Meret ist Krankenschwester. Die Klinik ist ihr Zuhause, ihre Uniform trägt sie mit Stolz, schließlich kennt die Menschen in ihrem Leiden niemand so gut wie sie. Bis eines Tages ein neuartiger Eingriff entwickelt wird, der vor allem Frauen von psychischen Leiden befreien soll. Die Nachwirkungen des Eingriffs können schmerzhaft sein, aber danach fängt die Heilung an. Daran hält Meret fest, auch wenn ihr langsam erste Zweifel kommen. „Ein simpler Eingriff“ ist nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die in einer Welt starrer Hierarchien und entmenschlichter Patientinnen ihren Glauben an die Macht der Medizin verliert. Es ist auch die intensive Heraufbeschwörung einer Liebe mit ganz eigenen Gesetzen. Denn Meret verliebt sich in eine andere Krankenschwester. Und überschreitet damit eine unsichtbare Grenze. Anna-Seghers-Preis 2022
Eine Geschichte von Emanzipation, Liebe und Empathie.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bücherbummler
5/5
14.02.2023
Hörbuch (CD)
Trotz oder gerade wegen ihrer…
Trotz oder gerade wegen ihrer schweren Kindheit im Schatten eines despotischen Vaters ist Meret mit ganzem Herzen Krankenschwester. Ihr ist der Kontakt zu den Patienten wichtig, sich Zeit für sie zu nehmen, ihnen Halt zu geben. Deswegen zögert sie auch nicht, als ihr eine Stelle im Team eines Arztes angeboten wird, der einen neuen Eingriff direkt am Gehirn vornimmt. Einen Eingriff, der Frauen von ihren psychischen Leiden befreien soll. Erst als Meret ihrer neuen Zimmernachbarin, die so ganz anders ist, als sie, emotional und körperlich näher kommt, bekommt ihre Glaubenswelt erste Risse. Bis sie schließlich vor einer Entscheidung steht, die ihr gesamtes Lebenskonstrukt zum Einsturz bringen kann. “Ein simpler Eingriff” von Yael Inokai beginnt sehr vielversprechend. Zum einen fesselt einen das immer aktuelle Thema der Pflegekräfte in der ewigen Zerrissenheit zwischen den Anforderungen, die an sie gestellt werden, ihrer eigentlichen Berufung, für die Patienten da zu sein, und der Belastung, das, was sie täglich sehen müssen, zu verarbeiten. Zum anderen sind da aber auch die zwar hypothetischeren, deswegen aber nicht weniger spannenden Fragen des “simplen Eingriffes”. Was darf die Medizin? Wie kann zwischen Risiko und Nutzen abgewogen werden? Und vor allem: welche Art von “psychischen Problemen” sind tatsächlich welche und was ist einfach ein Aspekt der Persönlichkeit? Mit diesem Setting und ihrer Sprache hatte mich Inokai sofort. Aber leider nicht lange. Was so gut beginnt, kippt in dem Moment, in dem Merets Beziehung zu ihrer Mitbewohnerin beginnt. Es ist, als höre man urplötzlich eine komplett andere Geschichte. Das wäre akzeptabel, wenn sich beide Stränge harmonisch verknüpfen würden. Tun sie aber nicht, zumindest nicht harmonisch. Stattdessen stehen sie sich plump gegenüber und fahren das Hörvergnügen auf einer Skala von 10 von einer stabilen 9 auf eine wenig attraktive 3 runter. Sehr, sehr schade. Zur Einlesung durch Lisa Hrdina kann ich gar nicht so viel sagen, weder positives noch negatives. Ganz passend käme der Sache wohl am nächsten. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass “Ein simpler Eingriff” auf der Longlist für den Deutschen Hörbuchpreis 2023 steht, und zwar in der Kategorie “Beste Unterhaltung”. Ich kann nur davon ausgehen, dass mit Unterhaltung hier nicht locker und flockig gemeint ist, denn das würde der Geschichte wirklich nicht gerecht werden. Zusammengefasst ist “Ein simpler Eingriff” für mich ein Roman, der viel Potenzial hat und dessen Beginn ich fast schon geliebt habe, der, aber im Verlauf immer nur schwächer wird und sich bedauerlicherweise auch nicht durch ein faszinierendes Ende selbst rettet. Und da ich es merkwürdig fände, nur die ersten Kapitel eines Hörbuches zu hypen, muss eine Leseempfehlung hier wohl leider entfallen.
lese_freiheit
4/5
04.02.2023
Hörbuch (CD)
Ein schönes Hörbuch
Eine Geschichte die in einem Krankenhaus spielt.
