Bayern, 1922. Der rechtskonservative Erfolgsautor Oswald Spengler schmiedet geheime Pläne für eine Lenkung der Presse. Gemeinsam mit Forstrat Escherich, dem Gründer einer militanten Bürgerwehr, und Gumbrecht, einem mächtigen Fürther Spiegelfabrikanten, will er die öffentliche Meinung in der jungen Republik beeinflussen.
Emma, Gumbrechts Sekretärin und Geliebte, ist die Tochter des Anarchosyndikalisten Fritz Oerter. Eigentlich hat sie genug von Politik und von ihrem Freund, dem Sozialdemokraten Max Schmidtill. Doch dann liest sie einen Brief, der nicht für ihre Augen bestimmt war ...
Leonhard F. Seidl zeichnet ein packendes Sittenbild der Weimarer Republik, das auf realen Geschehnissen beruht.
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Sprachlich beeindruckender Einblick in die Weimarer Innenpolitik
Bewertung am 24.03.2022
Bewertungsnummer: 1682219
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der "Untergang des Abendlandes" ist ein geflügeltes Wort in rechten Kreisen. Geprägt wurde es von Oswald Spengler, Deutschnationaler, Feind der Weimarer Republik und des Versailler Vertrags, der darüber ein ganzes Buch geschrieben hat. Als Intellektueller übte Spengler mit dem Buch großen Einfluss aus. Es prägt die intellektuelle Rechte bis heute.
Ein Mann also, mit dem man sich beschäftigen sollte, zumal er in den 1920ern gemeinsam mit anderen Verschwörern die Lenkung der Presse von rechts durchsetzen wollte, um darüber einen Einstellungswechsel in der Bevölkerung zu erreichen. Dieser Versuch steht im Zentrum des außergewöhnlichen Romans "Vom Untergang" Von Leohnhard F. Seidl. Dieser hat bereits einige politische Kriminalromane verfasst und legt mit diesem Roman nun pünktlich zum hundertsten Todesjahr des liberalen Politikers Walther Rathenau, der von einer rechtsradikalen, militanten Bürgerwehr ermordet wurde, einen Einblick in diese hisotrisch so turbulente und gewalttätige wie spannende Zeit vor.
In diesem Kriminalroman, in dem das "kriminal" weniger im Zentrum steht, sondern stattdessen ein dicht gewebtes Portrait der Weimarer Republik, verfolgen wir also die politische Verschwörung zur Lenkung der Presse, erhalten dabei Einblicke in den Kopf des selbsternannten Propheten (wofür Seidl u.a. Tagebücher aus dessen Nachlass nutzt) und können so den Menschen Spengler greifen, ohne ihn deshalb sympathisch finden zu müssen.
Ein weiteres Thema des Buchs sind die sich zuspitzenden politischen Auseinandersetzungen, Straßenkämpfe und politischen Morde der auseinanderdriftenden Weimarer Republik. Auch die innerlinken Kämpfe sind Thema: Wir treffen auf den heute fast vergessenen Fürther Anarchosyndikalisten Fritz Oerter, blicken in die Arbeiterstreiks und kommunistisch-sozialistisch-anarchistischen Streitlinien.
Ein historischer Roman im besten Sinne, bei dem viele historische Quellen, von Gerichtsakten und Verhörprotokollen über Tagebucheinträge und Zeitungsartikel - an den Plot angepasst, vom Sinn her aber nicht verändert - eingewebt werden und die das Buch damit auch zu einer lehrreichen und anschaulichen Lektüre machen. Dabei stehen der historische Plot und die realen historischen Figuren im Fokus. Die dazuerfundenen Charaktere wie die fiktive Tochter Oerters, Emma, oder der Spiegelfabrikant Gumbrecht, tragen durch die Handlung, sind aber eher Mittel zum Zweck, um uns Leser*innnen in die Handlung hineinzutragen. Mich störte das nicht, ich kann mir aber vorstellen, dass das je nach Geschmack anders ist. Da das Buch mit seinen knapp 250 Seiten sehr dicht gewebt ist, sind historische und politische Vorkenntnisse mit Sicherheit hilfreich, aber auch sonst ist es eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Der Roman ist spannend, informativ und macht Kontinuitäten bspw. rechten Denkens ebenso deutlich wie die innerlinker Kämpfe. Und wen das noch nicht überzeugt hat: Die Katze im Roman heißt Mühsam.
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