Kurz vor Weihnachten bemerkt die zehnjährige Jas, dass der Vater ihr Kaninchen mästet. Sie ist sich sicher, dass es dem Weihnachtsessen zum Opfer fallen wird. Das darf nicht passieren. Also betet Jas zu Gott, er möge ihren älteren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen. Am selben Tag bricht ihr Bruder beim Schlittschuhlaufen ins Eis ein und ertrinkt. Die Familie weiß: Das war eine Strafe Gottes, und alle Familienmitglieder glauben, selbst schuld an der Tragödie zu sein. Jas flieht mit ihrem Bruder Obbe und ihrer Schwester Hanna in das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein, in eine Welt voll okkulter Spiele und eigener Gesetze, in der die Geschwister immer mehr den eigenen Sehnsüchten und Vorstellungswelten auf die Spur kommen.
Was bedeuten Familie, Glaube, Zusammenhalt? Wie kann man anderen beistehen, wenn man mit den eigenen Dämonen zu kämpfen hat? Lucas Rijneveld hat einen gewagten, einen kräftigen und lebendigen Roman geschrieben, der unsere innersten Gewissheiten hinterfragt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
6 Bewertungen
5 Sterne
4 Sterne
3 Sterne
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Familientragödie
Bewertung aus Magdeburg am 03.05.2021
Bewertungsnummer: 1487978
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die zehnjährige Jas betet kurz vor Weihnachten zu Gott, er möge lieber ihren Bruder zu sich holen als ihr Lieblingskaninchen als Weihnachtsessen enden zu lassen. Ihr Bruder bricht noch am selben Tag ins Eis ein und ertrinkt.
Marieke Lucas Rijneveld lebt in Utrecht und arbeitet nebenher auf einem Bauernhof. Sie hat zwei Lyrikbände veröffentlicht, bevor sie diesen Roman schrieb, der 2020 mit dem International Brooker Prize ausgezeichnet wurde.
Die Autorin lässt Jas sehr eindringlich beschreiben, wie die Familienmitglieder mit dem Tod des Sohnes und Bruders umgehen. Jeder fühlt sich schuldig an diesem Tod. Die Mutter hört auf zu essen, der Vater arbeitet nur noch und die drei Geschwister bleiben sich selbst überlassen und fliehen vor der Wirklichkeit in okkulte Spiele. Vor allem Jas kommt mit ihren Schuldgefühlen nicht klar und versucht, sich unsichtbar zu machen. Und es gelingt ihr: (fast) niemand sieht sie. Ihre Jacke zieht sie nicht mehr aus, sie hat Albträume und nässt sich ein. Ihr Bruder Obbe spielt seltsame Spiele, die Jas in ihrer Naivität mitmacht. Die jüngere Schwester Hanna scheint mit der Situation am besten klar zu kommen, aber auch sie trauert allein.
Der Schreibstil der Autorin ist ganz besonders. Ihr gelingen Sätze, die man am liebsten nicht mehr vergessen möchte. Aber es gibt so viel Brutalität, Blut, Exkremente und Tierquälereien, das es nur sehr schwer auszuhalten ist. Manche Bilder sind absolut stimmig, andere wieder nicht, was auch der Tatsache geschuldet ist, das Jas erzählt. Hier ist auch die Übersetzerin Helga von Beuningen zu nennen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat.
Fazit: ein sehr empfehlenswerter Roman, für den ein gutes Nervenkostüm notwendig ist.