Während Krankenschwester Meret zunächst noch stolz und überzeugt hinter der fachlichen Expertise der neurochirurgischen Abteilung steht, in der sie arbeitet, sorgt ein unerwarteter Zwischenfall bei einem Routineeingriff und ihre Bekanntschaft mit ihrer neuen Mitbewohnerin im Schwesternwohnheim für zunehmende Zweifel.
Sorgen die Behandlungen tatsächlich für eine Linderung der Beschwerden oder leiden die Patientinnen danach erst recht?
Als der Eingriff ausgerechnet bei Marianne, einer Tochter aus gutem Hause schief geht und sich zwischen Sarah und Meret Gefühle zu entwickeln scheinen, beginnt nun endlich auch sie selbst, vieles zu hinterfragen.
Die Geschichte, die sich hieraus entwickelt, ist letztlich eine ganz andere, als ich es ursprünglich erwartet habe.
Man fühlt sich einerseits wie ein stiller Begleiter und Beobachter von Krankenschwester Meret, darf teilhaben ihren Gedanken, Gefühlen und alltäglichem Handeln.
Sozusagen als Zeuge der zunehmenden Emanzipierung der Hauptprotagonistin, aber mehr eigentlich nicht, da es sich in einem sehr kleinen Kosmos aus Sequenzen im Krankenhaus, Schwesternwohnheim und vereinzelnden Rückblenden in ihre Kindheit, abspielt.
Die Handlung an sich, die übrigen Charaktere sind fürs innere Auge visuell übertragbar, klar und authentisch. Jedoch wird der Hintergrund oftmals leider nur in Ansätzen offenbart, Schicksale lediglich grob gezeichnet und eher an der Oberfläche.
Vom plötzlichen Ende bin ich dann auch etwas überrascht - zumindest habe ich es so nicht kommen sehen.
Und obwohl ich stellenweise etwas Tiefe vermisse, hat mich die Geschichte trotzdem vom Anfang bis zum Schluss, wunderbar einnehmen und fesseln können.
Für ein Highlight reicht es an dieser Stelle zwar nicht, aber es ist definitiv ein schönes Hörbuch für zwischendurch, mit einer Substanz, die nachhallt.
dracoma
aus LANDAU
4/5
14.01.2023
Hörbuch (CD)
Wann spielt die Geschichte?…
Wann spielt die Geschichte? Und wo? Der Leser bleibt im Unklaren und erkennt, dass es hier nicht um konkrete Verortungen in Raum und Zeit geht Die Protagonistin Meret, eine junge Krankenschwester, bewegt sich in zwei Mikrokosmen: ihrer Familie und dem Krankenhaus. Ihre Familie wird geprägt durch eine fast unerträgliche Beschränktheit des Wohnraums und vor allem durch den Vater, der uneingeschränkt die Familie beherrscht und seine Aggressionen entlädt in gewalttätigen Übergriffen auf seine Kinder. Der andere Mikrokosmos ist das Krankenhaus, Merets Arbeitsplatz. Zusammen mit vielen namenlosen Krankenschwestern funktioniert sie wie ein Rädchen im Getriebe. Beiden Mikrokosmen gemeinsam ist ihre streng patriarchalische Struktur und das System von Unterordnung und Gehorsam. Meret ist als Pflegerin beteiligt an der operativen Behandlung von psychischen Erkrankungen. Die Details der Operation bleiben unscharf, aber der ausführende Arzt verspricht ein besseres Leben nach dem Eingriff. Der Mensch – meist sind es Frauen – würde befreit von unangenehmen Verhaltensweisen. Immer wieder werden Wut und Aufmüpfigkeit als unerwünschtes Verhalten erwähnt, d. h. die Operation hat nicht das Ziel einer Heilung, sondern sie hat das Ziel, Frauen an die gesellschaftlich erwünschten Normen anzupassen, und diese Normen sind von Männern