Konrad Jarausch schreibt eine neue deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: im Spiegel der Lebensgeschichten von über 80 Zeitzeugen. Geboren während der Weimarer Republik, hat diese Generation den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt, aber auch die Nachkriegszeit - in BRD oder DDR - und die Wiedervereinigung. Es sind sehr verschiedene Lebensläufe, gebrochene Biografien: von glühenden Nazis bis zu jüdischen Holocaust-Opfern, von politischen Wendehälsen bis zu unpolitischen Zeitgenossen. Darunter sind bekannte Namen wie Joachim Fest, Fritz Stern, Dorothee Sölle oder Ruth Klüger ebenso wie gänzlich unbekannte. Wie haben diese »ganz normalen Deutschen« das 20. Jahrhundert erlebt, erlitten und verarbeitet? Jarausch erzählt die Geschichte einer Generation. Und er tut dies auf eine besondere Art und Weise, indem er aus ihren Geschichten in vielen Mosaiksteinchen eine kollektive Biografie des 20. Jahrhunderts entstehen lässt. Wie oft kann man neu anfangen? Konrad Jarausch schreibt eine neue deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: im Spiegel der Lebensgeschichten von über 80 Zeitzeugen. Geboren während der Weimarer Republik, hat diese Generation den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt, aber auch die Nachkriegszeit - in BRD oder DDR
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Sikal
5/5
07.12.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Geschichtsbuch der besonderen Art
Der Autor Konrad H. Jarausch, Professor für European Civilization an der University of North Carolina hat mit diesem Geschichtsbuch ein turbulentes Jahrhundert zusammengefasst. Ein Jahrhundert, in dem sich vor allem die in den 1920er Jahren Geborenen immer wieder umstellen mussten, die Veränderung des Lebens allgegenwärtig war.
Konrad Jarausch hat mit „Zerrissene Leben“ eine Sammelbiographie der Weimarer Generation herausgebracht und lässt diese „normalen Menschen“ zu Wort kommen. Ungefähr 80 Zeitzeugen geben ihre Lebenserinnerungen preis, ihre Schwierigkeiten, Hoffnungen, ihren Alltag in Krisenzeiten. Was mir besonders gefällt, ist, dass Befürworter des Naziregimes ebenso zu Wort kommen, wie Gegner, quer durch die Gesellschaftsschichten und Religionszugehörigkeiten wird ein Bild der vielen Querelen und Konflikte gezeichnet. Der Zeitrahmen kann in etwa von den 1920er Jahren bis in die 1990er Jahre angenommen werden, da aus dieser Zeit die meisten Autobiographien der Protagonisten stammen.
Das Buch ist in drei große Teile gegliedert:
Kindheit vor dem Krieg
Jugend in Kriegszeiten
Erwachsen in der Nachkriegszeit
Besonders hervorgehoben wird die Begeisterungsfähigkeit von einem Teil der Jugend, die mit Hoffnung und Freude sich von der Propagandamaschinerie einlullen lassen. Sie müssen letztendlich auf die harte Tour erfahren, dass nicht alles stimmt, was einem vorgegaukelt wird.
Natürlich werden hauptsächlich subjektive Eindrücke dargestellt, vieles vermutlich etwas verzerrt – kein Einziger war selbst Ausführer von Gräueldaten, obwohl diese vor allem als Erinnerung an die russische Front ausführlich geschildert werden. Nicht nur der Krieg in seiner schrecklichen Form wird thematisiert, sondern auch der Zusammenhalt, die Gemeinschaft unter den Kameraden und die Hilfestellung für Verwundete. Auch die Leere nach Kriegsende wird geschildert – wofür das alles?
Der Wiederaufbau, die Teilung Deutschlands, ein Leben in einer Demokratie oder Diktatur – je nachdem, wo man landete… Auch hier werden interessante Zusammenhänge dargestellt und Sichtweisen ausgeführt.
