"Ein hochkomischer und tiefgründiger, wilder und wichtiger Roman." Dagens Nyheter
Ein verlassener Mann, der für das gebrochene Herz seiner Frau sein eigenes Herz opfern soll. Eine eigensinnige Nonne, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, alle verratenen Frauen zu rächen. Und eine Schriftstellerin mit Schreibblockade auf der Suche nach Sinn - und einer guten Geschichte. In "Das neue Herz", in Schweden als "Post-metoo-Roman" gefeiert, nimmt Lina Wolff das Patriarchat und den Feminismus gleichermaßen aufs Korn und stellt unsere Vorstellungen von Liebe und Macht, Schuld und Vergebung auf den Kopf.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Manfred Fürst
aus Kirchbichl
5/5
30.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lina Wolffs struppiger Roman erzählt eine beinharte Geschichte
Nonne Lucia, gottgesandte Erlöserin oder des Teufels Killerin.
Eine Schwedin in Madrid. Sie beobachtet eine Frau, die ihren schwerkranken Mann im Rollstuhl liebevoll pflegt. „Die Frau und der Mann sind etwas Seltenes, zwei Menschen, die untrennbar miteinander verbunden sind, durch großes Leid und durch großes Glück.“ Dabei denkt sie an ihre Freundinnen zu Hause, von denen eine „…der Meinung ist, eine Frau, die auf ihre Figur achte, unterwerfe sich dem männlichen Blick, weshalb sie einer so ungehemmten wie stetigen Expansion ihrer Körpermitte freie Bahn lässt.“ Im eigenen Leben der 45-jährigen Bennedith (den Namen erfährt der Leser erst sehr spät?) sieht es auch nicht viel besser aus, im Gegenteil: „Ein Eldorado der Misserfolge, ein Labyrinth aus gescheiterten Beziehungen, und egal welche Richtung sie einschlägt, sie findet keinen Ausweg.“ Sie spricht die Frau an, denn sie sucht „eine Beschäftigung, die ihrem Leben einen Sinn gibt“, und erhält den Job, für den sie aber kein Geld annehmen will.
Der Mittfünfziger Mercuro (gleichnamiger Titel des ersten Kapitels) Cano auf der Suche nach einem Unterschlupf, spricht Bennedith an, ihm einen zu gewähren mit der Aussicht, eine interessante Geschichte zu erzählen, von einer „Paartherapie und der Frau, die mein Leben ruiniert hat. Nennen wir sie die Feministin.“ Schwester Lucia, die Nonne.
Packend die folgende Geschichte: Innerhalb von 24 Stunden in einer fremden Stadt überschlagen sich die Ereignisse, hat Bennedith bereits einen – zwar etwas mitgenommenen, aber immerhin – Mitbewohner und eine Care-Arbeit ohne Gehalt. Mercuros Frau ist herzkrank, sie braucht ein Spenderorgan, um zu überleben. Mercuro wandte sich in seiner Verzweiflung an die Verantwortlichen der Reality Show „Fleisch und Sühne“, die Leuten in ausweglosen Lebenssituationen hilft, aber nur eine im Darknet zu streamende Veranstaltung ist, weil sie teilweise mit illegalen Methoden arbeitet und die Menschen, die ins Studio kommen, bloßstellt bis auf die Knochen. Die über 90-jährige Nonne, Schwester Lucia (die „Feministin“), fungiert als Supervisor, die über die Fälle urteilt, Miss Pink und Mister Blue moderieren die Sendung, deren wesentlicher Bestandteil „die Erniedrigung“ ist. „Am besten schlagen sich Kandidaten, die diese Erniedrigung an sich abperlen lassen wie Wasser an Gänsefedern.“ In Mercuros Fall wurden sein Machotum und seine zahlreichen Affären schonungslos aufgedeckt. Und obwohl er versucht, ein Herz für seine Frau zu organisieren, und seine Ehe retten will, hasst das Publikum ihn laut Umfragen des Senders seit seinem ersten Auftritt. Nun befindet er sich auf der Flucht vor den Sendungsmachern, weil nach deren Plänen er selbst der Spender sein soll.