gesetzt. Unerwünschtes Verhalten von Frauen wird operativ eliminiert, und die versprochene Besserung sieht so aus, dass Frauen zu einem klaglos funktionierenden Teil dieser restriktiven Gesellschaftsordnung werden. Für Männer gilt dies offensichtlich nicht, wenn man an Merets Vater denkt. Meret fügt sich in dieses autoritäre System ein und verteidigt die Notwendigkeit der Anpassung. Bis sie unter dem Einfluss ihrer Geliebten Zweifel entwickelt und einen Ausbruch wagt. Der Roman wirkt merkwürdig schwebend. Nicht nur wegen der fehlenden zeitlichen und räumlichen Verortung, sondern auch inhaltlich. Der Leser bewegt sich zwischen den beiden Mikrokosmen hin und her. Wir lesen kurze Rückblicke in die Familiengeschichte und Erinnerungen an die geliebte Schwester, Andeutungen über das Schicksal des Bruders – und auch der konkrete Klinikalltag, das Miteinander mit den Kolleginnen, der Kontakt zum Bruder einer Patientin, all das wird nicht klar konturiert, sondern bleibt angedeutet stehen. Der Sprecherin Lisa Hrdina gelingt es hervorragend, die Ich-Erzählerin lebendig werden zu lassen. Sie trifft den leicht naiven Ton der jungen Protagonistin, und ihre junge Stimme wirkt authentisch.
Marianne spürt eine Wut in sich - unkontrolliert, nicht zu bändigen und unberechenbar. Für den Doktor ist klar, es handelt sich um, bei Frauen so weit verbreitete, Hysterie. Und er ist überzeugt, es gibt einen Weg, diesen Fehler zu beheben: einen simplen Eingriff.
Meret ist einfühlsam, verständnisvoll und empathisch. In der Klinik wird sie damit zur wichtigsten Assistentin des Doktors, um die Eingriffe durchführen zu können. Bis Sarah in Merets Leben tritt, bis die ersten Zweifel kommen, bis sie ihre Zweifel äußert.
Junge Frauen mit traumatischer Vergangenheit, mit schrecklichen Erinnerungen entwickeln ein Ventil, um auszuhalten, was nie verarbeitet wurde. Sie fallen damit aus der Norm, sie verhalten sich nicht rollenkonform und sind eine Belastung für die Gesellschaft.
Yael Inokai erzählt in ihrem Roman, wie Mitte des 20. Jahrhunderts an Methoden geforscht wurde, um die Frauen zu „heilen“, die abnormale Verhaltensweisen aufwiesen. Aus den liebevollen Augen von Meret können wir das System beobachten, bis das Bild zu flimmern beginnt, bis die Sicht verschwimmt und bis wir auf einmal messerscharf sehen können, was hier wirklich geschieht.
Viele Details und Nuancen muss die Autorin nur ganz sanft andeuten und sofort wird es laut in meinem Kopf. Eine Wut, wie die von Marianne, beginnt zu brodeln. Ungerechtigkeit schreit zwischen den Worten hervor. Und der Wunsch, dass Meret erkennt, was schief läuft, dass sie Sarah zuhört, wächst von Seite zu Seite. Ich blättere zügig um, will wissen, was als nächstes passiert. Wacht sie auf? Erkennt sie die Gefahr?
Homophobie, Sexismus, Machtmissbrauch, das Patriarchat - all das sind Themen, die uns in diesem Roman auf beeindruckende Weise vor Augen geführt werden. Wie erschreckend, dass sie noch heute ebenso penetrant blenden.
Eine riesige Empfehlung für einen Roman, der in schwebender Sprache von wundervollen und sympathischen Protagonistinnen erzählt. Eine fesselnde Thematik mit berührender Handlung zum Mitfiebern, Hoffen und Mitfühlen bilden den Rahmen für ein stimmiges Gesamtbild.
