden sind, öffentlich überhaupt noch zu ihrer Meinung stehen. Gracia weigert sich, den Medien das Prägen der scheinbar herrschenden Mehrheitsmeinung kampflos zu überlassen. Auch politisch korrekte Meinungen sind für ihn keine nichthinterfragbare Selbstverständlichkeit.
Für die Bevölkerung in der Schweiz ist es normal, dass man sich in demokratischen Prozessen und Abstimmungen eine eigene Meinung bildet. Gracia fällt auf, dass dies auf europäischer Ebene nicht üblich ist. EU-Politiker fördern die direkte Demokratie nicht. Sie setzen lieber auf eine repräsentative Demokratie, in der Politiker und Funktionäre mehr Macht haben.
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