»Jón Kalman Stefánsson überwältigt uns mit dieser isländischen Geschichte von Leidenschaft und Schmerz - und schreibt, als ginge es um unser aller Leben.« Elke Heidenreich Ásta, darin steckt das isländische Wort für Liebe. Doch kaum ist das Mädchen geboren, verlässt ihre Mutter die Familie, und Ásta wächst bei einer Ziehmutter auf. Als sie einem Mitschüler die Nase bricht, weil der sie bedrängt, werden die Risse in ihrer Welt unübersehbar. Ásta muss für einen Sommer in die Westfjorde. Und trifft dort, wo das Licht so eigentümlich mit der Dunkelheit verwandt ist, auf Jósef, der Gedichte liest und ebenfalls als Querulant gilt. Zwischen den beiden wächst eine erste, zarte Liebe, durch die Ásta die Kraft findet, sich in ihr Leben zu kämpfen. Ihre Eltern mögen das Versprechen, das sie ihr mit ihrem Namen gaben, nicht gehalten haben. Ástas Geschichte aber ist so voller Liebe, Leidenschaft, Scheitern und Glück, wie man es selten erlebt. Ein fulminantes Stück Weltliteratur! »Stefánsson ist ein nachtdunkler Liebesroman geglückt. Uferlos in seinen philosophischen Erkundungen der menschlichen Seele. Kühn in seiner formalen Offenheit. Betörend in seiner mutig zur Schau gestellten Angreifbarkeit. Ein Buch wie eine traurige Jazz-Ballade von Chet Baker.« Deutschlandfunk »Über die Schönheit und die Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz schreibt derzeit niemand auf der Welt so poetisch funkelnd wie Jón Kalman Stefánsson!« radioeins
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“Das Leben ist eben ein Miststück.”
Bewertung am 21.08.2020
Bewertungsnummer: 328828
Bewertet: eBook (ePUB)
“Manchmal. Manchmal ist es ein Miststück, jetzt allerdings nicht.” ///
Dieser Roman ist nah dran an diesem Leben, das so schön und so derart häßlich sein kann. Auch dieses Buch erfüllt das Besondere der nordischen Literatur, die Wahrhaftigkeit, das Unprätenziöse, Unverblümte, die Schönheit wie die Rauheit, die genauen Beobachtungen, die große Empathie mit den Figuren (auch mit ihren häßlichen Seiten), ohne jegliche aufgesetzte Weinerlichkeit oder selbstbemitleidende Resignation, wobei die Schicksale tief ins Mark treffen. “Ástas Geschichte” ist eigentlich eine isländische Familiengeschichte, beginnend mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein “Lied, in dem Menschen verlieren, was sie lieben und darum Trauer zum roten Faden ihres Lebens wird.” Es steht zu befürchten, dass es keinen Mittelweg gibt: “Die Distanz zwischen Liebe und Hass ist in etwa die gleiche wie zwischen Leben und Tod. Unermesslich und winzig zugleich.” ///
Stefánsson ist ganz klar einer der Großen (auch wenn dieser Roman nicht besonders viel Beachtung fand). Er ist in seiner Rolle als Autor außerdem ein Soziologe, ein so ernsthafter wie humorvoller Philosoph, Psychologe und ein Therapeut, der seine Erfahrungen und Lebensweisheiten hier und da in den Text einsprenkelt. Sie passen sich in die Erzählung ein und sind durchweg willkommen. “Wer sich seiner Vergangenheit nicht stellt, bekommt irgendwann große Probleme.” ///
Erzählen heißt Leben. Solange erzählt wird, wird nicht gestorben. Wie bei Tommi Kinnunens “Wege, die sich kreuzen” wird das Phänomen der “Anbauten”, bzw. das Weiterspinnen von Leben, von Geschichten, angerissen, wenn von einem Anbau die Rede ist, “der irgendwann an das alte Haus geklebt wurde und jetzt, wellblechverkleidet, an ihm hängt wie ein betrunkener Jugendlicher an einem älteren Menschen.” Sigvaldi erzählt (sich) sein Leben, als er sterbend auf dem Asphalt liegt. “Wörter sind Bewegung. Sie verhindern, dass die Luft stagniert und fault.” Die alternde Ásta schreibt Briefe gegen ihre Traurigkeit: “Ich empfinde sogar Freude, aber das Leben fällt mir wieder schwer, sobald ich den Stift weglege, das Dasein wird schwerer, schwarzer Schnee. Und ich sehe keinen Grund, warum ich am Leben bleiben sollte.” Wenn die Sätze enden, verebben die Tage, verfliegen die Träume. Wenn Wörter stehen bleiben, enden Wege und Sterne verlöschen. Literatur spendet Trost und gibt Anlass zu Hoffnung: “Manchmal ist die verdammte Literatur das Einzige, was es schafft, das Dasein zu beschreiben, wie es wirklich ist.” ///