Die obskure Schlusspointe seines atemlosen Monologs: „Bitte lass mich noch hierbleiben. Ich mache alles, was du willst. Nur Sex kann ich dir nicht versprechen, denn ich befürchte, der ganze Stress hat mir die Potenz geraubt. Ich will nur nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst.“ Macho Macho, dazu noch ein spanischer.
Kaum zu glauben, dass beide später ein Liebespaar werden, dass Bennedith einen Mann in Notwehr erschlägt und im Frauengefängnis Alcalá Meco II landet.
Mitte des Romans schlägt Lina Wolff das zweite Kapitel auf: Lucia. In Briefen an Bennedith breitet sie ihre gesamte Biografie in einer Art Lebensbeichte aus. Als sie ein „Erweckungserlebnis“, ‚dass sie jemanden durch die Apokalypse führen solle,‘ für Gottes Anweisung hält, leitet sie für sich die uneingeschränkte Gewissheit ab, in Eigenregie über das Schicksal anderer zu entscheiden.
Lina Wolffs „Das neue Herz“, viel besser die Übersetzung des schwedischen Titels „Köttets tid“ – „Die Zeit des Fleisches“ ist eine enigmatische, bitterböse, tödliche und zugleich witzige Satire auf dystopische reality shows der Zukunft. Wenn das Publikum „Daumen runter“ votet und damit den Tod des Delinquenten fordert.
Sollte Lina Wolffs „Das neue Herz“ verfilmt werden, gibt es für Schwester Lucia nur die eine Besetzung: Linda Hunt, die Henrietta "Hetty" Lange aus CSI LA.
Lina Wolff, geboren 1973, hat lange in Italien und Spanien gelebt. Für ihren Debütroman Bret Easton Ellis und die anderen Hunde wurde sie mit dem renommierten Literaturpreis der Zeitschrift Vi ausgezeichnet. Für ihren zweiten Roman Die polyglotten Liebhaber, der in 18 Sprachen übersetzt wird, erhielt sie den Augustpris, den wichtigsten schwedischen Literaturpreis. Lina Wolff lebt in Schonen in Südschweden.
nil_liest
aus RheinMain Gebiet
4/5
27.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abgefahrene Lektüre
Die Skandinavier:innen sind ja bekannt dafür gerne mal Neues auszuprobieren und landen oft einen Nerv. Lina Wolff macht genau das aus meiner Sicht, denn dieser ganze Roman ist wie ein Ritt. Als ob wir reiten lernen und bis zum Galopp alles an einem Tag durchziehen – es wird immer schneller. Nach der Lektüre klappen wir das Buch zu und sind geplättet!
Wir begeben uns mit einer blockierten Schriftstellerin nach Madrid, die Reißaus nimmt um wieder schreiben zu können. Sie nimmt einen Job an in dem sie einen Dementen pflegt. Auch trifft sie auf einen Mann, der ihr eine Geschichte liefern will, wenn sie ihn aufnimmt für ein paar Tage. Und hier nimmt die Geschichte Anlauf auf den Abgrund. Denn die Story, die er zu erzählen hat, ist inklusiver alter Nonne schon grenzwertig und es geht danach noch turbulenter weiter.
Abstrus geht es rund. Klar, Lina Wolff schöpft ihre Möglichkeiten aus und gibt den Frauen alle Macht in die Hand und spinnt ihre Fäden. Hier darf man aus meiner Sicht nicht vergessen, dass es ein Roman ist: Fiktion die überzeichnet. Fiktion, die auslebt was das Leben vielleicht nicht zu bieten hat. Fiktion, die andere Welten aufmacht.
Daher ist auch der Titel „Das neue Herz“ hier gut getroffen á la neue Runde neues Glück. Es gibt aufeinander folgende Veränderungen, die wie Spiralen immer enger werden. Aus meiner Sicht gutgeschrieben und abgefahren spannend. Aber in der Tat kein leichter Stoff und nicht was für die breite Mitte. Fände ich auch schade, wenn es nur noch weichgespülte Literatur gäbe.
