London 1988. Der junge Historiker Saul Adler wird auf der Abbey Road angefahren. Nur leicht verletzt steht er auf und posiert für seine Freundin Jennifer Moreau auf dem Zebrastreifen, berühmt geworden durch das Beatles-Album. Das Foto nimmt er mit nach Ostberlin, wo er über den frühen Widerstand gegen den Nationalsozialismus forschen will. Dort begegnet Saul dem Übersetzer Walter Müller und dessen Schwester Luna, deren größter Wunsch es ist, endlich die Penny Lane in Liverpool zu sehen. Mit beiden beginnt Saul eine Affäre - und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die Geschichte holt Saul ein, seine eigene und die Europas. Zeit und Raum lösen sich auf, Wahrheiten stehen auf schwankendem Grund, und keiner sieht, was der andere sieht. Bis Saul dreißig Jahre später wieder auf der Abbey Road steht - und allmählich begreift, was er, der so vieles zu sehen meinte, nicht erkannt hat, und was die anderen in ihm gesehen haben. Ein Roman darüber, wie wir unsere eigene und die kollektive Geschichte (zurecht)erzählen und wie wenig wir uns selbst über den Weg trauen können, im Leben und in der Liebe.
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Was und wem kann ich glauben?
Bookflower173 am 16.12.2020
Bewertungsnummer: 1414231
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
London 1988. Saul Adler, 28 Jahre alt, lässt sich von seiner 23-jährigen Freundin Jennifer Moreau auf der legendären Abbey Road beim Überqueren des Zebrastreifens fotografieren. Dabei wird er aber angefahren, wobei ihm nichts Schlimmes passiert, außer dass der Außenspiegel eines Autos beschädigt wird. Kurz darauf der nächste Schock: Seine Freundin lehnt seinen Heiratsantrag ab und trennt sich plötzlich von ihm.
Nach ein paar Tagen reist er dann in die DDR, um über die kulturelle Opposition gegen den aufsteigenden Faschismus in den 30er Jahren zu forschen. Dort lernt er Walter kennen, der sein Dolmetscher ist und bei dessen Mutter und Schwester Saul während seines dortigen Aufenthaltes wohnen wird. Er fängt sowohl mit Walter als auch mit seiner Schwester Luna eine Affäre an.
Dann kommt ein Zeitsprung. Wir befinden uns im Jahr 2016. Walter ist 56 Jahre alt und überquert ein weiteres Mal die Abbey Road. Und wird wieder angefahren. Diesmal kommt er aber nicht so glimpflich davon.
Mehr will ich zu dem Inhalt nicht sagen, da man den Roman am besten selbst lesen muss, um seine Komplexität zu durchleuchten.
Meinung:
WOW! Ich bin absolut begeistert von diesem Buch und würde es jetzt am liebsten ein zweites Mal lesen, weil sich einem erst am Ende des Romans alles erschließt und auf eine sinnvolle Weise zusammenkommt.
Zunächst einmal muss ich den Schreibstil von Deborah Levy loben. Sie schreibt leicht, sodass sich die Seiten schnell lesen lassen, aber gleichzeitig auch unglaublich poetisch und malerisch, wodurch sie Situationen sehr passend und bildlich beschreibt.
Der Protagonist Saul war mir nicht besonders sympathisch. Er ist sehr narzisstisch und auf sich bedacht. Gleichzeitig passt er sowohl auf sich, als auch auf seine Mitmenschen nicht gut auf. Seine Beziehung zu Walter und zu Luna sind interessant mitzuverfolgen und wichtig, um seine Entwicklung zu verstehen. Er ist geplagt von einem schlechten Gewissen, er trauert einer Liebe hinterher und bereut im Nachhinein viele Dinge, die er getan hat.
Die Autorin hat die zwei Zeitebenen raffiniert miteinander verwoben, sodass wir mit einer zeitlichen Retrospektive mehr über Saul und seine Familie erfahren. Wenn man denkt, dass man das Geschehene langsam zu verstehen anfängt, kommt etwas Neues hinzu, was neue Fragen aufwirft, weshalb die Spannung im Roman nie abnimmt.
Man muss aufmerksam lesen, um zu verstehen, was passiert und passiert ist. Personen treten ein weiteres Mal auf, wobei sie in Realität doch nicht dieselben sind wie zu Beginn der Geschichte. Viele Dialoge erscheinen zunächst unsinnig und verwirrend, weil sich deren Sinn erst im Verlauf des Romans erschließen lässt.
"Er ist noch bei uns, aber war er jemals bei uns?" (S. 245)
Nichts ist so, wie es scheint. Realität und Eingebung sind untrennbar und unentwirrbar miteinander verknüpft.
Mit diesen zwei Zeitebenen kann man tief in das Innere des Protagonisten blicken. Seine Ängste, Sorgen und seine Trauer werden deutlich sichtbar.
Sehr interessant finde ich auch den historischen Kontext, in den die Geschichte eingebettet ist. Der Kontrast zwischen der DDR, dem damaligen Leben und der Sorgen der Menschen dort, und der Gegenwart zu Zeiten des bevorstehenden Brexits und der Freiheit der Menschen in London ist eindrücklich gelungen.
Fazit:
Das Buch hat mich begeistert. Der Roman ist auf einem sehr hohen Niveau und in einer wundervollen Sprache geschrieben. Ständig überlegt man als Leser*in, was nun wirklich passiert und was nicht! Es ist ein sehr außergewöhnliches und einzigartiges Buch, was ich jedem nur empfehlen kann, der anspruchsvolle und besondere Romane liebt.
