Als die Journalistin Åsne Seierstad von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben, ahnt sie nicht, was sie erwartet. Seit mehr als zwanzig Jahren trotzt Sultan Khan den Autoritäten - ob Kommunisten oder Taliban -, um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen. Er wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie seine Bücher auf offener Straße verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte. Dies ist das intime Porträt eines Mannes und seiner Familie - zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte - und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
aus Brunn am Gebirge
5/5
24.05.2024
eBook (ePUB)
Bericht über eine ganz andere Welt
Klappentext: "Als die Journalistin Åsne Seierstad von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben, ahnt sie nicht, was sie erwartet. Seit mehr als zwanzig Jahren trotzt Sultan Khan den Autoritäten ob Kommunisten oder Taliban , um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen. Er wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie seine Bücher auf offener Straße verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte. Dies ist das intime Porträt eines Mannes und seiner Familie zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche."
Tatsächlich habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt, als mir dieses Buch geboten hat. Ich ging eher von einer nett dargestellten, leicht kulturellen Erzählung. Dieses Buch ist weitaus mehr als das. Es ist Dokument, ein Bericht einer anderen Welt.
Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, leicht und flüssig. Die Kapiteln handeln immer über eine andere Personen, die aber mit der Hauptfamilie auf irgendeine Art und Weise verbunden ist. Anfänglich hat der Leser das Gefühl, dass die einzelnen Kapiteln keinen eigentlichen Zusammenhang haben, aber schnell merkt man, dass sie sich zu einer Geschichte zusammen fügen.
Die Hauptprotagonisten sind der Sultan und seine Familie. Schwer zu sagen, wen ich am meisten mochte. Denn die eigene Kultur hält alle Fest im Griff. Die Beschreibung, durch die Handlungen und Geschichten, zeigt uns den Wesen der einzelnen Familienmitglieder. Letztendlich mochte ich Leila am meisten ...
Kulturell ist dieses Buch ein Meisterwerk. Es ist völlig objektiv geschrieben, ohne Vorurteile und Anschuldigungen. Jede einzelne Entscheidung wird aus der Sicht desjenigen, der sie trifft, erklärt bzw. beschrieben. Jede einzelne Geschichte ist spannend, und geht anders aus als man sich denkt. Wie oft habe ich gehofft und dann verzweifelt. Es werden sehr offen die Umstände, in denen die Afghaner leben, dargestellt. Umstände, die wir uns kaum vorstellen können. Sie leben anders, sie denken anders, falls sie sich das trauen, sie handeln anders. Dabei war das Volk früher, nicht viel anders als wir ...
Eine klare Empfehlung, vor allem für diejenigen, die neugierig sind. Allerdings keine leichte Kost.
Bewertung
5/5
13.11.2021
Buch (Taschenbuch)
Ein intimes Familienporträt mit all seinen Ambivalenzen
Åsne Seierstad befindet sich 2002 als Reporterin in Kabul und betritt eine Buchhandlung – sehr zu ihrer eigenen Überraschung, dass es eine solche in der vom Krieg gepeitschten Stadt gibt. Die Sowjets sind abgezogen, die Taliban gestürzt, die Warlords verjagt, endlich könnte es Frieden geben in Afghanistan. In der nächsten Zeit besucht Seierstad immer wieder den Book Shop des Mannes, der verschiedenen Regimes immer wieder getrotzt hat und bekommt die Gelegenheit am Familienleben des Buchhändlers teilzunehmen. Sie zieht temporär bei der großen Familie ein, um ihre Eindrücke in einem Buch zu verarbeiten.
Sie erlebt einerseits einen liberalen Mann, aufgeschlossen für die Ideen eines freieren Staates, sogar Frauenrechte begrüßt er. Auf der anderen Seite herrscht er als unangefochtenes Oberhaupt über seine Familie und hat sehr traditionelle Ansichten wie seine eigenen Frauen und die Kinder sich zu gebaren haben. Seierstad beschreibt den Werdegang des Buchhändlers wie er zu seinem Buchladen gekommen ist, welchen Wohlstand er sich damit erarbeitet hat und den Grad der Aufopferung, die seine Söhne für sein „Buchimperium“ zu leisten bereit zu sein haben. Die Erzählung begleitet dabei jeweils andere Personen und beleuchtet ihre persönliche Sicht der Dinge. Bedauert man in einem Kapitel erst noch den Sohn des Buchhändlers, der von seinem Vater dazu gezwungen wird für dessen Traum alles andere beiseite zu schieben und sein Leben der ihm verhassten Buchhandlung zu widmen, kehrt sich dieses Bedauern um, als man den Sohn lesend näher kennenlernt.