„Auch wenn nicht alle zur Einsicht gelangt sind, haben viele Deutsche sich doch so stark verändert, dass ihre kaiserlichen Vorfahren sie kaum mehr erkennen würden.“
Diese kollektive Biographie unserer Mütter und Väter finde ich sehr ansprechend und sehr intensiv zu lesen. Nicht nebenbei, sondern mit Muße - und ausreichend Zeit wird dafür benötigt, um die Gesamtheit der einzelnen Lebensentwürfe zu erfassen. Gerne vergebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Bewertung
aus Neuss
5/5
11.10.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eingebunden in Geschichte
Wie stark jedes einzelne menschliche Schicksal von Historie beeinflusst wird, führt uns Konrad Jarausch mit seinem Buch „Zerrissene Leben“ deutlich vor Augen.
Vor dem dramatischen Hintergrund eines Jahrhunderts deutscher Geschichte lässt der Autor achtzig (ganz normale) Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und Bildung oder religiöser Ausrichtung zu Wort kommen. Ihre Lebensläufe und Erfahrungen bindet er in seine Schilderungen der dramatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts ein, so dass ihm ein Blickwinkel „von unten“ auf Geschichte gelingt, „ein eindrucksvolles Dokument gewöhnlichen Lebens in außergewöhnlichen Zeiten“. Diktatur, Krieg und Neuanfang in DDR oder BRD und schließlich die erneute Einheit Deutschlands prägten die Lebenswege der Weimarer Geburtsjahrgänge und verhinderten einen „geradlinigen Lebensweg“.
Natürlich ist dem Autor sehr wohl bewusst, dass Erinnerungen von Zeitzeugen und ihre Berichte selektiv und „gefärbt“ sein können. Dennoch spiegeln gerade die Schilderungen von Einzelschicksalen sehr eindrücklich die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung.
Jarausch schreibt kompetent, dabei gut verständlich, fügt zahlreiche Zitate von deutschen Autobiografen an, unter denen auch einige bekannte Namen sind. Er versteht es, auf spannende Art die geschichtlichen Ereignisse mit den - meist von Historikern ignorierten - Einzelschicksalen zu verbinden und die Rollen, die unsere Vorfahren darin einnahmen, zu schildern. Ein umfangreiches, sehr ausführliches Buch, das den Leser gerade durch die ganz privaten Schicksale „kleiner“ Leute besonders berührt!
Igelmanu66
aus Mülheim
5/5
10.09.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Vergangenheit geht jeden an!
»Viele Nationalisten waren hocherfreut, als Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte. Aber die Linken hatten bereits eine düstere Vorahnung, dass die Nationalsozialisten nun die Macht an sich reißen würden. Die 16-jährige Eka Assmus rief, als sie die Neuigkeit erfuhr, aufgeregt: „Onkel Hans sin Führer is nu dran!“ Als SS-Mitglied bereitete sich ihr Verwandter schon auf einen Fackelzug zur Feier des Sieges vor, während eine Nachbarsfrau sich beeilte, die Hakenkreuzfahne zu hissen. Ein anderer „alter Kämpfer“ war außer sich vor Freude: „Die Begeisterung trieb ihm Tränen in die Augen. Kam da der neue Erlöser?“ Aber in Leipzig sahen zwei junge Kommunisten „verwundert … unzählige Nazis in endlosen Kolonnen vorüberziehen“. Sie erwarteten eine Aufforderung zum gewaltsamen Widerstand, „doch niemand kommt, nichts geschieht“. Der junge Jude Frank Eyck spürte instinktiv, dass von diesem Tag an „meine Eltern mich nicht mehr beschützen konnten. Die sorgenfreie Atmosphäre der Kindheit war verschwunden. Nicht konnte [jetzt noch] für selbstverständlich genommen werden.«
Wenn man sich das 20. Jahrhundert in Deutschland anschaut, dann stellt man eine Aneinanderreihung dramatischer Ereignisse, schwerer Zeiten und drastischer Veränderungen fest. Speziell wer in den 1920er Jahren geboren wurde, musste erkennen, dass das Leben nicht so verlief, wie erwartet oder erhofft.
