New York im Jahr 2022: Auf der East Side von Manhattan wollen sich fünf Menschen gemeinsam das Finale der American Football-League im Fernsehen ansehen. Eine emeritierte Physikprofessorin, ihr Mann und ihr früherer Student warten auf die Ankunft eines befreundeten Paares, das gerade auf dem Rückflug von Paris ist. Die Gespräche drehen sich um Einsteins Relativitätstheorie, ein Überwachungsteleskop im nördlichen Chile, eine besondere Bourbon Marke. Und dann passiert etwas Seltsames - auf einmal brechen alle digitalen Verbindungen ab. Sämtliche Bildschirme werden tiefschwarz. Die Freunde treffen ein, ihr Flug war dramatisch. Verwunderung, Erschütterung, Mutmaßungen. Die fünf versuchen sich einen Reim auf das rätselhafte, beängstigende Geschehen zu machen.
Kundinnen und Kunden meinen
2.5/5.0
Miss.mesmerized
5/5
01.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Don DeLillo - Die Stille
Super Bowl Sonntag im Jahr 2022. Jim Kripps und Tessa Berens sitzen im Flieger aus Paris. Der Langstreckenflug geht an die Substanz, minutiös notiert Jim die ganzen Angaben, die auf dem Bildschirm über seinem Kopf erscheinen, auch wenn diese in Französisch sind und er nicht alles versteht. In New York wollen sie gemeinsam mit Freunden das Spiel des Jahres sehen. Diane Lucas und Max Stenner haben schon alles für den Fernsehabend vorbereitet, auch Martin Dekker, ein junger Physiklehrer und Dianes ehemaliger Schüler, ist schon da. Gerade als das Spiel begonnen hat, kommt es jedoch zu einem Stromausfall, der nicht nur Diane und Max‘ Wohnung, sondern ganz New York betrifft. Derweil kommt es auf dem Flughafen zu einer Notlandung, bei der ihre Gäste verletzt werden, die daher zuerst in ein Krankenhaus gebracht werden müssen.
Don DeLillo hat seinen Roman vor Ausbruch der globalen Pandemie beendet, nichtsdestotrotz finden sich durchaus einige Parallelen, vor allem in der Atmosphäre, die geprägt ist von einer gewissen Endzeitstimmung und der Tatsache, dass sich die Figuren einer unkontrollierbaren Situation ausgeliefert sehen. Auch dass es nur sehr wenig Interaktion außerhalb des kleinen Figurenzirkels gibt, spiegelt ebenfalls sehr gut die Lockdown-Situation wieder, die weltweit Millionen, wenn nicht Milliarden zur Kontaktbeschränkung auf den engsten Familien- und Freundeskreis gezwungen hat.
„Die Stille“ bricht plötzlich über die Menschen herein, wirft nicht nur alle Pläne über den Haufen, sondern stellt viele Konzepte der Figuren infrage. Versucht Jim im Flieger noch alles detailreich zu notieren, um später nochmals darauf zurückblicken zu können und sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen zu müssen, sind seine Aufzeichnungen nach dem Crash einfach verloren. All die Mühe war umsonst und an das Ereignis selbst hat er gar keine Erinnerung. Mit einem Wimpernschlag wurde so die Gewissheit des Festhalten-Könnens zerstört.
Die Mitarbeiter im Krankenhaus haben alle Hände voll zu tun und funktionieren roboterartig. Warum Jim eine Wunde am Kopf hat, interessiert sie schon gar nicht mehr, jeder dort hat eine Geschichte zu erzählen, für die jedoch keine Zeit ist. Sie führen mechanisch die zugewiesenen Aufgaben aus und vermeiden das Philosophieren über die Gesamtlage; diese können sie ob ihrer Dimension ohnehin nicht erfassen.
In der Wohnung sieht Martin Dekker in Einsteins Theorie den ultimativen Referenzpunkt während Max noch amüsiert ist und die entstandene Leere mit Parodien der berühmt-berüchtigten Werbeclips des Super Bowl füllt. Die beiden könnten gedanklich kaum weiter auseinanderliegen, zeigen aber so die Spannbreite menschlicher Reaktionen auf eine Ausnahmesituation auf.