Auch bekommt die Lage der Frauen, die jahrzehntelang unter einem frauenfeindlichen Regime leben mussten, Platz in dieser Erzählung, beispielsweise in der Form der Schmach, die des Buchhändlers erste Frau erdulden musste, als er sich entschied eine jugendliche Zweitfrau zu nehmen. Die Erzählung Seierstads ist durchflochten von der Ambivalenz, die auf ihre Weise sicher beispielhaft für viele afghanische Familien und die sowohl gelebten als auch die aufgezwungenen Werte stehen kann.
Ein sehr intimes Porträt eines afghanischen Haushaltes, das bisweilen sehr verwirrend anmuten kann.
graphida
aus Allgäu
5/5
11.07.2021
Buch (Taschenbuch)
Das Buch wurde (zu Recht)…
Das Buch wurde (zu Recht) mehrfach ausgezeichnet und es ist gut, dass sich die Autorin nicht hat einschüchtern lassen und die Veröffentlichung trotz 13 Jahre andauernder Prozesse gelungen ist. Der wahre Buchhändler fühlte sich in seiner Ehre verletzt, wobei es wohl eher um die schonungslose Ehrlichkeit ging, die er der Autorin anlastete. Der Buchhändler aus Kabul war aufschlussreich und bot einen Einblick in afghanische Lebensweise und Traditionen, soweit dies durch ein Nichtfamilienmitglied überhaupt möglich ist.
Bewertung
aus Rieden
5/5
11.07.2021
Buch (Taschenbuch)
Lesenswerte, facettenreiche, irritierende Beschreibung einer anderen Kultur.
Dieses Buch zu beschreiben ist nicht einfach. Die Geschichte des Buchhändlers wurde von der Journalistin Åsne Seierstad aufgrund eigener Erlebnisse aufgeschrieben. Fünf Monate hat sie bei dem Sultan Khan und seiner Familie, seinen Frauen und seinen Kindern verbracht. Ihre Erlebnisse hat sie in einem lesenswerten Buch festgehalten.
Mit großem Einfühlungsvermögen und schonungsloser Klarheit schildert sie den Alltag einer afghanischen Familie, die Wirren des Krieges, das Leben unter der Herrschaft der verschiedenen Regimes, die Härte der Taliban und der eigenen Landsleute erlebt.
Das Gesetz ist das Familienoberhaupt und alle haben sich seinen Anweisungen zu fügen, so antiquiert sie auch sein mögen. Einerseits ist Sultan ein belesener Mann, andererseits ein diktatorischer Herrscher im eigenen Haus.
Menschenrechte, Frauenrechte, Selbstständigkeit, Freiheit – Fehlanzeige.
Die Frauen haben keinerlei Rechte, nicht einmal das Recht auf eine Intimsphäre. Der Wert der Frauen misst sich an ihrer Arbeitskraft, an ihrer Jungfräulichkeit und später an der Anzahl der Kinder, bevorzugt der männlichen Nachkommen. Sie beten zu Allah und hoffen auf seinen Beistand, damit das nächste Kind ein Junge sein möge, nicht noch eine Tochter.
Schon im Kindesalter ist die Aufgabe der Mädchen zu putzen, die Wünsche der Männer zu erfüllen, sei es der älteren Verwandten oder der jüngeren Brüder. Eine 7jährige geht bei uns selbstverständlich zur Schule, sie muss weder um 4 Uhr aufstehen um sauber zu machen oder zu kochen, noch die Kleidung der männlichen Familienmitglieder waschen und bereitlegen.
Sehr früh werden die Kinder verheiratet, ohne jegliches Mitspracherecht; entscheidend ist allein der Stand des Bräutigams und seine Gebote für das Mädchen. 14-jährige die sich schlechte ‚vermitteln‘ lassen müssen sich dann mit einem dreimal so alten Mann und den bereits vorhandenen Kindern abfinden, für die sie nun zu sorgen hat.
