„Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich klingelte und er würde aufmachen. Mein eigener Großvater würde aufmachen, mitten in Berlin, 75 Jahre bevor ich hier stehe und klingle. Ich stelle mir vor, ich könnte ihm erzählen, was passieren wird. Und ihn dann davor bewahren.“
Deutschland 1933. Der junge Dirigent Walter hat in Rostock gerade sein erstes Engagement bekommen. Seine große Liebe, die Sopranistin Luise, will er so bald es geht zu sich holen. Hedwig, Walters Schwester, arbeitet unterdessen als Lehrerin in der Pfalz und denkt gar nicht daran, sich ernsthaft zu binden. Stattdessen pflegt sie die unterschiedlichsten Freundschaften – so auch zu dem Soldaten Armin, der ihrer Familie bald ein Dorn im Auge ist. Vier Leben, die sich kreuzen – und die sich auf folgenschwere Weise ineinander verflechten.
Etwa achtzig Jahre später beginnt eine junge Frau plötzlich, von ihrem Großvater zu träumen – einem Mann, den sie nie kennengelernt hat und der in den Erzählungen ihrer Familie nicht vorkommt. Sie beginnt, Fragen zu stellen. Wie konnte ein Mensch derart sorgfältig aus dem Familiengedächtnis getilgt werden? Und vor allem: Warum? Von einer immer stärker werdenden inneren Verbundenheit zu ihrem Großvater geleitet, begibt sie sich auf Spurensuche.
Ungewöhnlich, poetisch und berührend erzählt Julia Gilfert die Geschichte ihres Großvaters Walter. Eine Geschichte, die auch ihre eigene ist.
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Das Großvater-Paradoxon
Bewertung aus Quickborn am 05.06.2026
Bewertungsnummer: 3159131
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein kurzer Text auf der Verlagsseite hat mich zu diesem Buch hingezogen und nicht mehr losgelassen, „Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich klingelte und er würde aufmachen. Mein eigener Großvater würde aufmachen, mitten in Berlin, 75 Jahre bevor ich hier stehe und klingle.“ – denn auch ich hätte diese Worte denken können.
Julia Gilfert hat den Gedanken an ihren Großvater, der während des zweiten Weltkriegs verstarb, seit ihrer Kindheit im Kopf, verbunden mit einer großen Sehnsucht, nach ihm und seiner Geschichte. Es ist der berühmte „Blinde Fleck“, der in vielen Familien Jahrzehnte überlebt. Als sie beginnt zu erfassen, dass ihr Großvater nicht nur an einer Krankheit, in einer Klinik verstorben ist, sondern dass sich hinter dieser Erzählung eine große, für sie alles verändernde Geschichte verbirgt, beginnt sie zu recherchieren. Sie kann im eigenen Elternhaus, in der Familie anfangen, hat das große Glück, Bilder, Briefe, Notizen und später auch Urkunden und Dokumente in Archiven zu finden. Ich kenne diese Anspannung der Recherchen nach Spuren verstorbener Verwandter nur zu gut, ich kann nachfühlen, wie sehr man selbst beeinflusst wird, das tägliche Leben gerät regelrecht durcheinander, jeder neue Fund eine neue Aufregung, manchmal auch Tränen. Julia Gilfert hat aus all dem, aus den Dokumenten, wie aus ihren eigenen Gedanken und mit sich wahrhaftig anfühlenden Fiktionen, die Leerstellen füllen, eine wunderbare Erzählung, für mich beinahe ein kleiner Roman!, geschrieben. Dieser erste Teil des Buches lässt erahnen, dass ein Künstler mit großem musikalischem Talent nicht nur Musik macht, singt oder komponiert, sondern die Worte und Gedanken auch in eine geradezu poetische Sprache fließen lassen kann. Julia Gilfert ist das gelungen, ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, so sehr berührte mich die Erzählung über ihren Großvater Walter Frick.
Walter Frick, vor dem ersten Weltkrieg geboren, wächst in einem bürgerlichen Hause auf, studiert in München Musik und wird später in Rostock als Dirigent engagiert. Da ist das Jahr 1933 schon vorüber, Hitlers Macht festigt sich, ist keine vorübergehende Erscheinung mehr. Aber Walter hat seine Luise kennengelernt und scheint von der „neuen Zeit“ zwar nicht begeistert, aber auch noch nicht allzu sehr beeinträchtigt. Zu schaffen macht ihm da eher seine Schwester Hedwig, die einen Freund bei der SA hat, der sich dann auch für die SS bewirbt. Irgendwann wird Hedwig den langjährigen Freund Armin Beilhack dann heiraten. Welches Verhängnis diese Ehe nach sich zieht, erzählt Julia Gilfert sehr detailliert und es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, als ich von der Herzlosigkeit und Unmenschlichkeit des Einzelnen wie des gesamten Hitler-Regimes las. Immer wieder.
Interessant sind am Ende des ersten Teils die Kurzbiografien und auch das erläuternde Nachwort. Da ist er dann wieder, der Blinde Fleck, den Julia Gilfert erfolgreich mit Leben gefüllt hat.
Der zweite Teil ist als „Fragmente“ angelegt, jedem Kapitel wird eine Erklärung hinzugefügt und es werden viele transkribierte Briefe im Wortlaut zitiert, von ihrem Großvater, von der Großmutter, und von Walters Hedwig, die auch eine Art Tagebuch geführt hat. Vieles wiederholt sich, was man im ersten Teil schon gelesen hat. Aus meiner Sicht wäre es interessanter gewesen, nur zusätzliche Zitate zu verwenden, die auf den ersten Teil ergänzend hätten wirken können.
Beendet wird dieses Buch durch ein Nachwort von Sigrid Falkenstein, die ich durch eine Leserunde zu ihrem Buch „Annas Spuren – ein Opfer der NS-„Euthanasie“ kennenlernte. Würde es dieses Nachwort nicht geben, hätte ich einen ähnlichen Text schreiben können, nicht nur die Schicksale der Vorfahren sind ähnlich, auch die eigene Herangehensweise an die Aufklärung und die endgültige Beseitigung des „Blinden Flecks“.
Das Cover und die Typografie sind passend zur Geschichte gewählt, der Titel im Reim auf ein „Himmel voller Geigen“ birgt Schicksal und Tragik der Hauptperson Walter Frick. Sehr dezent und doch das Geschriebene unterstreichend, wurden die Fotos im Layout verwendet. Rundum ein gelungenes Werk.
Fazit: Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Ein junger Dirigent, der im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wird. Zwei Kinder und fünf Enkel, die ihren Vater und Großvater nicht kennen. Eine Enkelin, die den „Blinden Fleck“ mit viel Geduld beseitigt. Großartig! Ich empfehle dieses Buch aus ganzem Herzen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Zeitgeschichte
Bewertung aus Heek am 31.12.2023
Bewertungsnummer: 2098597
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Verlosung auf Loveybooks lesen. Das Buch "Himmel voller Schweigen" ist sehr lesenswert. Die Autorin hat sich sehr intensiv mit der Vergangenheit ihres Großvaters, aber auch anderer Familienmitglieder befasst und dies sehr eindrucksvoll niedergeschrieben. Der Leser findet auch viele Briefe, die sich mit dem Geschehen in der Zeit des NS-Regimes befassen. Ein sehr gut geschriebenes Buch, eindrucksvoll, aber auch sehr berührend. Für Menschen die gerne Lebensgeschichten lesen, ist dies Buch sehr zu empfehlen.
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