Landleben und Apokalypse Der…
Bories vom Berg aus München am 17.08.2024
Bewertungsnummer: 2877106
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Landleben und Apokalypse Der Debütroman «Was man säht» der holländischen Autorin Marieke Lucas Rijneveld bekam 2020 den hochdotierten International Booker Prize für fremdsprachige Romane. Die geografisch im niederländischen Bibelgürtel und zeitlich in den späten neunziger Jahren angesiedelte Geschichte berichtet von den Verstickungen einer orthodox kalvinistischen Bauernfamilie aus der Sicht eines der vier Kinder. Ich-Erzählerin ist Jas, die oft auch Jacke genannt wird, weil sie Tag und Nacht die gleiche Jacke trägt. Eine hartnäckig verteidigte Marotte, die sie angeblich vor Gefahren und den Anfeindungen ihrer Umgebung beschützt. Lapidar lautet denn auch der erste Satz: «Ich war zehn und zog meine Jacke nicht mehr aus.» Ihre Erzählung beginnt kurz vor Weihnachten, als sie bemerkt, dass ihr Vater ihr geliebtes Kaninchen mästet. Offensichtlich, weil es als Festbraten auf dem Esstisch landen soll. Sie versucht vergebens, ihren Vater davon abzubringen. Insgeheim fleht sie zu Gott. er möge ihr Kaninchen verschonen und stattdessen ihren ältesten Bruder zu sich nehmen. Auf den ist sie gerade sauer, weil er sie nicht mitgenommen hat zum Schlittschuhlaufen. Ihr Wunsch erfüllt sich auf makabre Weise, der Bruder bricht ins Eis ein und ertrinkt! Und Weinachten fällt komplett aus für dieses Jahr, das Kaninchen bleibt also unbehelligt, es gibt nichts zu feiern. Für die Familie ist der Tod des Ältesten eine Strafe Gottes, die man geduldig zu ertragen hat. Diesem erzählerischen Paukenschlag gleich zu Beginn folgen Schilderungen des harten Lebens auf dem Bauernhof mit hundertachtzig Kühen, wo auch die Kinder mithelfen müssen. Es ist kein Lobgesang auf das idyllische Landleben, ganz im Gegenteil, und Jas flüchtet sich in ein Traumleben hinein, welches von dem entbehrungsreichen Alltag geprägt ist, dessen extreme Anspruchslosigkeit durch die Bibel vorgegeben ist. Für jedes Problem, für alle Lebens-Situationen haben die bibelfesten Eltern stets und ständig einen frommen Spruch parat. Auch den Kindern sind diese Pseudo-Weisheiten in Fleisch und Blut übergegangen, auch sie können für jede Situation eine passende Bibelstelle zitieren. Sie nehmen sie spöttisch vorweg, wenn es darum geht, was denn die Eltern oder der Herr Pfarrer zu bestimmten Ereignissen jetzt gleich sagen werden. Hier profitiert die Autorin offensichtlich von eigenen Erfahrungen, sie selbst wuchs in einem streng religiösen Heim auf. Jas wird von Schulgefühlen geplagt, auf die sie durch Gewalt gegen sich selbst reagiert. So drückt sie sich, zur Strafe quasi für das heraufbeschworene Unheil, eine Reiszwecke in den Bauchnabel, die dort auch bleibt, als ständige Mahnung! Überhaupt prägt offene, aber auch unterschwellige Gewalt das Familienleben. Der Bruder von Jas nimmt eines Tages seinen geliebten Hamster aus dem Käfig und drückt ihn in einer Schüssel unter Wasser. Ungerührt sieht er zu, wie das Tierchen strampelt und sich dann nicht mehr bewegt. Bald darauf muss der Hahn dran glauben, mit einem Hammer schlägt der Bruder ihn tot, als Mutprobe. Zu den ständigen Ängsten von Jas gehört auch ein vom Balken herabhängender Strick, sie fürchtet, die depressive Mutter könne sich damit erhängen. Und Vater droht öfter mal, dass er fortgehen werde und nicht mehr zurückkommt, - der reinste Psychoterror für die Geschwister! In einer der Erzähler-Figur Jas angepassten, naiven Sprache werden in diesem Roman unzählige, teilweise poetische Bilder herauf beschworen. Die wirken anfangs sogartig, werden mit der Zeit aber langweilig, weil im Grunde wenig passiert, Landleben halt! Tod und erwachende Sexualität hingegen prägen, immer wieder geschickt eingestreut, die Gedanken der jugendlichen Protagonistin. Sie sind denn auch bestimmend für den Plot, der zielgerichtet auf ein apokalyptisches Ende hinsteuert. Welches man sich, listiger Weise geradezu beiläufig erzählt, dann schockierender kaum vorstellen kann!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.