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5/5
11.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Funktionieren oder frei sein
Handlungsort dieses intensiven Buches ist eine psychiatrische Klinik in einem namenlosen Ort in einer nicht weiter definierten Zeit. Dort wird ein neuartiger Eingriff vorgenommen. Menschen mit Wutpotenzial, werden im Gehirn die entsprechenden Synapsen durchtrennt damit sie "gesellschaftsfähig" werden und ein besseres Leben führen können. Krankenschwester Meret ist von dieser Methode voll überzeugt. Bis etwas schief geht. Bis sie sich in einen Menschen verliebt der die Dinge kritisch hinterfragt. Ist ein Mensch noch er selber, wenn Teile seiner Persönlichkeit unterdrückt werden? Merets Welt gerät ins Wanken...
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5/5
17.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der nicht so simple Eingriff
Der vermeintlich simple Eingriff soll die Medizin revolutionieren, stellt sich aber im Laufe der Geschichte als ethisch, moralisch und medizinisch höchst bedenklich heraus. Wie sich die Hauptperson, die Krankenschwester Meret, entwickelt, sich selbst, ihre Lebensumstände und ihre Arbeit immer mehr in Frage stellt, ist glaubhaft erzählt. Ein Buch, das den Leser noch eine Weile beschäftigt und nachwirkt.
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5/5
05.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Ambivalenz zwischen simpel und komplex
Die 25-jährige Krankenschwester Meret arbeitet in einer psychiatrischen Klinik und begleitet die ausschließlich weiblichen Patientinnen bei einem komplizierten Eingriff am Gehirn bei vollem Bewusstsein, der vom behandelten Arzt als "simpel" bezeichnet wird. Der Eingriff soll das Leben der Frauen erleichtern, die durch ihr Verhalten nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, unter Wutausbrüchen leiden und kriminell werden können. Aufgrund der strengen Routinen und auch den komplizierten privaten Familienverhältnisse hinterfragt Meret ihre Tätigkeit und die Arbeitsweise des Arztes nicht. Doch nach einer schiefgelaufenen Operation einer jungen Patientin beginnt Meret an diesem scheinbar simplen Eingriff zu zweifeln und sich von den festgefahren Denkweisen zu lösen. Doch dies bleibt nicht ohne Konsequenzen. Zudem beginnt Meret eine Liebesbeziehung mit ihrer Zimmernachbarin Sarah, die deutlich aufgeklärter zu sein scheint.
Uns Lesenden stellt sich u.a. die Frage, warum eigentlich nur Frauen diesen Eingriff über sich ergehen lassen müssen. Warum darf eine patriarchale Ärztefigur so mit Menschen umgehen? Ein Roman, der von der Ambivalenz zwischen Gesagtem und Ungesagtem, Gefühlen und Wahrnehmung sowie Vertrautheit und Fremdheit in einer nicht identifizierbaren Zeit lebt.
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5/5
13.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Simpler Eingriff
Die junge Krankenschwester Meret wird von ihrem Vorgesetzten auserwählt, ihm bei dem titelgebenden "Simplen Eingriff" zu assistieren. Dieser wird nie genau beschrieben, soll aber Frauen gegen Hysterie helfen - oder ruhig stellen. Das Buch bleibt dadurch spannend, da sowohl der Eingriff, wie auch die Zeit, in der der Roman spielt, nie ganz greifbar werden. So bekommen die Geschehnisse, das Fortschreiten der Medizin, die sozialen Gefüge um Beziehungen und Konventionen eine völlig zeitlose Atmosphäre. Packend bis zur letzten Seite.
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4/5
05.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
So ein kleiner simpler Eingriff...
Ein kleiner Eingriff, ein simpler Eingriff und schon bist du nicht mehr du sondern eine Marionette ohne erkennbare Emotion, ohne Gefühlsschwankungen, so einfach ist das.
Klar fast nüchtern wird in diesem Roman über großes Unrecht an Frauen berichtet, die sich dem männlichen Machtgefüge nicht unterordnen wollten und dann einfach so durch einen simplen Eingriff am Gehirn gefügig gemacht worden sind. Unvorstellbat und doch wahr.
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