In anregenden und ungehemmten Bildern erschafft Johanne Lykke Holm eine Welt voller Übernatürlichem, voller Geheimnisse und der potenziellen Energie von Mädchen an der Schwelle zur Weiblichkeit. Strega lässt sich als Allegorie auf gesellschaftliche Riten verstehen, auf die Erwartungen an Frauen und die Gewalt, die wir allzu leicht zulassen - und entfaltet wie ein Zauber noch lange nach dem Lesen seine Wirkung. Strega ist eine einfallsreiche und atmosphärische moderne Gothic Novel über neun junge Frauen, die in einem abgelegenen Alpenhotel arbeiten, und darüber, was passiert, wenn eine von ihnen verschwindet.Mit Toilettenartikeln, Haarbändern und Notizbüchern in der Tasche verlässt die neunzehnjährige Rafa auf Anweisung ihrer Mutter ihr Elternhaus und die Küstenstadt, in der sie auf gewachsen ist. Aus dem Zugfenster sieht sie die beleuchteten Berge und die perfekten Bäume - und das Olympic Hotel, das über dem kleinen Dorf Strega auf sie wartet. Dort bekommt sie die steife schwarze Uniform der Saisonarbeiterin, wie acht andere Mädchen auch, mit denen sie in einem Schlafsaal übernachtet. Unablässig schuften die Mädchen unter den Blicken ihrer strengen Chefinnen, um alles bereit zu machen für Gäste - die nicht kommen. In ihren freien Momenten flüchten die neun sich in den Kräutergarten und suchen Trost beieinander. Schließlich füllt sich das Hotel doch, für eine wilde, rauschende Party - und dann verschwindet eines der Mädchen. Was folgt, sind tiefe Enthüllungen über die Mythen, die wir jungen Frauen beibringen, über das, was wir ihnen von der Welt zumuten, und darüber, ob ein sanfteres, schöneres Leben möglich ist.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Bewertung
5/5
07.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Surreal betörend
»Ich betrachtete mich selbst im Spiegel. Ich erkannte das Bild einer jungen, aber gefallenen Frau. Ich beugte mich vor und drückte den Mund gegen den Spiegel. Der Wasserdampf beschlug das Glas wie Kondensat in einem Zimmer, in dem jemand tief geschlafen hat, wie ein Toter. Hinter mir sah ich das Zimmer widergespiegelt. Im Bett lagen Haarnadeln, Schlaftabletten und ein Baumwollschlüpfer. Auf dem Laken waren Flecken von Milch und Blut.«
Der »Strega«-Sound ist zart, harmonisch, surreal und hintergründig vergiftet. Meditativ zieht es uns in die mystische Erzählung einer Initiation. Aus der Ferne erzählt Rafaela von einer beschlagen Vergangenheit. Sie ist neunzehn, als ihre Kindlichkeit endet. Ihre Mutter schickt sie nach Strega, in jene wage abgeschiedene Zwischenwelt, die sie zeitlos, zwischen Wachen und Träumen auf das Leben als Frau vorbereiten soll.
Im verblichenen Hotel Olympic gibt es keine Gäste, nur sie und acht weitere Mädchen. Sie sind Saisonarbeiterinnen in strenger Uniform, die in Hingabe dienen, Regeln befolgen und Strafen empfangen. Sie sind lieb, sie sind naiv, sie Begehren auf. Die Mädchen entdecken in ihrer eifrigen Devotion das Böse in Gestalt eines Mädchenmörders, in der übernahme des gewaltvoll-männlichen Blicks und sie finden zu ihrer eigenen Macht.
Bei »Strega« ist nicht zu merken, dass es sich um eine Übersetzung handelt, denn egal welche Seite ich aufschlage, die Sprache ist betörend sinnlich. Bei »Strega« sitzt jeder Satz. Ich spüre den Impuls, Passagen herausschreiben, weil ich sie halten möchte. Zur gleichen Zeit folge ich der rhythmischen mystischen Stimme, treibe im Text, der gehalten wird durch den Einband, den Vorsatz und den Nachsatz, die die Künstlerin Ida Sønder Thorhauge gestaltete.
