»Klimaschutz ist eine Menschheitsaufgabe, und uns fällt nichts anderes ein als Marktlösungen.« Äußerst treffsicher hat der Ökonom Elmar Altvater unsere hilflose Reaktion auf die wohl größte Herausforderung unserer Zeit formuliert. Denn nicht nur die etablierte Politik, auch ein Großteil der Ökoszene setzt auf ein routiniertes »Weiter so«. Mithilfe erneuerbarer Energien und stetiger Innovation soll unsere Wirtschaft immer weiter wachsen – ökologisch nachhaltig natürlich.
Der Ökosozialist Bruno Kern entlarvt diese Illusion gründlich. Dabei stellt er nicht nur den Kapitalismus mit seinen eingeschriebenen Verwertungszwängen infrage, sondern die Industriegesellschaft selbst! Industrielle Abrüstung ist das Gebot der Stunde; weniger Verbrauch statt Profit um jeden Preis. Das weit verbreitete Märchen vom »grünen Wachstum«, das uns einreden will, es gäbe eine »Entkoppelung« von Wirtschaftswachstum und Ressourcen- bzw. Energieverbrauch, dient letztlich nur dem Zweck, der eigentlichen politischen Herausforderung auszuweichen. Nämlich der Frage: Wie schaffen wir eine solidarische Gesellschaft, die bereit ist, mit wesentlich weniger materiellen Ressourcen auszukommen?
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Selten so geärgert!
Bewertung am 14.10.2021
Bewertungsnummer: 1588353
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Um das Positive gleich vorwegzunehmen: Natürlich hat der Autor Recht, dass es kein ‚grünes‘ Wachstum geben kann. Denn Wachstum ist immer mit einem Mehr an Ressourcenverbrauch verbunden und kann damit schwerlich grün oder nachhaltig sein. Dass Wachstum sich entmaterialisieren ließe, ist und bleibt eine Mär. Und das ließe sich ganz sachlich und ohne jegliche Verrenkungen belegen.
Doch der Autor verfolgt mit seinem Buch offenbar ganz andere Ziele. Bereits im 1. Kapitel macht er sich daran, ohne Not die erneuerbaren Energien in die Tonne zu treten. Er bezieht sich dabei auf eine Studie aus dem Jahr 1996 (!), wonach der Energieaufwand für die Produktion der Energieanlage höher sei als der über die gesamte Lebensdauer – zumindest in der Schweiz und Norddeutschland – zu erzielende Ertrag, also ein Nettoenergieverlust entstehe. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass jede nicht gebaute Anlage einen Nettoenergiegewinn darstellt.
So ein Unsinn! Da muss eine 25 Jahre alte Studie für die Diskreditierung der vom Autor offenbar ungeliebten regenerativen Energien herhalten, die mit der empirischen Wirklichkeit von heute nichts mehr zu tun hat. Egal wo man nachschaut, bei Fraunhofer oder anderen Einrichtungen, überall wurden energetische Amortisationszeiten je nach Standort von 1 bis 3 Jahren ermittelt. Danach ist die Energiebilanz nur noch positiv, da keine Brennstoffe gebraucht werden. Diese seit Jahren vorliegenden und dem Autor sicherlich bekannten Studien werden aber gezielt ausgeblendet, denn sie würden die Kernthese vom Nettoenergieverlust regenerativer Energieanlagen, auf die in den folgenden Kapi-teln immer wieder zurückgegriffen wird, pulverisieren. Der Autor musste wissen, dass diese 25 Jahre alte Studie längst überholt ist. Er hat also seine Leser/innen wissentlich falsch informiert. Das ist un-geheuerlich! Damit diskreditiert sich der Autor unwiderruflich. Warum tut er das? Warum kommt er immer wieder auf diese These zurück, obwohl sie für die Argumentationslinie gar nicht erforderlich ist?
