Elfriede Lohse-Wächtler verlässt mit 16 Jahren ihr Elternhaus und wird freischaffende Künstlerin. Als sie sich in den Maler und Sänger Kurt Lohse verliebt, gerät sie in eine Lebenssituation, die sie in eine psychische Krise treibt. Persönliches Unglück, bittere Armut, Anstaltsaufenthalte und der menschenverachtende Nationalsozialismus bestimmen das Schicksal der hochbegabten Künstlerin.
Ein ergreifender Roman, der die Innensicht und Situation der Malerin eindrücklich ans Licht bringt.
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5.0/5.0
Bewertung
aus Eschweiler
5/5
02.12.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschütternd
Elfriede Lohse-Wächter hatte kein leichtes Leben. Als Künstlerin versuchte sie sich durchzuschlagen, doch ihr Mann Kurt Lohse gab das wenige Geld schnell aus. Das Ergebnis war ein ständiges Leben in Armut. Doch nicht nur die Armut zehrte an den Kräfte Friedas, auch die ständigen Streitereien in der Ehe. Das Ende der Beziehung überwindet sie im Endeffekt nie und wird dadurch in die Irrenanstalt Pira-Sonnenstein eingewiesen...
Elfriede Lohse-Wächters Leben ist eines der unfassbar tragischen Schicksale des Nationalsozialismus. Dagmar Fohl legt in ihrem Roman nicht den Fokus auf den Ablauf von Friedas Leben, sondern erstellt eine Innenansicht. Die Leserinnen verfolgen ihr Schicksal aus der Ich-Perspektive, die vor allen ihre Gedanken und Gefühle schildert. So erfasst man die Liebe zu Kurt Lohse, die durch die Streitereien immer mehr umschlägt. Ihre Gedanken werden verworrener, doch bis zum Ende ihres Leben bleibt sie klar. Sowohl Elfriede als auch die anderen Frauen wussten genau, was ihnen passiert. Dieser schonungslose Schreibstil der Autorin lässt einen erschüttert zurück. Zuerst musste ich mich an den Stil gewöhnen, weil ich mehr mit einem Buch, das dem Leben der Elfriede Lohse-Wächter nachgeht, gerechnet habe. Doch die Beschreibung der Gefühle macht es wesentlich eindrücklicher.
Zudem thematisiert die Autorin das Euthanasie-Programm der Nazis. Ein Thema, das vergleichsweise eher wenig Aufmerksamkeit bekommt. Alleine schon deswegen ein lesenswertes Buch!
Ashelia
5/5
28.08.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leben einer außergewöhnlichen Künstlerin
Dagmar Fohl hat mit "Frieda" einen biographischen Roman über die junge Künstlerin Elfriede "Frieda" Lohse-Wächtler verfasst, der deren hartes Leben auf eine intensive Art einfängt.
Der Erzählstil aus der Sicht von Frieda ähnelt Tagebucheinträgen, in denen in wenigen Kapiteln, die die grobe zeitliche Einordnung darstellen, Ereignisse aus ihrem Leben und besonders ihre Gefühle dazu wiedergegeben werden. Man erlebt Friedas Weg als freischaffende Künstlerin, die mit ihrer für damalige Verhältnisse emanzipierten Art besonders bei ihrem Vater aneckt. Sie liebt die Kunst, gibt ihr Innerstes über ihre Bilder preis und braucht dieses "Ventil", um auch die schweren Zeiten zu überstehen. Und schwere Zeiten gibt es viele in ihrem Leben. Als anfangs unbekannte Künstlerin verdient sie mit ihren Bildern kaum Geld, lebt das Künstlerdasein aber zu intensiv, als dass sie einen "normalen Brotjob" annehmen könnte. Immer wieder muss sie Kompromisse eingehen und Bilder zeichnen, die ihr selbst nicht zusagen oder stattdessen Stoffe u.Ä. verkaufen. Sie schafft es gerade so, sich über Wasser zu halten. In diesen ärmlichen, aber für sie selbst freien Verhältnissen lernt sie Kurt Lohse kennen und lieben und kommt den Rest ihres Lebens nicht von ihm los - obwohl er sie immer wieder wie Dreck behandelt.
Durch den Erzählstil wird man als Leser regelrecht eingesogen von Friedas Leben und ihren Gefühlen. Dagmar Fohl hat sowohl die glücklichen als auch die schweren Zeiten und später Friedas psychische Krise in knappe, aber umso intensivere Worte gefasst. Ich fühlte mich Frieda die ganze Zeit über nahe und war fasziniert von ihrer Persönlichkeit und ihrer Entschlossenheit, niemals mit der Kunst aufzuhören, egal was ihr wiederfuhr. Sogar dass sie Kurt Lohse einfach nicht loslassen kann, habe ich ein Stück weit nachvollziehen können, so lebhaft werden Friedas Gedanken beschrieben.
