Eine bahnbrechende Bestandsaufnahme der Condition Féminine
»Haben Sie Kinder?«, wird der Vater gefragt. »Nein, ich habe zwei Mädchen«, antwortet er. - Diese Szene ist eine der ersten Erinnerungen einer Frau, die um 1960 in gutbürgerlichen Verhältnissen in Rouen aufwächst. Was folgt, ist ein Leben, wie es exemplarisch scheint für ihre Generation: Laurence befreit sich aus der Enge des Elternhauses, erlebt sexuelle Freiheit, aber auch Gewalt, sie verliert einen Sohn bei der Geburt und bringt eine Tochter zur Welt. Und mit dieser Tochter, die sich allen Rollenzuschreibungen entzieht, öffnet sich etwas - auch für Laurence und ihr Leben als Frau. Aus dem Besonderen eines Frauenschicksals leitet dieser klug konstruierte Roman ab, was im Allgemeinen folgt, nachdem es heißt: »Es ist ein Mädchen.«
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Unbedingt lesen!
Bewertung am 18.05.2022
Bewertungsnummer: 1714085
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Diese Geschichte erzählt auf wunderbare Weise das Leben von Laurence, die schon früh merkt, was für „Probleme“ es mit sich bringt ein Mädchen zu sein.
Mit der Enttäuschung ihres Vaters, der lieber einen Sohn gehabt hätte, und dem Rollenbild, das ihr bereits im Kindesalter von ihrer Familie eingetrichtert wird, begleiten wir Laurence bei ihrer Entwicklung zu einer Frau, die sich nach Freiheit sehnt und gegen ihre Fesseln kämpft. Wir erleben, wie ihr sexueller Missbrauch widerfährt und sie erschütternde Schicksalsschläge verarbeiten muss. Wie sie verzweifelt um die Liebe ihres Vaters kämpft und trotzdem versucht zu sich selbst zu finden.
Dieses Buch ist sehr tiefgründig und wahnsinnig wichtig. Es erschüttert den Leser an vielen Stellen, bringt ihn aber auch manchmal zum Schmunzeln, weil zahlreiche Äußerungen des Vaters so absurd erscheinen.
Der Erzählstil ist leicht zu lesen und trotzdem poetisch. Es gibt viele Passagen, die es sich lohnt zu markieren, um dann nochmal in Ruhe darüber nachzudenken.
Für mich eine absolute Leseempfehlung und das nicht nur für Fans von feministischer Literatur. Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit!
Ein Mädchen - Fluch oder Segen?
Boockpicker (Mitglied der Book Circle Community) am 26.08.2024
Bewertungsnummer: 2357758
Bewertet: Hörbuch-Download
Am Anfang steht die Feststellung der Hebamme: Es ist ein Mädchen. Und dann die riesige Enttäuschung des Vaters: kein Kind, nur ein Mädchen. Erbarmungslos schildert Laurens aus der Sicht der Erinnerungen des Kindes und später der Frau, wie sich diese Minderwertigkeit festsetzt, welches Leid und welche Verunsicherung die minderwertige Behandlung der Mädchen und Frauen zuerst im jungen Leben des Kindes, dann des Mädchens in der Schule, der Jugendlichen bewirkt. Übergriffe werden totgeschwiegen, schmutzige Wäsche wird, wenn überhaupt, nur in der Familie hinter vorgehaltener Hand gewaschen. Mit feinem Humor und grosser Sprachkunst werden das Unverständnis und die skurrilen Folgerungen geschildert, die sich das Kind aus den hilflosen Versuchen der Erwachsenen, Sexualität verschleiernd zu erklären, zusammenreimt. Das Kind, das Mädchen, die junge Frau bleibt in ihrer Scham allein mit allen Zweifeln und Fragen; die Suche nach dem, was Liebe ist und sein könnte endet in Einsamkeit und Verlassenheit.
Wie sich diese Erfahrungen der Kindheit im Leben der Frau auswirken, wie sie kämpft, leidet, auch bei ihrem Mann auf die gleichen Muster, Verharmlosungen und Abwertungen stösst, ist bedrückend. Dass ihr erstes Kind, ein Junge, bei der Geburt stirbt, reisst sie erneut in tiefe Fassungslosigkeit. Ob Alice, ihr zweites Kind, diesen Verlust ersetzen kann, ob sie nicht viel mehr dieses Kind in eine Rolle drängt, damit alte Muster wiederholt, einen Fluch auf dieses Mädchen legt? Erfrischend dann, wie die Mutter in manchen Konflikten mit ihrer Tochter durch deren Unverkrampftheit und Rollenoffenheit zu neuem Leben und zu grösserer Freiheit findet.
Durch das autofiktionale Schreiben nimmt Camille Laurens die Leserin und den Leser mitten in eine bedrückende Realität, eine misogyne Gesellschaft hinein, die man eigentlich nicht wahrhaben will und in welcher Mann und Frau nicht leben möchten.
Es ist ein unwahrscheinlich starkes Buch, nicht alles ist leicht zu verdauen und macht betroffen und nachdenklich. Bis zum Schluss bleibt die Spannung, wie diese Lebensreise wohl ausgehen wird, Versöhnung mit der eigenen Geschichte, den Verletzungen und Zumutungen möglich wird, ob sich Mutter und Tochter verstehen können, ja, ob die grosse Frage, die sich die Frau immer wieder stellt: was Liebe ist – durch das gelebte Leben beantwortet werden kann.
Meinung aus der Buchhandlung
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Was bedeutet(e) es "nur" ein Mädchen zu sein?
Laurence wird 1960 in einen gutbürgerlichen Kontext in Rouen geboren. Als noch eine Tochter... Die Enttäuschung des Vaters begleitet sie, sie orientiert sich an den weiblichen Familienmitgliedern, hinterfrägt, rebelliert, zieht eigene Schlüsse, geht ihren Weg und bleibt doch brave Tochter und angepasste Frau. Bis ihre eigene Tochter sich auf den Weg macht.
Mit ehrlicher, manchmal naiver Erzählweise nehmen wir teil an Laurences Leben, am gesellschaftlichen Bild der Frau in diesen Zeiten. An ihrem Aufbegehren, an den gesellschaftlichen Schubladen und Erwartungen (oder eben nicht Erwartungen), der Rollenzuschreibung, an der Solidarität unter Frauen. Inwieweit ist das heute noch so?
Ein kluger, sanfter Roman, mit erschütternder Klarheit, literarisch schön übersetzt aus dem Französischen und dessen "voilà la vie".
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Es ist mir Anfangs ehrlich gesagt ziemlich schwer gefallen, in das Buch reinzukommen, aber langsam und bedächtig habe ich mich an den Schreibstil gewöhnt und mich der Geschichte öffnen können. Am Ende hat es mir dann tatsächlich gefallen!
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