Erfurt, 1348: In der aufstrebenden Handelsstadt leben Christen und Juden friedlich nebeneinander. Doch machtpolitische Ränke drohen dieses Zusammenleben zu zerstören: Aus Missgunst und Geldgier soll die jüdische Gemeinde der Stadt ausgelöscht werden. In aller Heimlichkeit rüsten sich die Patrizier und die Gilden der Handwerker zum Mord an ihren Stadtgenossen.
Für den jungen Außenseiter Merten, dessen Vater zu den Anführern der Verschwörer zählt, beginnt eine Zerreißprobe zwischen zwei Welten, denn auch das jüdische Geschwisterpaar Jakob und Naomi schweben in tödlicher Gefahr. Doch Mertens Macht, seinen besten Freund und das Mädchen, das er liebt, zu retten, ist begrenzt ...
Der Roman erzählt die Geschichte des Pogroms an der jüdischen Bevölkerung der Stadt Erfurt in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es ist als eines der furchtbarsten Pogrome gegen Juden im Mittelalter in die Geschichte eingegangen und löschte die jüdische Gemeinde vollständig aus.
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Ein äußerst lesenswerter und gut recherchierter Roman
N. Krüger am 14.12.2024
Bewertungsnummer: 2364000
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Am 21. März 1349 wurde die jüdische Gemeinde von Erfurt innerhalb eines Tages ausgelöscht, 900 Menschen wurden vom Mob ermordet. Die Pest wütete in jener Zeit in Europa und den Juden wurde daran die Schuld gegeben: Sie hätten Brunnen vergiftet und so die fürchterliche Seuche ausgelöst, dies der vollkommen absurde Vorwurf, der jedoch durch ständiges Wiederholen bei immer mehr Christen Glauben gefunden hat. Fake News im Mittelalter mit für die jüdische Minderheit tödlichen Konsequenzen.
Anne Bezzels Roman „Wenn ich Dich je vergesse …“ beschreibt die Ereignisse aus Sicht dreier junger Erwachsenen: Jakob und Naomi, Sohn und Tochter des jüdischen Schlachters in Erfurt, und dem gehbehinderten Merten, Sohn eines der christlichen Schlachter. Die drei Freunde müssen erleben, wie die Angst vor der Pest und bösartig gestreute Gerüchte eine fatale Dynamik entfalten. Merten wird sogar Zeuge, wie in seiner eigenen Familie Menschen zu Mörder werden. Und der Rat, der eigentlich Gesetz und Ordnung in der Stadt sichern sollte, schaut den Verbrechen tatenlos zu. Merten, der ein großes Talent für das Zeichnen und Malen hat, kann seine Freunde nicht beschützen, aber am Ende findet er einen Weg, im Rahmen seiner Möglichkeiten der Gerechtigkeit ein kleines Stück weit Geltung zu verschaffen.
Anne Bezzels Roman ist unbedingt lesenswert. Die Autorin gelingt es, das mittelalterliche Leben in Erfurt und die tragische Entwicklung der Ereignisse plastisch darzustellen. Dabei beruht der Plot auf sorgfältigen Recherchen unter anderem in den Erfurter Stadtarchiven, in dessen dort aufbewahrten Dokumenten der Gerichtsprozess gegen die Mörder nach den Pogromen dokumentiert wurde. Viele der Romanfiguren sind daher Erfurter Bürger, die wirklich gelebt haben. Die Hauptschuldigen an den Morden wurden jedoch – wie so oft – am Ende nicht verurteilt.
In ihrem Nachwort gibt Anne Bezzel der Frage der Realität bzw. Fiktionalität der Figuren und Handlung ausreichend Raum. Karten von Erfurt und seiner Umgebung unterstützen den Lesefluss, schnell wird der Leser in die Geschichte hineingesogen. Dabei erfährt man interessante Details, sowohl zu städtebaulichen Aspekten des mittelalterlichen Erfurts als auch zu speziellen Themen wie der mühevollen Farbherstellung aus pflanzlichen und tierischen Stoffen und der Buchmalerei im Allgemeinen.