Für dieses Buch hat Konrad Jarausch rund 80 Autobiographien von Weimarer Geburtsjahrgängen ausgewertet. Das Besondere dabei: Es handelt sich nicht um die Lebenserinnerungen von Promis, sondern um die ganz normaler Menschen, was einen Blick auf das Alltagsleben erlaubt. Zudem, und fast noch wichtiger: Es sind praktisch sämtliche Bevölkerungsgruppen vertreten. Männer, Frauen, Arbeiter, Bürger, Arme und Reiche. Es finden sich Katholiken, Protestanten und Juden, Bewohner des Westens, der Ostgebiete oder aus Berlin. Speziell in der Nazizeit konnte man die Menschen in Täter, Opfer und Zuschauer unterteilen, entsprechend liest man auch von HJ-Führern und BDM-Mädels, von Widerständlern, Emigranten und Flüchtlingen, Überlebenden des Todesmarschs und SS-Tätern in Auschwitz. Das beeindruckende Ergebnis dieser Aufarbeitung ist eine kollektive Biographie, die gerade durch ihre vielen Perspektiven ein gutes Gesamtbild liefert.
Gemeinsam mit den verschiedenen Protagonisten erlebt der Leser eine Kindheit in der Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise und den Aufstieg der Nazis, eine Jugend in Kriegsjahren und das Leben der Erwachsenen in der Nachkriegszeit. Doch geht es noch weiter, da die Autobiographien in den 1990er Jahren geschrieben wurden, umfassen sie auch Wiederaufbau, Beginn der Demokratie, Neuorientierung, die DDR und das SED-Regime, kalten Krieg, Mauerbau und –fall und die Wiedervereinigung.
Nun muss man Erinnerungen, gerade wenn viele Jahre vergangen sind, mit ein wenig Vorsicht genießen. Einiges wurde vergessen oder verdrängt, es gibt Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen, subjektive und selektive Darstellungen. Auch hier zeigt sich wieder der Vorteil der kollektiven Biographie, die solche Schwachstellen relativiert. Die Schilderungen stellten nicht wenige Autoren vor das Problem, positive Erinnerungen, wie z.B. schöne Zeiten in der HJ mit den schlimmen Folgen zusammenzubringen. Immer wieder zeigt sich Desillusionierung, weil das, woran man geglaubt hat, falsch war.
»Ich erkannte, dass ich dem Bösen die Treue gehalten hatte.«
Viele Erinnerungen schildern großes Leid, das ist ungemein intensiv und berührend zu lesen. Für einige Passagen habe ich ziemlich lange gebraucht, weil ich nicht einfach weiterlesen konnte, sondern das Gelesene erst man durchdenken musste.
Ein nicht unerheblicher Teil des Buchs befasst sich mit der DDR-Geschichte, hier erinnert sich ein Ostdeutscher beispielsweise an ein Leben »von Diktatur zu Diktatur«. Auch dieser Teil wird gründlich aufgearbeitet und von vielen Seiten beleuchtet. Ergänzt um diverse geschichtliche Infos wird aus vielen individuellen Erzählungen von Überleben und Neuanfang, Erinnern und Vergessen, eine große Geschichte. Eine Reihe eingestreuter, teils privater, Fotos intensiviert den Gesamteindruck noch weiter. Im umfangreichen Anhang finden sich zu den einzelnen Autoren Kurzbiographien.
In fast jeder deutschen Familie gibt es Geschichten über zerrüttete oder verlorene Leben, die Vielfalt der Erzählungen macht eine Identifikation möglich. Meine Familie gehörte zur Arbeiterklasse und wenn ich die entsprechenden Passagen lese, frage ich mich, was ich getan hätte. Wäre ich mutig genug zum Widerstand gewesen oder hätte ich konzentriert auf die eigene Armut und das eigene Überleben die wahren Opfer übersehen, verdrängt oder nicht wahrgenommen? Ich weiß es nicht und niemand, der nicht in dieser Situation war, kann das wirklich wissen. Aber wichtig für unser aller Zukunft ist es, sich immer wieder mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit sich solche schrecklichen Ereignisse nicht wiederholen.
Fazit: Die Vergangenheit geht jeden an! Packend und intensiv geschrieben, lässt diese kollektive Biographie den Leser nicht kalt und zwingt ihn zum Nachdenken.
