Als ich dieses Jahr im Urlaub in London war, bin ich in einer Buchhandlung in der Nähe meiner Unterkunft zum ersten Mal auf ein Werk von Guadalupe Nettel gestoßen.
The Accidentals hatte durch das Schaufenster hindurch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und mich schnell so fasziniert, dass ich am nächsten Tag in den Laden zurückkehrte und alle weiteren vorrätigen Bücher derselben Autorin kaufte.
Zwei waren es an der Zahl, darunter Still Born.
Ein weiterer Glücksgriff.
Wer Nettels Stil bereits kennt, wird in diesem Buch nichts Unbekanntes vorfinden.
Er ist sachlich, beobachtend und zurückhaltend. Sehr detailliert, ohne langweilig zu sein, und in der Ausführung simpel, ohne plump zu werden.
Es wird eine intensive Atmosphäre aufgebaut, aber es bleibt eine Distanz erhalten, die es dem Leser selbst überlässt, wie nah er das Gelesene an sich heranlassen möchte.
Wer etwas sucht, was unweigerlich zu Tränen rührt und einen emotional an die Hand nimmt, ist hier falsch.
Überraschenderweise funktioniert die Kombination aus nüchternem Stil und teilweise schwierigen Themen aber sehr gut.
Still Born kreist um das Thema Mutterschaft – und ganz besonders um dessen Grenzfälle.
In eng verbundenen Erzählsträngen stehen verschiedene Lebensentwürfe nebeneinander, entwickeln sich und geraten in Bewegung.
Ergänzt wird das durch die Reflexionen und Beobachtungen der Erzählerin, die im Verlauf der Handlung auf den Begriff des Brutparasitismus stößt.
Er steht nicht im Zentrum, wirft aber ein Licht auf das, was sich zwischen den Zeilen abspielt: auf Abhängigkeiten, Fürsorge, Überforderung und Nähe, die nicht immer freiwillig ist.
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