Es ist schwer, dieses Buch aus der Hand zu legen, wenn man es erst einmal begonnen hat. Selten hat mich das Leben einer Person so mitgerissen, gefesselt und am Ende - als sich der Nationalsozialismus den geistig oder körperlich beeinträchtigten Menschen "annimmt" - fassungslos zurückgelassen. Dagmar Fohl hat mit "Frieda" ein Werk geschaffen, dass das Leben einer außergewöhnlichen Frau in einer Zeit deutscher Geschichte beschreibt, die niemals vergessen werden sollte.
hasirasi2
aus Dresden
5/5
24.08.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Genie oder Wahnsinn?
Elfriede Wächtler hält die Gewalttätigkeit ihres Vaters und die Erwartungen ihrer Mutter nicht mehr aus: „Ich bin 16 Jahre alt, das Leben liegt vor mir, ein Leben, wie ich es mir erträume, und nicht, wie der Vater es von mir erwartet und in mich hineinzuprügeln versucht.“ (S. 12) Sie will keine Kostümschneiderin werden und ein bürgerliches Leben führen, sondern Künstlerin sein. Wenn sie malt, kann sie sich ausdrücken, kann die Sorgen und Probleme vergessen, den Hunger, den Krieg. „Ein Bild zu malen ist das größte Abenteuer. Wenn es zu leben beginnt und sich in die Lüfte erhebt, wenn es sich von meiner Absicht löst und das zu Tage fördert, was ich zuvor nicht geahnt habe, vergesse ich völlig, dass Krieg herrscht und jeden Tag unzählige Menschen ihr Leben verlieren.“ (S. 16/17)
Sie besucht die Kunstgewerbeschule, bis sie sich auch dort eingeschränkt und unverstanden fühlt, ist u.a. mit Dix, Griebel und Felixmüller befreundet, lernt über sie den Maler und Opernsänger Kurt Lohse kennen und verliebt sich in ihn. Die Beziehung zu ihm ist nicht unproblematisch. Er nutzt sie aus, stiehlt ihr Geld, verkauft ihre Sachen, schlägt sie, nimmt sie als Künstlerin nicht ernst – trotzdem unterstützt und heiratet sie ihn.
Dagmar Fohl schreibt auf 246 Seiten so einfühlsam und eindringlich über das dramatische Schicksal der Dresdner Ausnahmekünstlerin Elfriede Lohse-Wächtler, dass ich das Buch nicht einmal aus der Hand gelegt habe.
Frieda hatte kein leichtes Los. Ich habe mich gefragt, warum sie sich nicht gegen Lohse gewehrt hat, sich so an ihn klammerte, auch als er fremdging und mit einer anderen Frau Kinder bekam. Vielleicht, weil sie die Gewalt von Kindheit an kannte? Lieber lässt sie sich von ihm in den Wahnsinn treiben, Diagnose Schizophrenie ... Doch auch in den verschiedenen Anstalten malt sie weiter, hat ihre größten Schaffensphasen – endlich gelingt ihr der Durchbruch als Künstlerin. Nur leben kann sie davon nicht, rutscht anscheinend sogar in die Prostitution ab („Ich habe keine Bleibe mehr, lebe auf der Straße und in den Kneipen. Meine Kleider, Wäsche, Schuhe werden löchrig. Auch von innen zerfalle ich mehr und mehr.“ (S. 137)) und wird in Arnsdorf eingewiesen.
Als die Nazis an die Macht kommen, lässt sich Lohse aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes scheiden. Frieda kommt nie wieder aus der Anstalt frei, obwohl sie zu dem Zeitpunkt gesund ist. 1940 wird sie nach Pirna-Sonnenstein „verlegt“ - das hat mich als Dresdnerin am meisten geschockt. Ich habe bis zu diesem Buch nicht gewusst, dass die Nazis 1940/41 vor den Stadttoren Dresdens fast 14.000 geistig oder körperlich behinderte Menschen vergast haben.
