Zwischen 1919 und 1945 schlossen sich über zehn Millionen Menschen der NSDAP an, am Ende des Zweiten Weltkriegs war jeder zehnte Deutsche Parteigenosse. Doch wer konnte Mitglied werden und wer nicht? Wann wuchs die NSDAP, die Deutschland während der NS-Diktatur ab 1933 als einzige zugelassene Partei beherrschte, und wann stagnierte ihre Mitgliederzahl? Welche Motive bewogen die Neumitglieder zum Eintritt? Konnte man aus der NSDAP auch wieder austreten? Wie sah die soziale Zusammensetzung der Partei aus? Auf der Basis des mit Abstand größten Datensatzes aus der Zentralen NSDAP-Mitgliederkartei – einer Stichprobe von mehr als 50.000 Personen der Jahre 1925 bis 1945, die das Deutsche Reich samt den angeschlossenen und annektierten Gebieten umfasst – sowie einer Stichprobe früher NSDAP-Mitglieder für die Jahre 1919 bis 1922 untersucht Jürgen W. Falter, einer der renommiertesten Parteienforscher, die NSDAP auf Herz und Nieren – und stellt dabei vertraute historische Gewissheiten zur Disposition.
• erste umfassende Monografie zur Mitgliederstruktur der NSDAP
• Standardwerk zur Geschichte des Nationalsozialismus
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annlu
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24.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Umfangreiche Studie zu den NSDAP-Mitgliedern
Über zehn Millionen Menschen schlossen sich der NSDAP an – doch wer waren sie? Wer durfte überhaupt Mitglied werden und welchen sozialen Schichten entstammten die Mitglieder? In einer jahrelangen Studie wurden über 50.000 Stichproben aus den Mitgliederkarteien ausgewertet. Das Ergebnis liegt in diesem Buch vor.
Das Buch beschäftigt sich mit den Mitgliedern der NSDAP. Diese mussten die Mitgliedschaft aktiv und (zumindest dem Anschein nach) freiwillig beantragen. Akribisch wurde Buch geführt und jeder Antrag geprüft. Dadurch sind viele Dokumente erhalten, auf die sich die vorliegende Studie bezieht. Um die Partei zu charakterisieren werden hier nicht Einzelschicksale aufgeführt (zumindest nur in sehr kleiner Anzahl), sondern auf statistische Verfahren zurückgegriffen, die einen Überblick über die Gesamtheit der NSDAP geben sollen. Damit einher geht die Präsentation der Ergebnisse, die sich auf quantitative Fakten bezieht. Die statistischen Werte – seien es Gesamtzahlen oder prozentualen Werte - werden einerseits in den Text integriert, können andererseits anhand der vielen Tabellen abgelesen und selbst interpretiert werden.
Das Buch beginnt mit dem Kapitel „Wer durfte NSDAP Mitglied werden?“. In ihm wird die Geschichte der Partei aufgezeigt samt der zeitlichen Perioden, die Einfluss auf die folgenden Daten haben. Von der Etablierung der Partei über ihr Verbot, ihr erneutes Aufkommen, der (teilweisen) Schließung für Neumitglieder und einer Wiederöffnung ebenso wie der gezielten Aufnahme von bestimmten Neumitgliedern bekommt man hier schon einen Überblick über die Einflüsse, die die Mitgliederzahlen bestimmen. Das nächste Kapitel widmet sich den Mitgliederzahlen im Ganzen. Diese werden in den folgenden Kapiteln aufgeschlüsselt auf demografische Eigenschaften, wie Alter, Geschlecht, Familienstand und Ortsgröße aber auch auf die Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand. Da sich der auf die Einkommensquelle bezieht, wird im Kapitel „Soziale Trägerschichten“ auf die Berufe der Mitglieder eingegangen. Genauer betrachtet werden dann die Anschlussgebiete Österreich und das Sudetenland und die drei Millionenstädte Hamburg, Berlin und Wien.
Dadurch, dass sich die Fakten im Großteil des Buches auf statistische Werte beziehen, wirken sie mitunter trocken. Bewusst werden (außer beim letzten Abschnitt) Einzelschicksale ausgelassen und der Blick auf die Gesamtheit geworfen. Nur in einigen Fällen gibt es Interpretationen der Ergebnisse, die sich nicht direkt auf die Ergebnisse beziehen. Herangezogen werden frühere Studien und Annahmen, die zum Teil widerlegt werden konnten. Besonders die verbreitete Annahme, dass es sich bei der Partei um eine von der Mittelschicht getragene gehandelt hat, konnte anhand der Daten widerlegt werden. Vergleiche der Werte für das gesamte Reich mit denen der Anschlussgebiete und der Millionenstädte zeigten Ähnlichkeiten aber auch Abweichungen.
Ein Blick wird auf die Austritte und Wiedereintritte geworfen. Dieses Kapitel unterscheidet sich insofern von den anderen, als dass es sich nicht auf die Auswertung der Mitgliederkarteien bezieht (da dort keine Angaben dazu gemacht werden), sondern drei Quellen hinzunimmt, die von älteren Publikationen genutzt wurden. Die Frage nach dem Warum eines Eintritts in die Partei ist viel persönlicher, als die statistischen Angaben, die bis dahin im Buch ausgewertet wurden. So werden hier auch deutlich mehr persönliche Meinungen und Einzelschicksale aufgezeigt. Durch die unterschiedlichen Adressaten der Befragungen (die Partei selbst, die amerikanische Öffentlichkeit und die Entnazifizierungsbeauftragten) ergaben sich interessante Diskrepanzen. Das Thema wäre eine genauere Betrachtung wert – ich hätte gerne mehr davon gelesen.