So tritt auch der Erzähler als Figur in den Vordergrund: “Windstille. Haben deine Worte genügend Kraft, um die Freude zurückzuholen, die schwindet – neue Bedeutung zu schaffen, wenn alles schal geworden ist? Nein. Du musst dich mehr anstrengen. Im Westen jedoch herrscht Windstille.” Hier spricht einer, dem bewusst ist, dass das Leben nicht unendlich ist und die verbleibende Zeit rasch allzu knapp werden kann, dass dreißig oder vierzig Jahre “schneller vergehen, als wir uns vorzustellen wagen.” Einmal prangert dieser Erzähler “die Liste der 1001 Bücher, die du gelesen haben solltest, bevor du stirbst” an: “Bevor du stirbst. Solltest du nur die lesen und keine anderen? Warum dann diese? Kannst du dich mit ihnen an den Tod wenden, geben sie dir einen Vorsprung in der Dunkelheit? Soll uns Literatur vornehmlich auf den Tod vorbereiten, anstatt uns dazu bringen, besser zu leben?” ///
Überhaupt, die Dunkelheit. “Klart es wieder auf? Wer wird das erleben? Wer wird das Dunkel überleben, das jetzt auf die Welt fällt?” Die Dunkelheit bekommt auch politisches Gewicht: “Zwar war ich schockiert wie alle um mich herum, dass nun bald die dunklen Mächte mit dem siegesgewissen Grinsen der Dummheit auf dem mächtigsten Stuhl der Welt Platz nehmen würden.” (Gestern hat Biden anlässlich seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidat versprochen, sein Land wieder "aus der Dunkelheit" zu führen.) Und doch lautet die Grundfrage des Romans: “Wie spaltet man die Dunkelheit? Und kann man vor sich selbst weglaufen? Wenn es keinen Weg aus der Welt gibt.” Bücher können es vielleicht am ehesten. Und noch lange vor COVID weiß der Erzähler um die Bedeutsamkeit: “All die Alltäglichkeiten genießen, die so schrecklich fehlen, wenn sie uns abhanden kommen.” ///
“Ich bin sicher auf dem falschen Planeten gelandet. Hier ist alles so seltsam.” ///
“Ich möchte in einer Welt leben, sagte der alte Mann, in der man Menschen trauen kann. Das ist sicher kindisch von mir, aber ich bin sturer als der Teufel und werfe mein kleines Gewicht in die Waagschale.” ///
Und dann: Natürlich die Natur. “Kaum etwas auf dieser Welt ist schöner als eine Landschaft im Mondlicht. Wer nie in einer mondscheinbeschienenen Augustnacht draußen war, wenn die Berge nicht länger irdisch sind, das Meer sich in Silber verwandelt und die Wiesenhöcker die Form von schlafenden Hunden annehmen, der hat kaum richtig gelebt, der muss etwas ändern.”
Isländische Literatur
yellowdog am 03.02.2021
Bewertungsnummer: 1258113
Bewertet: eBook (ePUB)
Der isländische Autor Jon Kalman Stefansson hat schon beeindruckende Romane geschrieben, z.B. Himmel und Hölle oder Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit.
Jon Kalman Stefanssons Bücher haben einen hohen Ton. Das gilt auch für Astas Geschichte, sein zwölfter Roman, doch diesmal ist er besonders intensiv. Ich mag lyrische Prosa, doch diesmal war es wirklich viel auf einmal.
Es wird die Geschichte einer Frau in Island erzählt. Es beginnt mit den fünfziger Jahren, aber es wird nicht durchgehend chronologisch linear erzählt, es gibt immer wieder Passagen mit Astas Eltern, Helga und Sigvaldi. Das ist gut ineinander verzahnt.
Immer wieder wird aber auch die Romankonstruktion auseinandergenommen.
Packende Passagen gibt es, als Asta auf den Hof kommt, auf dem sie dann leben wird und sie Josef trifft. Dann sind da endlich auch mal Dialoge im Vordergrund. Wenn der Autor anfängt, richtig zu erzählen, kann er mich am meisten überzeugen. Die Gefühle Astas werden transparent. Es wird überreich an Emotionen und Atmosphäre.
Astas Geschichte ist ein Roman, mit dem man sich schwer tun kann, der aber sicher auch einiges bietet.
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