Diese Fragen hätten sich auch dem Rotpunktverlag stellen müssen. Ganz nebenbei ist es gegenüber den Käufern/innen eines Buches, das 2019 erstmals erschienen ist, geradezu dreist, auf einer heute 25 Jahre alten und längst widerlegten Studie die zentrale These des Buches aufzubauen. Als Käufer erwarte ich von einem neu erschienenen Buch, dass es gerade im Bereich technischer Fragen auf dem aktuellen Erkenntnisstand aufsetzt und nicht in die Mottenkiste greift.
Eine einzige Enttäuschung ist dann das Kapitel zum Ökosozialismus. Wer hier etwas wirklich Neues erwartet hat, sucht vergeblich. Es erschöpft sich weitgehend in einer Aufzählung von Maßnahmen. Neben einer Vielzahl bekannter Forderungen wird dann u.a. auch gefordert, die Zentralbank als Unterabteilung ins Finanzministerium zu integrieren oder die oppositionellen Kräfte innerhalb der Gewerkschaften zu stärken. Wow! Und dann bricht also der Ökosozialismus aus? Sorry, aber da kann man nur noch mit Zynismus reagieren.
Und zum krönenden Abschluss folgt dann noch ein Kapitel über Marx, zu dem der Autor bereits umfänglich publiziert hat und es deshalb offenbar nicht lassen konnte, auch das vorliegende Werk mit einer kurzen Abhandlung über die ökologischen Aussagen des Altmeisters abzurunden. Wer bis zu diesem Kapitel durchgehalten hat, steigt spätestens jetzt aus.
Es mag der theologischen Ausbildung des Autors geschuldet sein, dass das, was auf dem Buchdeckel ‚pointiert‘ bezeichnet wird, beim Leser eher inquisitorisch ankommt: viele zitierte Autoren/innen werden als sich selbst entlarvend, verräterisch, verschleiernd, hartnäckig und beharrlich der Unredlichkeit, Unsachlichkeit, Oberflächlichkeit, Unterschlagung, Selbsttäuschung, Polemik, ideologischen Vorurteile, Illusion, selbst auferlegten Denkaskese, des Ausweichens oder Verkennens geziehen, deren Blickwinkel verengt sei und die zentrale Aspekte ausblenden würden. Mit diesen teilweise verletzenden persönlichen Bewertungen verlässt der Autor bewusst die Ebene der sachlichen Analyse. Zugleich untergräbt er damit die Glaubwürdigkeit seiner gesamten Darstellung, denn man wird den Verdacht nicht los, dass ein derart emotionsgetriebener Autor den Lesenden zentrale Aspekte vorenthält und sie in seine ganz eigene ideologische Nische treiben will.
Sehr schade, denn vieles ist gut und richtig dargestellt. Und das Thema des Buches ist von ungeheurer Relevanz. Warum versaut es der Autor derart?
Buch ist kein Plädoyer
Bewertung am 24.10.2020
Bewertungsnummer: 1393461
Bewertet: eBook (ePUB)
Der Autor stellt eine Vielzahl von Verhaltensweisen und Theorien aus der Makroökonomie in Frage, was durchaus sinnvoll sein kann. Dann sollte er seine Kritiken aber auch konsequent und mit klarer kontextbezogener Zieldefinition zu Ende denken. Beispiel: "Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist auf Ausnahmefälle zu beschränken." Oder: "Viele ernsthafte Einwände gegen das bedingungslose Grundeinkommen können hier nicht im Detail erörtert werden." (Anmerkung: Kern benutzt auch den Begriff des 'arbeitslosen' Grundeinkommens!) Oder: "... scheinen mir in mancher Hinsicht widersprüchlich und nicht plausibel zu sein. Das soll aber an dieser Stelle nicht diskutiert werden." Die Frage ist dann, warum sich Kern überhaupt solcher Aussage bemüht. Seine Thesen zu "Konsumkritik" in sieben Varianten ist einfach zu wenig für dieses ernste, überlebenswichtige Thema.
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