»Wenn Deutschland neu anfangen will, dann müssen die Deutschen lernen, zu ihrer Vergangenheit zu stehen, wie auch immer der einzelne sich in dieser Zeit verhalten haben mag.«
Bewertung
4/5
12.04.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Statt mit "großen" Verträgen und...
Statt mit "großen" Verträgen und Abkommen wird hier Geschichte im wahrsten Sinne "persönlich" erklärt. Ein Jahrhundert zum (sich) Hineinversetzen und Einfühlen, nicht abgehoben.
Bewertung
4/5
15.10.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Alltagsgeschichte des 20.Jh.
Konrad Jarausch, Professor für European Civilisation an der Universität North Carolina und Deutsch-Amerikaner, hat mit "Zerrissene Leben. Das Jahrhundert unserer Mütter und Väter" ein eher ungewöhnliches Geschichtsbuch gegen das Vergessen vorgelegt, das die Schnittstellen "normaler" Menschen mit der "großen Geschichte" beschreibt, und so etwas wie eine "kollektive Biografie" der in der Weimarer Zeit Geborenen darstellt.
Beschreibung: das Buch ist 455 Seiten dick und enthält, neben 9 Kapiteln plus Fazit des Autors, noch einen umfangreichen Anhang, in dem die 17 Hauptprotagonisten und weitere 65 Neben- und Randfiguren, aus deren Lebenserinnerungen zitiert wurde, vorgestellt sind. Dazu gibt es in jedem Kapitel Fotografien, die das Erzählte gut illustrieren.
Der Aufbau des Buches ist chronologisch, wobei der Autor eine Erklärung über seine Herangehensweise und Intention voranstellt. Die Erzählung wird fortlaufend von den Originalzitaten aus den Zeitzeugenberichten untermauert, was ein häufiges Blättern zum Personenverzeichnis sinnvoll macht.
Die Sprache von Jarausch ist dabei an die Zielgruppe all derer angepasst, die sich für Geschichte interessieren und, vielleicht mangels Biografien in der eigenen Familie, Lust auf Zeitzeugenberichte haben. Er kann sehr verständlich und gut lesbar formulieren, durch die ständig eingestreuten Zitate ist das Buch lebendig, und das "trockene", oft ernste Thema dennoch locker zu lesen.
Mein Eindruck: der Autor beschreibt im Nachwort, dass ihnen eine Leser-Kritik (zu seinem Werk über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts "Out of ashes") dazu gebracht hat, eine Geschichte aus dem, "was man wirklich auf den Straßen dieser deutschen Städte erleben würde" zu schreiben.
Seine Kernfrage dabei ist: "Wie haben die ganz normalen Deutschen das 20.Jh. "erlebt", "erlitten" und vor allem auch "verarbeitet"? Entspricht die offizielle deutsche Erinnerungskultur der der Zeitzeugen, sind Alle Opfer, oder gibt es doch Unterschiede, die in der Erinnerung nicht verwischt werden dürfen?
Die Herangehensweise und die Absichten des Autos gefallen mir gut, er wird nicht müde zu betonen, dass so eine "kollektive Biografie" auf immer subjektiv-selektiven, tendenziösen, rechtfertigenden und möglicherweise durch die Erinnerung verzerrten Berichten beruht, die aber durch die Vielfalt der ausgewählten Zeitzeugen und die hohe Menge an Berichten auf ihren Wahrheitsgehalt abgeglichen und in spürbar kritischer Distanz wiedergegeben wurden.
Deutlicher Schwerpunkt des Jahrhunderts ist dabei die Nazizeit, weil sie bis heute Auswirkung auf unsere Gesellschaft hat und die befragten Zeitzeugen in besonderer Weise geprägt hat. Jarausch berücksichtigt dabei auch den Unterschied in der Entwicklung der beiden deutschen Staaten, und beschreibt streckenweise, angesichts der Zeiten meines Erachtens sehr zurecht, die gesellschaftsspezifisch unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen und Männern, vor allem im Krieg. Es gelingt ihm dabei gut, einen stimmigen Gesamtbericht über den Verlauf des Jahrhunderts zu geben, und die "große Geschichte" auf das herunterzubrechen, was normale Menschen darin erleben. Und das auch einem Laien gut vorstellbar zu machen.