Eine besondere Stärke von Anna Bezzels Roman ist das Eintauchen in die religiösen Aspekte des Judentums und Christentum. So wird eine jüdische Hochzeit als Motiv des Lebens liebevoll dargestellt. Die vielen und ausführlichen religiösen Zitate – Segenssprüche wie auch Bibeltexte – und eine detaillierte Beschreibung von insbesondere jüdischen Bräuchen lassen die Wärme und Tiefe, die mit einem religiösen Leben einhergehen können, fühlbar werden. Auf christlicher Seite sind es insbesondere Zitate des Mystikers Meister Eckhart, der lange Zeit in Erfurt gewirkt hat und gut zwanzig Jahre vor den Ereignissen während eines Inquisitionsprozesses gestorben ist, die einer humanistischen Stimme Geltung verschaffen. Gegenüber der zerstörerischen Kraft des Mobs, der auf Basis des etablierten christlichen Antijudaismus durch einige Rädelsführer aufgestachelt wurde, konnten sich Eckharts Gedanken jedoch nicht durchsetzen.
Anne Bezzel hat mit „Wenn ich Dich je vergesse …“ einen ganz besonderen Roman verfasst, der sich dem Thema des Judenhasses im Allgemeinen und den Pestpogromen in Erfurt im Besonderen mit der gebotenen geschichtlichen Ernsthaftigkeit und Genauigkeit nähert. Mit ihren lebendigen Figuren und einem glaubwürdigen Plot, der der Dynamik der Ereignisse gerecht wird, hat Anne Bezzel zudem ein mitreißendes Leseerlebnis geschaffen.
Aus Freunden werde Feinde
Monika S. aus Leutesdorf am 15.04.2022
Bewertungsnummer: 1695877
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Erfurt 1348, die Menschen leben friedlich ungeachtet der Religion zusammen, sie treiben Handel und verbringen ihre Freizeit gemeinsam.
Doch dann ändert sich etwas im Denken der Erfurter, mitten in diesen Warren sind die jüdischen Geschwister Jakob und Naomi sowie deren Freund aus Kindheitstagen der Christ Merten, welcher auf Grund seiner Gehbehinderung von der Gesellschaft eher gemieden wird. Wird es den drei Freunden gelingen , an ihrer Freundschaft festzuhalten und den Pogrom zu überleben?
Vorab möchte ich sagen, dass ich historische Roman sehr gerne lese und es liebe in vergangene Zeiten einzutauchen. So hat mich auch dieser Roman angesprochen und ich wollte wissen, was es mit den drei Freunden und dem Pogrom auf sich hat.
Zu Beginn des Buches hatte ich leichte Schwierigkeiten in die Geschichte hineinzufinden, da einige Zeitsprünge dabei waren, die sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschlossen. Doch dann war ich plötzlich mitten in Erfurt, in einer Stadt, wo Menschen einander achten, ihren Glauben ausüben und in Freundschaft zueinanderstehen. Ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, auch wenn der Schreibstil der Autorin sehr ansprechend und in meinen Augen gehoben ist. Man kann dem Geschehen gut folgen, jedoch merkt man schnell, dass mehr dahinter steckt und die Autorin sehr gut recherchiert hat.
Von einem Tag auf den anderen ist plötzlich alles anders, die Juden werden zu Feinden und jahrelange Handelsabkommen sind nichtig, Nachbarn schauen sich nicht mehr an und die Stimmung kocht.
Als sehr ansprechend empfand ich, dass die Autorin die Religionsausübung der Juden sehr stark in den Fokus genommen hat, so sind für mich viele Momente dabei gewesen, die ich neu lernte und über die ich mir zuvor nie Gedanken gemacht habe. Erstaunlicherweise empfand ich beim Lesen gerade diese Momente als sehr ruhig und harmonisch.
Die Handlung selber ist sehr rasant, mal liebevoll und dann wieder brutal. In diesem Roman habe ich wirklich alle Emotionen durchlebt, die es gibt. Vielleicht ist es auch gerade dieser Zustand, dass mich das Buch auch nach dem ich es gelesen habe, lange nicht losgelassen hat.
Das Nachwort der Autorin sollte man auf jeden Fall lesen, denn es beinhaltet Erklärungen zu Momenten und erwähnt auch, welche Personen in dem Roman reine Fiktion sind, ich war erstaunt, dass es so wenige waren....
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