Der Autorin ist ein sehr facettenreiches Bild gelungen von einem Land, dessen Moralvorstellungen bei mir zu Irritationen geführt hat. Immer wieder habe ich mich gefragt: wie ist das möglich ?
Die Unterschiede zwischen Afghanistan und Deutschland könnten krasser nicht sein. Wird in dem einen Land in Bildung investiert besteht die Hauptaufgabe im anderen Land in Unterdrückung. Den Frauen wird von klein auf keinerlei Wertschätzung entgegengebracht, sie sind Arbeitskraft und Geburtseinrichtung und versteckt vor den Blicken der Männer. Was macht es mit einer Frau die die Welt nur durch ein Fadengitter wahrnimmt, den Blick begrenzt, die Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt ? Vielleicht ist unser Blick auf Burkatragende Frauen auch einseitig, denn sie scheint nicht nur eine Last, sondern bietet auch Schutz und manche Frau scheint völlig überfordert, wenn sie diesen Schutz ablegen soll.
Die Wertvorstellungen und das Rechtsverständnis könnte zwischen dem einen und dem anderen Land nicht unterschiedlicher sein.
Ich habe das Buch immer wieder weglegen müssen, um das Gelesene zu sacken zu lassen, so unglaublich ist die Schilderung.
Insgesamt gab das Buch einen tiefen Einblick, der manchmal verwirrend und manchmal abstoßend war, der aber auch deutlich machte, dass eine Veränderung nur durch Bildung möglich macht. Die Integration der Menschen die Afghanistan verlassen um in Europa eine neue Heimat zu finden kann nur durch Bildung, Aufklärung und Vermittlung der hiesigen Werte gelingen.
Männer sollten lernen, dass Frauen nicht ihre billige Arbeitskraft ist, dass sie nicht für sie zur Verfügung stehen, wann immer es ihnen passt, sie lassen jeden Respekt vermissen und verhalten sich so unglaublich, dass es schmerzt.
Und die Frauen müssen ermutigt werden in ihrem Selbst-Bewusstsein, ihrer Selbstwahrnehmung, ihrem Recht auf Respekt.
Das Buch wurde (zu Recht) mehrfach ausgezeichnet und es ist gut, dass sich die Autorin nicht hat einschüchtern lassen und die Veröffentlichung trotz 13 Jahre andauernder Prozesse gelungen ist. Der wahre Buchhändler fühlte sich in seiner Ehre verletzt, wobei es wohl eher um die schonungslose Ehrlichkeit ging, die er der Autorin anlastete.
Der Buchhändler aus Kabul war aufschlussreich und bot einen Einblick in afghanische Lebensweise und Traditionen, soweit dies durch ein Nichtfamilienmitglied überhaupt möglich ist.
F. Himmerich
aus Neuhofen an der Krems
4/5
11.05.2021
Buch (Taschenbuch)
Gebildeter Mann und Familiendiktator
"Der Buchhändler aus Kabul" ist die Familiengeschichte eines afghanischen Buchhändlers, die die norwegische Journalistin A. Seierstad nach vielen Monaten des Zusammenlebens im Jahr 2001 aufzeichnete. Selten zuvor hat sich jemand so viel Mühe gegeben, die familiären Befindlichkeiten und Entwicklungen einer afghanischen Familie derart akribisch zu recherchieren, um sie dann lebendig und einfühlsam darzustellen.
Sultan, der sich jeder Situation anpassende Buchhändler und autoritäres Familienoberhaupt, wird in seiner ganzen Widersprüchlichkeit geschildert. Sein beruflicher Werdegang vom besessenen Büchersammler über die Verfolgungen durch die kulturfeindlichen Taliban bis hin zu seinem ehrgeizigen Ziel, die Produktion der neuen afghanischen Schulbücher in seine Hand zu bekommen, ist spannend und äußerst aufschlussreich. Dieser Buchhändler scheint nichts mit dem herrschsüchtigen, Frauen unterdrückenden Familienoberhaupt zu tun zu haben, dem wir in Sultans Privatleben begegnen.
Die oft tragischen Schicksale der anderen (vor allem der weiblichen) Familienmitglieder, komplettieren das Bild einer gar nicht so ungewöhnlichen afghanischen Familie der gebildeten Mittelschicht.
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