Schon im Vorwort war ich von der Arbeit beeindruckt, die hinter den Ergebnissen steckt. Die Stichprobenanzahl übersteigt bei weitem jene von vorangegangenen Studien (aus denen dennoch bestimmte Schlüsse gezogen wurden). Besonders interessiert war ich an der Aufschlüsselung nach den demografischen Eigenschaften und den sozialen Schichten. Auch wenn die Gesamtheit der Aufteilung der Mitgliederzahlen hierbei keine Aussagen über persönliche Gründe für einen Ein- oder Austritt bzw. den Einfluss der Partei auf die jeweiligen Leben geben können, fand ich die Ergebnisse interessant. Besonders auch, weil sich hier nicht nur Informationen über die Partei ablesen lassen, sondern auch über die damaligen demografischen Aufteilungen abseits der NSDAP. Überrascht wurde ich von den genauen Parteistatistiken und der Nazibürokratie, die immer wieder als Vergleich herangezogen wird.
Fazit: Die Forschungsergebnisse fand ich interessant. Viele Daten geben Anlass für weitere Studien. Ein gewisses Interesse am Thema und eine Affinität zu Zahlen/statistischen Werten setzt das Buch aber voraus – ansonsten ist es nicht leicht zu lesen.
Gertie G.
aus Wien
3/5
13.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr trocken, viel Statistik und Tabellen - nur für Insider
Autor Jürgen W. Falter hat bereits 1991 ein ähnliches Buch mit dem Titel “Hitlers Wähler“ herausgebracht. Seit damals hat ihn dieses Thema nicht mehr losgelassen. Nach seiner Emeritierung im Jahr 2012 ist er im Rahmen eines Forschungsprojektes noch tiefer in die Materie und verstaubte Archive eingestiegen.
Das Ergebnis ist dieses Sachbuch, das ein paar interessante, bislang doch eher unbekannte Details bereit hält. So soll Hitler nie mehr als 10% der Bevölkerung als PG (= Parteigenossen) gewollt haben. Mit rund 10,2 Millionen Parteimitgliedern scheint dies gelungen zu sein. Mehrmals wurde ein Aufnahmestopp verhängt, tausende wieder ausgeschlossen, rund eine halbe Million starben bis 1945 und ja, 760.000 sind auch wieder aus der Partei ausgetreten.
Die Statistiken, die der Autor in seinem sehr, sehr trockenen Buch den Lesern an den Kopf wirft, sind nicht leicht zu überprüfen. Sie basieren auf einem Sample mit 50.000 Datensätzen. Man muss schon einige Kenntnisse in Statistik und Stochastik haben, um den Ausführungen folgen zu können.
Leider gibt es keine Zusammenfassung oder Conclusio, so dass ich ob des Ergebnisses ein wenig ratlos grüble. Kann es also doch stimmen, dass die Mehrheit der Deutschen keine Nazis waren? Oder bezieht sich dieser Satz nur auf die Mitgliedschaft in der NSDAP? Wieso haben dann die meisten weggesehen als ihre jüdischen Nachbarn verschleppt wurden? Kann man auf Grund der Parteizugehörigkeit und gleichzeitig dem Fehlen einer solchen auf den Charakter schließen? Oder sind viel nur deswegen der Partei beigetreten, weil sie sich Vorteile erhofft haben? Das würde aber den Intentionen Hitlers widersprochen haben, der keine Partei für alle wollte, sondern nur für eben die 10% „Elite“.
Denn wie gilt es den Aufnahmestopp zwischen Mai 1933 bis April 1937 und dann ein zweites Mal Februar 1942 bis Mai 1945, zu interpretieren?
Als Österreicherin interessiert mich das Kapitel „Sonderfall Österreich“ natürlich sehr.
Da die NSDAP zwischen 1933 und dem Anschluss 1938 verboten war, soll es ca. 275.000 illegale Parteimitglieder gegeben haben. Das erscheint bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 6,6 Mio (1939) nicht unerheblich. 1940 gelten dann rund 750.000 Personen als Parteimitglieder. Ein ganz besonderer Aspekt ist, dass in Österreich (der späteren Ostmark) rund 22% der Parteimitglieder Frauen waren. Im Vergleich dazu traten im Altreich nur rund 12% der Frauen der Partei bei.
Die Schwund von 208.000 Mitgliedern bei Kriegsende kann nicht nur durch die Kriegstoten erklärt werden. (1945 stellten die Alliierten nur mehr ca.
542.000 registrierte Mitglieder fest).
Einige hoch gerechnete Statistikdaten lesen sich interessant. So seien nur 4-5% der Oberschicht, aber mehr als 50% der unteren Mittelschicht und rund 40% der Unterschicht NSDAP-Mitglieder gewesen. Erklärungen dazu gibt es keine.
Um sich hier ein besseres Bild machen zu können, wer zu Ober-, Mittel- oder Unterschicht gezählt wird, wären es passend gewesen, die entsprechenden Einkommen gegenüber zu stellen. So lassen die Tabellen, wie häufig im Buch, großen Interpretationsspielraum zu.
Das finde ich schade, denn der Aufwand, den Jürgen W. Falter bei seinen Recherchen getrieben hat, muss immens gewesen sein.
Fazit:
Ein dickes Kompendium an Tabellen, Statistiken und ein Anhang mit zahlreichen Literaturangaben, das vermutlich nur echte Insider anspricht. Ich habe hier etwas anderes erwartet und kann diesem Buch leider nur 3 Sterne geben.
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