Kritik: Ein bisschen war ich insgesamt enttäuscht, dass ich nicht wirklich das Gefühl hatte, viele neue Aspekte kennengelernt zu haben. Das mag aber der Tatsache geschuldet sein, dass ich mich schon mehrfach mit dem Jahrhundert beschäftigt habe, und auch noch Gelegenheit hatte, selbst mit Zeitzeugen zu kommunizieren.
Auch ist das Buch so bemüht, eine breite Palette an Zeitzeugen zu befragen (Opfer, Täter, Mitläufer, Prominente wie einfache Arbeiter etc.), dass es mir schwer fiel, mich mit einzelnen Personen so zu identifizieren, dass ich emotional besonders berührt wurde. Das liegt wiederum wahrscheinlich an der schieren Vielzahl der Protagonisten, die in ständigem Wechsel zitiert werden, so dass man kaum eine Gesamtsicht über einzelne Lebensverläufe bekommt. Zumindest musste ich bis fast zum Schluss immer wieder zum Personenregister blättern, um keine Lebensberichte durcheinander zu werfen.
Vielleicht wäre über das Herausheben von typischen Verläufen (1Täter, 1Opfer, 1Mitläufer genauer) hier nicht nur der leichtere Zugang für die Leser, sondern auch eine vertiefte Sicht der jeweiligen Biografien möglich gewesen.
Für mich blieb es ein wenig zu sehr bei der "Übersicht", ich hätte mir eine genauere Darstellung ganz persönlicher Einzelheiten und Gedankengänge gewünscht, gerade auch bei der nachträglichen Auseinandersetzung mit der Frage der Schuld. So erfährt man zum Beispiel, dass Einzelprotagonisten sich therapeutisch behandeln ließen, aber leider nicht, was genau diesen Wunsch ausgelöst hatte oder wie sie ihre Therapieerlebnisse in Hinblick auf das weitere Leben beurteilten, solche Sachen. Der besondere Blick der Generation auf die Geschichte und auf die Rolle des Menschen darin wird vom Autor zwar mehrfach erwähnt, aber m.E. nicht vertieft erörtert. Damit wurde leider die Chance vertan, wirklich ungewöhnlich, aus dem subjektiven Alltagsleben heraus, die Relevanz von Geschichte für den Leser "erfahrbar" zu machen.
Fazit: Es bleibt eine gute, für Laien und nachfahrende Generationen glänzend verständliche und "unterhaltsame" Zusammenfassung der Geschichte eines besonderen Jahrhunderts.
M.E. wichtig und gut ist Jarauschs Unterscheidung der Geschichten der BRD und der DDR, die wichtige Grundlage zum Verständnis der unterschiedlichen Sozialisationen, und damit auch aktueller Entwicklungen im Osten sowie möglicher Versäumnisse Westdeutschlands im Rahmen der Wiedervereinigung ist.
Ein wenig leidet das Buch am Zuviel an Protagonisten, die kurzen Zitate aus den Lebensberichten verhindern leider eine vertiefte Auseinandersetzung mit einzelnen Biografien, und der Autor kommt auch nicht ohne Wiederholungen aus.
Bezugnehmend auf die eingangs erwähnte Kernfrage des Buches ist die Darstellung des Punktes "Verarbeitung" etwas kurz und oberflächlich geraten, manchmal hätte ich mir gewünscht, dass der Autor noch mehr kommentiert. Die wiederholte Aussage, dass sich "zuviel ausgeschwiegen" und teilweise "als Opfer inszeniert" wird, ist zwar wichtig, aber alleine unbefriedigend.
Dennoch kann das Buch vielleicht Menschen erreichen, die sich sonst mit historischen Büchern schwertun. Langweilig fand ich das Geschriebene in keiner Sekunde. Und zu einer guten, kritischen Erinnerungskultur für die Gegenwart trägt es in jedem Fall positiv bei.
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