Annie Ernaux' Vater stirbt und sie beginnt, sein Leben zu erzählen: Sie, die studiert hat, schreibt über den Bauernsohn, Fabrikarbeiter und Kneipenwirt. Die körperliche Arbeit hat ihn hart und bitter werden lassen. Und es ist auch die Geschichte vom gesellschaftlichen Aufstieg der Eltern und der gleichzeitigen Angst, nicht zu bestehen. Das Hörspiel fängt die Zerrissenheit der Autorin eindrucksvoll ein. Denn der Versuch der Annäherung durch das Schreiben ist auch ein Verrat: an ihren Eltern und dem Milieu, in dem sie aufgewachsen ist – gespalten zwischen Zuneigung und Scham, zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
5/5
17.09.2025
Jenseits der Herkunft: Annie Ernaux' eindringliche Erkundung von Klasse und Identität
Annie Ernaux' "Die Scham" ist ein literarisches Kleinod, das den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann zieht und lange nach dem Zuklappen des Buches nachklingt. Es ist selten, dass ein Werk so virtuos geschrieben ist, dass einem die Worte fehlen – doch Ernaux gelingt genau das. Ihr einzigartiger Schreibstil ist wie ein feines Gewebe aus präzisen Beobachtungen und tiefgründigen Reflexionen. Sie webt Sätze mit einer solchen Meisterschaft, dass man das Gefühl hat, ein Leben durch ihre Augen nachzuerleben, sich vollständig in ihre Erinnerungen und Empfindungen zu verlieren. Das zentrale Thema des Buches, die gesellschaftliche Kluft zwischen Ernaux und ihrem Vater, ist von universeller Relevanz und wird hier mit bemerkenswerter Offenheit beleuchtet. Der Vater, ein Arbeiter, und die Tochter, die ihren Weg in ein akademisches, belesenes Leben als emanzipierte, starke und unabhängige Frau ebnet – dieser Gegensatz ist das pulsierende Herz der Erzählung. Ernaux schildert nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die inneren Konflikte und die damit verbundene Scham, die aus dieser Diskrepanz erwachsen. Sie zeigt auf, wie der soziale Aufstieg oft mit einer Entfremdung von den eigenen Wurzeln einhergeht, eine Thematik, die viele Leser nachvollziehen können. Besonders faszinierend ist die trockene, fast schon nüchterne Art der Autorin. Diese Distanz, die sie zu ihren eigenen Erlebnissen wahrt, ist jedoch keineswegs kalt. Im Gegenteil: Sie schafft einen enormen Freiraum für die eigenen Empfindungen des Lesers. Ernaux präsentiert ihre Erfahrungen und die daraus entstandene Kunst so unverfälscht, dass man unweigerlich dazu eingeladen wird, die geschilderten Gefühle und Situationen mit den eigenen Empfindungen zu erspüren und eine tiefe, persönliche Verbindung zu entwickeln. Es ist diese Kunst der Andeutung, die Kraft ihrer sorgfältig gewählten Worte, die es ermöglicht, allein durch die literarische Darstellung Gefühle zu entwickeln, die das Ergebnis ihrer Erfahrungen und Lebensabschnitte sind. "Die Scham" ist somit weit mehr als eine Autobiografie; es ist eine tiefgründige Analyse sozialer Dynamiken, ein Porträt einer Frau, die ihren Platz in der Welt sucht, und vor allem ein Beweis für die immense Kraft der Literatur, komplexe menschliche Erfahrungen greifbar zu machen. Ein absolut lesenswertes Buch, das nachhaltig beeindruckt und zum Nachdenken anregt.
Bewertung
aus Meggen
5/5
21.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Platz
Das kleine Buch ist trotz seines Umfangs sehr eindrücklich. Als Leser kann man in die Welt des Vaters sehr gut einfühlen und als Tochter, die auch die enge Welt der Eltern entflohen ist.
Auch sprachlich ist das Werk sehr klar und geglückt. Zudem ist die Übersetzung sehr gut.
Alles in allem sehr empfehlenswert
Bewertung
aus Wien
5/5
10.11.2022
eBook (ePUB)
der PLATZ
Es hätte nicht der Nobelpreisverleihung geschuldet sein müssen, die Bücher von A. Ernaux sind ein einziges Lesevergnügen. Die Übersetzungen sind sehr gut. Sie räumt mit den so gerne " schönen, früheren Zeiten" auf und man ist erstaunt, dass dies alles erst 50 Jahre zurückliegt.
Juti
aus HD
4/5
02.06.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Hommage auf den Vater Dieses…
Hommage auf den Vater Dieses Büchlein zeigt die Diskrepanz zwischen dem Vater der Autorin, der außer seine Schulfibel, die den Fleiß pries, nicht viel gelesen hat und als Kind einfacher Bauern in der Erntezeit die Schule schwänzte, der sich als Arbeiter hochgearbeitet hat und mit ihrer Mutter Ladenbesitzer wurde und eine Kneipe betrieb, der gerne im Garten arbeitete, der alles tat, um in der Gesellschaft bloß nicht negativ aufzufallen, der sich später kaum noch mit seiner intellektuellen Tochter unterhalten konnte und deswegen schwieg und seiner Tochter, die zwei Monate bevor er starb die Lehrerprüfung bestand. Sätze wie „Das Glück ist ein Gott mit leeren Händen.“ (S.67) gehörten nicht in Vaters Welt. Auch ihr Mann ist ein Intellektueller. Die Schilderung der Krankheit des Vaters zeugt dennoch von großer Liebe. Das Bändchen ist schnell gelesen. Für 5 Sterne fehlt mir aber das Außergewöhnliche. Und hilfreich ist sicher erst die anderen Bücher von Ernaux zu lesen.
Bewertung
1/5
19.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein unsäglicher Schund
Ein Buch von und für komplett ungebildete Trümmerexistenzen. Das man schon groß und fett den Literaturnobelpreis draufpinseln muss beweist schon, dass das geschriebene Wort in diesem Schundwerk nichts wert ist. Frau Eraux führt ihre Eltern lediglich vor. Kann man gut finden, oder man hat wenigstens was, dass dem Kamin als prima Anzünder dient.
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