Endzeitszenarien haben mehrfach Eingang in DeLillos Romane gefunden, wie etwa ein Störfall in einer Chemiefabrik in „Weißes Rauschen“ oder das Leben nach der Welt, wie wir sie heute kennen, in „Zero K“. In seinem aktuellen Roman bleibt offen, was eigentlich geschehen und wie bedrohlich die Lage tatsächlich ist. Auch bietet er keine klare Deutung seines Textes an, viel Raum lässt er dem Leser selbst etwas aus dem Gelesenen zu machen. Ist es unser Verhältnis zur Technik, von der wir abhängiger sind als wir uns oft eingestehen wollen (und die wir schon lange nicht mehr verstehen – was sollen Jim all die Zahlen sagen und doch fliegt das Flugzeug)? An Martin zeigt er auch, wie die hohe Intelligenz und Bildung eher zur Verzweiflung führen, da die Gedanken in einen unkontrollierbaren Mahlstrom geraten und panisch versucht wird, das nicht Begreifbare zu erfassen. Andererseits auch das bewundernswert pragmatische Anpacke im Krankenhaus, manchmal ist es einfach die beste Lösung, das Naheliegende zu erledigen und mit Scheuklappen umherzugehen.
Don DeLillo gehört zweifelsfrei zu den besten zeitgenössischen Autoren der USA und unwillkürlich ist es ihm wieder einmal gelungen, die Stimmung der Stunde literarisch einzufangen.
Galladan
aus Niederrhein
5/5
01.06.2021
eBook (ePUB 3)
Kammerspiel im Kopf
Die Stille von Don DeLillo, erschienen im Kiepenheuer & Witsch GmbH Verlag am 20.10.2020
Jim Kripps und Tessa Berens fliegen heim von einem Urlaub in Paris, wollen bei Freunden den Superbowl 2022 sehen. Jim will schlafen, aber die Anzeige auf dem Monitor vor ihm lenkt ihn ab. Er und Tessa reden über belangloses bis zu dem Augenblick wo die Anzeige nicht mehr normal funktioniert und der Flughafen noch nicht in der Nähe ist. Derweilen sitzen Diane und Max schon mit dem ehemaligen Studenten von Diane vor dem Fernseher, um das zu tun, was man an einem Superbowl Sonntag tut: das Spiel mit Freunden ansehen, in der Halbzeitpause essen und die Werbung ansehen. Da wird ihr Bildschirm dunkel.
Ein kleines, aber sehr treffendes Buch. DeLillo erklärt nicht warum die Technik langsam, aber sicher versagt. Im Flugzeug noch haben Tessa und Jim einen dieser Momente, wo man stolz ist, wenn einem eine Unwichtigkeit nach einigem durchkauen des Hirns doch noch einfällt, kurze Zeit später ist ihr Handy, auf dem sie sowas gewöhnlich nachsehen, nicht mehr zu gebrauchen. Wir begleiten die Protagonisten einige Stunden in denen mehr und mehr Zivilisationserrungenschaften ausfallen und die Menschen sich plötzlich mit sich selbst beschäftigen müssen, was nicht immer problemlos gelingt. In „die Stille“ wird viel geredet, nicht so wie wir es erwarten, nicht so, wie Menschen miteinander kommunizieren.
Das Buch ist schnell gelesen, der Widerhall, den es beim Leser macht bleibt aber noch länger und lädt auch zur Selbstreflektion ein.
Sandra Falke
aus Berlin
4/5
01.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein moderner Klassiker
"Die Stille" von Don DeLillo ist eher eine Erzählung als ein Roman: Sie umschreibt eher einen Moment als eine Handlung; eher einen Tag als ein Leben; eher einen Zustand als eine Entwicklung.
