Die Brüder Karl und Paul Effinger brechen aus Süddeutschland nach Berlin auf, um Schrauben zu produzieren. Dort heiraten sie in die alteingesessene Familie Oppner ein, es gelingt der gesellschaftlicher Aufstieg. Doch spätestens nach dem Ersten Weltkrieg beginnen die bürgerlichen Gewissheiten zu bröckeln. Auch die prachtvollen Feste können nicht mehr über den sich immer brutaler äußernden Antisemitismus in der Gesellschaft hinwegtäuschen. Die Auflehnung der jungen Generation wirbelt die gutbürgerliche Familie zusätzlich durcheinander. »Effingers« ist eine Familienchronik über vier Generationen, die die Epochenbrüche und das besondere Schicksal einer jüdischen Familie beobachtet, deren Mitglieder glühende Patrioten und Preußen waren. Gabriele Tergit setzt dem Leben der Berliner Juden ein Denkmal. Der kürzlich wiederentdeckte Roman, von Kritik und Leser:innenschaft gleichermaßen gefeiert, wurde jetzt erstmals in voller Länge vertont.
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Literatur-Skandal Das Opus…
Bories vom Berg aus München am 08.05.2022
Bewertungsnummer: 2769429
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Literatur-Skandal Das Opus magnum «Effingers», der zweite Roman von Gabriele Tergit, wurde seit der Erstausgabe 1951 mehrfach neu aufgelegt, zuletzt 2019. Der Publikums-Erfolg jedoch blieb trotz euphorischer Besprechungen im Feuilleton weitgehend aus. Hatte Thea Dorn Recht, als sie erklärte: «Dass dieses Buch nicht längst fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal». 50 Jahre davor erschien mit «Die Buddenbrooks» der erste «Gesellschaftsroman in deutscher Sprache von Weltgeltung». Ohne Zweifel ist «Effingers» in diesem Genre inzwischen ebenfalls ein Klassiker, nach Heinz Schlaffers Definition also «gleichermaßen vergangen, erinnert und gegenwärtig», diese Neuauflage beweist es! Über vier Generationen hinweg, von 1878 bis 1948, wird in diesem opulenten Roman eine breit aufgefächerte Familien-Chronik aus der großbürgerlichen, jüdischen Berliner Gesellschaft erzählt. Als Klammer um das Geschehen dient anfangs und zum Schluss je ein Brief eines der markantesten Protagonisten, des Sohnes Paul aus der Uhrmacher-Familie Effinger im Städtchen Kragsheim. Anfangs ist er als 17Jähriger noch ein Lehrling voller Tatendrang, am Ende wartet er als 81jähriger, einst erfolgreicher Industrieller auf seine Deportation ins Vernichtungslager. Er habe «an das Gute im Menschen geglaubt», schreibt er resigniert, «Das war der tiefste Irrtum meines verfehlten Lebens». Der im Buch abgedruckte Stammbaum führt als zweiten Zweig den Bankier Markus Goldschmidt aus Berlin als Stammvater der Familie auf. Anders als bei Thomas Mann geht hier aber eine ganze Welt unter als Folge des politischen Wahnsinns eines verbrecherischen Diktators, nicht nur eine zunehmend degenerierte Kaufmanns-Familie. Über weite Strecken liest sich dieser Roman als detaillierte deutsche Gesellschafts-Studie über mehrere politische Epochen hinweg, deren markanteste die wilhelminische Ära mit Erstem Weltkrieg, Weimarer Republik und Inflationszeit, Machtübernahme der Nazis und Zweiter Weltkrieg sind. Diese politischen und gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln sich im Leben der Effingers wieder, wobei die ökonomische Bandbreite vom einfachen Uhrmacher oder Krämerladenbesitzer bis zum Bankier und Großindustriellen reicht. Die Religion betreffend geht die Spanne vom strenggläubigen bis zum nicht praktizierenden Juden, wobei allerdings anzumerken ist, dass die Religion, ganz anders als vielfach behauptet, nur eine völlig nebensächliche Rolle spielt in dieser Familiensaga. Nur an wenigen Stellen, zunehmend natürlich gegen Ende, hat sie überhaupt mal Einfluss auf das Geschehen. Stattdessen sind es die üblichen Fährnisse des Lebens, die im Blickpunkt stehen, allem voran die Ehe als sinnstiftend für die Frauen früherer Zeiten. Überhaupt erstarkt die weibliche Emanzipation im chronologischen Ablauf von geradezu unglaublicher Spießigkeit, mit Anstandsdame beim Spaziergang des künftigen Paares, bis hin zur selbstbewussten Entscheidung, was den Ehepartner und vor allem Studium oder Berufswahl anbetrifft. Nicht verheiratet zu sein oder Liebhaber zu haben ist dann irgendwann kein Makel mehr für die selbstbewusst gewordene Frau. Man merkt sprachlich den journalistischen Hintergrund der Autorin, der dialogreiche Roman wird präzise und ohne Ausschmückungen in kurzen Kapiteln, aber mit scharfem Blick für Details erzählt. Neben dem abgedruckten Stammbaum sei ergänzend das äußerst hilfreiche ‹Literaturlexikon› empfohlen, auf dessen diesem Werk gewidmeter Internet-Seite nicht weniger als 131 Roman-Figuren detailliert beschrieben werden. Als lebensnahe Informations-Quelle über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse ist «Effingers» durchaus mit entsprechenden Werken Fontanes vergleichbar, und erfreulicher Weise auch ähnlich genüsslich und den Horizont erweiternd zu lesen. Dazu tragen besonders die klugen philosophischen und kulturellen Erörterungen bei, die viele Lebensbereiche und Geisteshaltungen abdecken. Thea Dorn hat völlig Recht, ein Skandal!
Ein beeindruckender Epochenroman
Bewertung am 25.01.2021
Bewertungsnummer: 495583
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit erzählt in ihrem erstmals 1951 erschienenen Roman "Effingers" die Geschichte einer jüdischen Familie über vier Generationen hinweg. Es ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ein Gesellschaftsroman, der zugleich deutsche Geschichte von 1878 bis 1948 vermittelt, ohne belehrend zu sein. Sehr beeindruckend beschreibt die Autorin, wie sich das Leben der Familie Effinger durch die politischen und sozialen Umbrüche nach und nach drastisch verändert. Ein sehr lesenswerter Roman, für den man sich aufgrund seiner Komplexität Zeit nehmen sollte.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ein zentrales Werk der 1920er Jahre, von Thea Dorn "das jüdische Buddenbrooks" genannt. Und eine Möglichkeit, deutsche Geschichte mittels persönlicher Schicksale hautnah nachzuerleben. Z. B: die Behäbigkeit der Kaiserzait, den strudel und Umbruch der 20er und den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Ein so beeindruckend genaues und authentisches Buch, dass viele jüdische Familien dachten, Tergit habe jeweils ihre Geschichte erzählt.
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