Kata_____Lović
aus Bremen
5/5
07.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
»Ich betrachtete mich selbst…
»Ich betrachtete mich selbst im Spiegel. Ich erkannte das Bild einer jungen, aber gefallenen Frau. Ich beugte mich vor und drückte den Mund gegen den Spiegel. Der Wasserdampf beschlug das Glas wie Kondensat in einem Zimmer, in dem jemand tief geschlafen hat, wie ein Toter. Hinter mir sah ich das Zimmer widergespiegelt. Im Bett lagen Haarnadeln, Schlaftabletten und ein Baumwollschlüpfer. Auf dem Laken waren Flecken von Milch und Blut.« Der »Strega«-Sound ist zart, harmonisch, surreal und hintergründig vergiftet. Meditativ zieht es uns in die mystische Erzählung einer Initiation. Aus der Ferne erzählt Rafaela von einer beschlagen Vergangenheit. Sie ist neunzehn, als ihre Kindlichkeit endet. Ihre Mutter schickt sie nach Strega, in jene wage abgeschiedene Zwischenwelt, die sie zeitlos, zwischen Wachen und Träumen auf das Leben als Frau vorbereiten soll. Im verblichenen Hotel Olympic gibt es keine Gäste, nur sie und acht weitere Mädchen. Sie sind Saisonarbeiterinnen in strenger Uniform, die in Hingabe dienen, Regeln befolgen und Strafen empfangen. Sie sind lieb, sie sind naiv, sie Begehren auf. Die Mädchen entdecken in ihrer eifrigen Devotion das Böse in Gestalt eines Mädchenmörders, in der übernahme des gewaltvoll-männlichen Blicks und sie finden zu ihrer eigenen Macht. Bei »Strega« ist nicht zu merken, dass es sich um eine Übersetzung handelt, denn egal welche Seite ich aufschlage, die Sprache ist betörend sinnlich. Bei »Strega« sitzt jeder Satz. Ich spüre den Impuls, Passagen herausschreiben, weil ich sie halten möchte. Zur gleichen Zeit folge ich der rhythmischen mystischen Stimme, treibe im Text, der gehalten wird durch den Einband, den Vorsatz und den Nachsatz, die die Künstlerin Ida Sønder Thorhauge gestaltete.
Bewertung
5/5
05.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Voller Übernatürlichem, Zauber und Geheimnissen
Unglaublich atmosphärisch ist dieses Buch, so düster, unheilvoll und rätselhaft. Vieles wird nur angedeutet, aber dafür Beobachtungen so deutlich durch Farben und Gerüche beschrieben, sodass man klare Szenen vor Augen hat. Durch ihren Schreibstil hat mich Johanne Lykke Holm perfekt in diese bedrohliche Stimmung versetzt und mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen lassen.
Bewertung
Book Circle Community
4/5
06.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Traum und Gewalt
Strega ist kein Roman über eine bestimmte Frau, sondern über ein System, in dem Frauen leben. Über das unsichtbare, allgegenwärtige Gefühl, beobachtet, bedroht oder benutzt zu werden. Der „Mörder“, von dem die Mädchen sprechen, ist kein Einzelner — er ist das, was die Gesellschaft aus Männern gemacht hat, und was Männer aus der Gesellschaft gemacht haben. Ein Prinzip, nicht eine Person.
Holm zeigt diese Gewalt nicht, sie erklärt sie auch nicht. Sie lässt sie in der Luft liegen, in den Blicken, in den Gesten, im Schweigen. So entsteht ein unheimlicher, traumartiger Raum, in dem die Frauen immer wachsam sind, ohne genau zu wissen, wovor. Strega erzählt davon, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der Gefahr nicht sichtbar, sondern verinnerlicht ist.
Zwischen all den dunklen Bildern, dem Schweigen, der Bedrohung, steht auch eine der schönsten Liebeserklärungen der Gegenwartsliteratur – zart, erschütternd und von seltener Wahrhaftigkeit.
Die Sprache wirkt wie ein Delirium, wie ein endloser, warmer Traum, der sich nie auflöst. Man liest mit Bewunderung – und mit Müdigkeit. Die Sätze sind schön, aber sie wiederholen sich, sie ziehen Kreise, sie verlangen Konzentration. Manchmal möchte man aus diesem Nebel herauskommen, nach Luft schnappen, etwas Greifbares finden. Doch Holm will genau das nicht: Sie will keine Handlung, keine Erklärung, kein Ende.
Ich bewundere die Konsequenz, mit der sie das tut. Aber gleichzeitig bleibt eine Schwere, eine Erschöpfung, ein Zuviel. Es ist ein eindringlicher Versuch, weibliche Erfahrung in Sprache zu verwandeln, die so dicht ist, dass sie fast erstickt.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
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