Wer immer noch nicht weiß ob es was sein könnte: Es sind knappe 270 Seiten, die lesen sich schnell weg, kein dicker Schinken. Also, auf in ein Abenteuer der besonderen Art!
nil_liest
aus Frankfurt
4/5
27.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abgefahrene Lektüre Die…
Abgefahrene Lektüre Die Skandinavier:innen sind ja bekannt dafür gerne mal Neues auszuprobieren und landen oft einen Nerv. Lina Wolff macht genau das aus meiner Sicht, denn dieser ganze Roman ist wie ein Ritt. Als ob wir reiten lernen und bis zum Galopp alles an einem Tag durchziehen – es wird immer schneller. Nach der Lektüre klappen wir das Buch zu und sind geplättet! Wir begeben uns mit einer blockierten Schriftstellerin nach Madrid, die Reißaus nimmt um wieder schreiben zu können. Sie nimmt einen Job an in dem sie einen Dementen pflegt. Auch trifft sie auf einen Mann, der ihr eine Geschichte liefern will, wenn sie ihn aufnimmt für ein paar Tage. Und hier nimmt die Geschichte Anlauf auf den Abgrund. Denn die Story, die er zu erzählen hat, ist inklusiver alter Nonne schon grenzwertig und es geht danach noch turbulenter weiter. Abstrus geht es rund. Klar, Lina Wolff schöpft ihre Möglichkeiten aus und gibt den Frauen alle Macht in die Hand und spinnt ihre Fäden. Hier darf man aus meiner Sicht nicht vergessen, dass es ein Roman ist: Fiktion die überzeichnet. Fiktion, die auslebt was das Leben vielleicht nicht zu bieten hat. Fiktion, die andere Welten aufmacht. Daher ist auch der Titel „Das neue Herz“ hier gut getroffen á la neue Runde neues Glück. Es gibt aufeinander folgende Veränderungen, die wie Spiralen immer enger werden. Aus meiner Sicht gutgeschrieben und abgefahren spannend. Aber in der Tat kein leichter Stoff und nicht was für die breite Mitte. Fände ich auch schade, wenn es nur noch weichgespülte Literatur gäbe. Wer immer noch nicht weiß ob es was sein könnte: Es sind knappe 270 Seiten, die lesen sich schnell weg, kein dicker Schinken. Also, auf in ein Abenteuer der besonderen Art!
J. Kaiser
4/5
27.08.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geht unter die Haut
Klapptext: Ein verlassener Mann, der für das gebrochene Herz seiner Frau sein eigenes Herz opfern soll. Eine eigensinnige Nonne, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, alle verratenen Frauen zu rächen
Fazit: Die Schriftstellerin nimmt das Patriarchat und den Feminismus in diesem Buch gewaltig aufs Korn. Die vorhandenen Vorstellungen von Macht, Liebe, Schuld und Vergebung werden gewaltig auf den Kopf gestellt. Der Roman ist eigensinnig, atemberaubend, intelligent und zärtlich. Sie stellt hier verschiedene Teile des Lebens in Frage. Das Lesen dieser Gesichte ist von Beginn weg spannend und man wird in ihren Bann gezogen. Vieles was man liest geht unter die Haut und deshalb finde ich, dass es sich lohnt das Buch zu Lesen.
Kaffeeelse
3/5
21.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eigenwillig
"Das neue Herz" ist eine teilweise interessante Geschichte, andererseits aber auch thematisch etwas zu vollgepackt und darin leider auch etwas unglaubwürdig. Dieses Übertriebene ist sicher von der Autorin so gewollt, dieses überspitzt Geschriebene symbolisiert ja eine gewisse Kritik. Mir war dies nur etwas zu viel des Guten. Dennoch ist das Buch sehr spannend geschrieben, beinhaltet interessante Standpunkte und Blickwinkel, hat spannendes Personal mit interessanten Geschichten. Besonders die Geschichte der Nonne möchte ich hier hervorheben, mir hat dieser Charakter und die Zeichnung dieser Frau mit am besten gefallen. Fast ein eigenes Buch wäre mir diese Frau und ihre Geschichte wert gewesen. Denn trotz der Sinnhaftigkeit der Geschichte und der Information, die dahinter liegt, hat mir persönlich "Das neue Herz" nicht so gut gefallen. Ich bin nicht die richtige Leserin für dieses Buch. Vielleicht liegt es an der Satire, vielleicht ist dies nicht mein Humor. Wer weiß. Schade!
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