Friedas Schicksal hat mich sehr berührt. Ich habe mit ihr gelitten und gehofft, meine Heimatstadt Dresden und ihre Künstler neu kennengelernt. „Frieda“ ist ein wichtiges Buch, ein Buch #gegendasvergessen.
hasirasi2
aus Dresden
5/5
24.08.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Genie oder Wahnsinn? Elfriede…
Genie oder Wahnsinn? Elfriede Wächtler hält die Gewalttätigkeit ihres Vaters und die Erwartungen ihrer Mutter nicht mehr aus: „Ich bin 16 Jahre alt, das Leben liegt vor mir, ein Leben, wie ich es mir erträume, und nicht, wie der Vater es von mir erwartet und in mich hineinzuprügeln versucht.“ (S. 12) Sie will keine Kostümschneiderin werden und ein bürgerliches Leben führen, sondern Künstlerin sein. Wenn sie malt, kann sie sich ausdrücken, kann die Sorgen und Probleme vergessen, den Hunger, den Krieg. „Ein Bild zu malen ist das größte Abenteuer. Wenn es zu leben beginnt und sich in die Lüfte erhebt, wenn es sich von meiner Absicht löst und das zu Tage fördert, was ich zuvor nicht geahnt habe, vergesse ich völlig, dass Krieg herrscht und jeden Tag unzählige Menschen ihr Leben verlieren.“ (S. 16/17) Sie besucht die Kunstgewerbeschule, bis sie sich auch dort eingeschränkt und unverstanden fühlt, ist u.a. mit Dix, Griebel und Felixmüller befreundet, lernt über sie den Maler und Opernsänger Kurt Lohse kennen und verliebt sich in ihn. Die Beziehung zu ihm ist nicht unproblematisch. Er nutzt sie aus, stiehlt ihr Geld, verkauft ihre Sachen, schlägt sie, nimmt sie als Künstlerin nicht ernst – trotzdem unterstützt und heiratet sie ihn. Dagmar Fohl schreibt auf 246 Seiten so einfühlsam und eindringlich über das dramatische Schicksal der Dresdner Ausnahmekünstlerin Elfriede Lohse-Wächtler, dass ich das Buch nicht einmal aus der Hand gelegt habe. Frieda hatte kein leichtes Los. Ich habe mich gefragt, warum sie sich nicht gegen Lohse gewehrt hat, sich so an ihn klammerte, auch als er fremdging und mit einer anderen Frau Kinder bekam. Vielleicht, weil sie die Gewalt von Kindheit an kannte? Lieber lässt sie sich von ihm in den Wahnsinn treiben, Diagnose Schizophrenie ... Doch auch in den verschiedenen Anstalten malt sie weiter, hat ihre größten Schaffensphasen – endlich gelingt ihr der Durchbruch als Künstlerin. Nur leben kann sie davon nicht, rutscht anscheinend sogar in die Prostitution ab („Ich habe keine Bleibe mehr, lebe auf der Straße und in den Kneipen. Meine Kleider, Wäsche, Schuhe werden löchrig. Auch von innen zerfalle ich mehr und mehr.“ (S. 137)) und wird in Arnsdorf eingewiesen. Als die Nazis an die Macht kommen, lässt sich Lohse aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes scheiden. Frieda kommt nie wieder aus der Anstalt frei, obwohl sie zu dem Zeitpunkt gesund ist. 1940 wird sie nach Pirna-Sonnenstein „verlegt“ - das hat mich als Dresdnerin am meisten geschockt. Ich habe bis zu diesem Buch nicht gewusst, dass die Nazis 1940/41 vor den Stadttoren Dresdens fast 14.000 geistig oder körperlich behinderte Menschen vergast haben. Friedas Schicksal hat mich sehr berührt. Ich habe mit ihr gelitten und gehofft, meine Heimatstadt Dresden und ihre Künstler neu kennengelernt. „Frieda“ ist ein wichtiges Buch, ein Buch #gegendasvergessen.
Bewertung
aus Cottbus
5/5
15.08.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die deutsche Camille Claudel
Das Schicksal Elfriede Lohse-Wächtlers erinnert sehr an jenes von Camille Claudel. Bildhauerin
wie Malerin erlebten beide eine leidenschaftliche Liebe, die ins Unglück führte, erlitten bittere
Armut und psychische Krisen, Anstaltsaufenthalte, schrieben Bittbriefe an die Familie. Und beide
Frauen hatten den ungebrochenen Drang, Kunst zu schaffen, einerlei, in welcher Situation sie sich
befanden, denn ihre Berufung war es, Künstlerin zu sein. Camille Claudel wurde schließlich in der
Irrenanstalt eingesperrt. Elfriede Lohse-Wächtlers Weg führte aus dem Atelier in die
nationalsozialistische Anstaltshölle. Der Roman „Frieda“ zeichnet den vielschichtigen Weg der
Künstlerin zwischen Leidenschaft, Freiheitsliebe, Aufbruch, Zusammenbruch und Verachtung in
einzelnen Lebensepisoden. Ein Buch, für das man Zeit braucht, denn man legt es nach Beginn der
Lektüre nicht mehr aus der Hand. Großartig!
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