Die Abbey Road war sein Schicksal ( nicht Caine, Michael Caine! )!
Samantha Faye aus Freihung am 09.12.2020
Bewertungsnummer: 1412871
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Exzeptionelles Buch einer außergewöhnlichen, meisterlichen Autorin, die hier ein Buch auf sehr hohem Niveau präsentiert! Unbedingt lesen!
Wer kennt nicht das famose Cover des Abbey Road - Albums der Beatles, auf welchem Paul McCartney barfuß mit den anderen drei hintereinander über diesen Zebrastreifen ebenjener Straße trotten. Und danach kam ja das Fama auf, Paul sei bei einem Unfall verstorbene, aber das nur am Rande.
Saul Adler, 28 Jahre alt, will diese Abbildung nachstellen zusammen mit der Künstlerin Jennifer Moreau, 23. Aber wenn man solch eine Rekonstruktion verfolgt, sollte man tunlichst vorsichtig sein.
Saul wird angefahren, aber nur leicht verletzt. Jennifer verschmäht und verläßt ihn.
Saul ist Historiker. Sein Schwerpunkt liegt auf dem sozialistischen Osteuropa. Der kulturelle Widerstand gegen die Nazis annodazumal interessiert ihn ganz besonders. Deswegen will er mehrere Monate forschend in der DDR verbringen.
Als er in Ostberlin quasi aufschlägt, ist der 30jährige Walter Müller, Dolmetscher, für ihn zuständig. Er fängt mit ihm als auch dessen Schwester Luna eine Troisième L'amour an. Walter pflegt zwei Existenzen. Seine offizielle systemkonforme und eben seine klandestine. Luna sehnt sich nach Reisen.
Das Buch taucht unter anderem sehr authentisch in die Endzeit und verlorene Welt der DDR ein. Wer weiß in der heutigen Zeit des Überflußes noch wie es ist sich nach Ananas, Bananen und Meeresfrüchten zu verzehren?
2016, als die Brexiteers Front machen scheint sich der Kreis auf unheimliche Weise zu schließen. Saul wird mit 56 Jahren tatsächlich und erneut auf der Abbey Road von einem Fahrzeug erwischt, auf jenem berühmten Zebrastreifen ...
Saul ist diesmal aber nicht glimpflich davongekommen. Schwerverletzt kommt er ins Hospital.
Ein poatoperatives Delir ( Durchgangssyndrom ) und wohl Nebenwirkungen der Medikamente heben in der Ebene seiner Reminiszenzen alle Begrenzungen auf. Er springt hin und her. Nach und nach enthüllt sich mehr und mehr von Sauls Vergangenheit sowie seiner Familie.
Deborah Levys Sprache ist poetisch, charismatisch, entrückend. Sie generiert beim Leser eine ganz eigene Magie. Man wird radikal subjektiv in Sauls Perspektive geschleudert. Man wird im Unklaren darüber gelassen, was nun wahr ist oder eben nicht. Verschiebungen, Verzerrungen, wie seltsame Spiegel, die die Reflektion abnorm wiedergeben, aber auf faszinierende Weise.
Unerwartete Kehren, Clous, klasse pointierte Höhepunkte, Klimax und Antiklimax, sowie geschickte Irreführung und intellektuelle Anregung des Lesers.
Deborah Levy ist eine Meisterin der literarischen Zunft, nein, eine Magierin! Geschickt jongliert sie mit Wortgebilden und Metaphern, lenkt den Leser raffiniert, der sich gerne in ihrem Buch verliert.
Es läßt einen nicht kalt, ist emotional umgarnend auf erfolgreiche Art, involviert einen tief in eine superbe Handlung voller Enigmen und wird einen noch lange nach dem Lesen beschäftigen.
Deborah Levy (* 6. August 1959 in der Südafrikanischen Union) ist eine britische Schriftstellerin.
Deborah Levys Vater war Historiker und Mitglied im African National Congress. Er wurde vom Apartheid-Regime inhaftiert und musste nach seiner Freilassung 1968 aus Südafrika nach Großbritannien emigrieren, die Eltern ließen sich 1974 in London scheiden.
Levy besuchte bis 1981 das Dartington College of Arts und begann, Theaterstücke zu schreiben, die auch von der Royal Shakespeare Company angenommen wurden. In Cardiff leitete sie die Manact Theatre Company. Sie verfasste eine große Anzahl von Stücken und auch Beiträge für Radio und Fernsehen. 1989 bis 1991 hatte sie ein Stipendium am Trinity College, Cambridge.
Mit einer Lannan Literary Fellowship im Jahr 2001 schrieb sie den Roman Pillow Talk In Europe And Other Places fertig. Die Romane Swimming Home und Hot Milk kamen im Jahr 2012 und 2016 auf die Shortlist des Man Booker Prize. Swimming Home, der auch ins Deutsche übersetzt wurde, spielt im Jahr 1994 und handelt von einer jungen psychisch kranken Frau, die sich in die Sommerresidenz eines bekannten britischen Schriftstellers und seiner Familie einschleicht und für zahlreiche Konflikte in der vermeintlichen Idylle an der französischen Mittelmeerküste sorgt. Hot Milk spielt während des Sommers in einem spanischen Fischerdorf und stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt, deren Mutter unter mysteriösen Lähmungserscheinungen leidet.
Für die französischen Übersetzungen ihrer Autobiografien Things I Don't Want to Know (2014) und The Cost of Living (2018) wurde Levy 2020 der Prix Femina zuteil. ( Quelle der Kurzbiographie: Wikipedia )
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