Zwei Szenen werden dem Leser geboten: ein Paar, zurückkehrend aus dem Urlaub, im Flug nach Hause. Ein zweites Paar mit Gast, vor dem Fernseher sitzend, den Super Bowl schauend.
In beiden Fällen wird sofort bemerkbar, wie sehr die Partner von einander distanziert sind – und im weiteren Verlauf der Handlung, wie sehr sie von der Realität getrennt leben.
Dass Monitore, Unterhaltungssendungen und Werbung den Menschen ablenken und Zerstreuung vom Ernst des Lebens bieten sollen, steht fest und ist nicht unbedingt zu kritisieren. Doch die extremen Zustände in diesen Menschenleben sind besorgniserregend.
Als der kulminierende Punkt eintritt, wird die Angst vor dem Unwissenden für die Figuren nur noch durch das Entsetzen der Realität des Lesers übertroffen, der merkt, dass keiner der fünf die echten Gefahren, die potentiell auf sie zukommen könnten, wahrnimmt – da diese durch die kollektive Dissoziation bedeckt werden.
Und so spielt DeLillo auf sehr schlaue Art und Weise auf die individuellen Ängste des Lesers, die durch das abrupte Ende zu weiteren Ergänzungen aus dem eigenen emotionalen Gepäck gezwungen werden.
Ein moderner Klassiker, unerwartet und entnervend.
Bewertung
4/5
11.12.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein schnell zulesendes Gedanken-...
Ein schnell zulesendes Gedanken- oder auch Kammerspiel, was man fühlt wenn die technische Zivilisation wie wir sie kennen einfach stehen bleibt. Nachhallend und anregend einmal das eigene Technikverhalten zu reflektieren. Wer "Der Gott des Gemetzels" liebt ist hier richtig.
Lesendes Federvieh
aus München
3/5
01.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Die Stille" war mir zu still
New York 2022: Fünf Personen wollen gemeinsam das Superbowl-Finale ansehen. Die emeritierte Physikprofessorin Diane Lucas, ihr Mann Max Stenner und ihr früherer Student Martin warten auf ein befreundetes Ehepaar, das sich noch auf dem Rückflug von Paris befindet. Sie unterhalten sich über Einstein, ein astrophysikalisches Teleskop und über Whiskey. Plötzlich sind alle Bildschirme schwarz, ihre Freunde berichten von einem dramatischen Flug. Die fünf versuchen das Geschehen zu begreifen...
Don DeLillo zeichnet in seinem kleinen Buch ein Bild unserer Gesellschaft und schildert was geschehen kann, wenn ein digitaler Zusammenbruch plötzlich das Gewohnte auf den Kopf stellt.
Er skizziert seine Protagonisten in kurzen, scharfen Bildern, man lernt sie gerade so kennen. Sie sind anstrengend, reden ständig aneinander vorbei und sind somit eigentlich als größerer Schrecken wahrzunehmen als der eigentliche digitale Zusammenbruch. Dieses präzise Hinsehen hat mir gut gefallen, aber trotzdem sprang der Funke bei mir nicht richtig über.
Ich finde, das Thema ist zu gehaltvoll, um auf wenigen Seiten abgehandelt zu werden. Ich wäre gerne noch tiefer in die Handlung eingestiegen, das ist in dieser Kürze aber leider nicht möglich gewesen. Die Charaktere blieben ungewohnt steril, ich konnte nur schwer Zugang zu ihnen finden. Das Sprichwort "In der Kürze liegt die Würze" trifft hier für mich leider nicht zu. Für mich wäre etwas mehr besser gewesen, denn die Auswirkungen der Abhängigkeit von Digitalisierung auf unser Zusammenleben finde ich sehr interessant. Ich konnte einige Aspekte zum Nachdenken aus der Lektüre mitnehmen, aber trotzdem konnte mich diese Novelle nicht ganz überzeugen.
Allerdings könnte ich mir gut vorstellen, dass der Text sehr gut als Hörspiel oder Kammerspiel funktionieren könnte.
Fazit: "Die Stille" war mir zu still.
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