Das neue Erinnerungskunststück des Nobelpreisträgers Patrick Modiano Schriftsteller Jean Bosmans erinnert sich: Bei einem seiner Streifzüge durch Paris der 60er-Jahre lernte er Camille kennen, die ihn in ihre Kreise einführte, eine Gruppe fragwürdiger Gestalten. Als sie Jean eines Tages unter einem Vorwand in das nahegelegene Chevreuse mitnimmt, dämmert ihm, dass nichts an dem Ausflug zufällig ist. Denn er kennt Chevreuse aus früheren Zeiten. Und er weiß, dass es ein wertvolles Geheimnis birgt. Gekonnt zieht uns Walter Kreye tief hinein in Modianos Erinnerungsspiralen, seine stete »Suche nach der verlorenen Zeit«.
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4.2/5.0
Vorleser
5/5
03.09.2022
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Erinnerungen
Worum geht es?
Jean Bosmans führt uns zurück in seine Vergangenheit : auf zwei Ebenen. Wir gehen mit ihm sowohl 15, als auch 50 Jahre zurück. Dieses Erinnern an das Erinnern ist ein sehr wirkungsvolles Stilmittel zum erzeugen von Spannung. In diesem Fall soll er sich an etwas erinnern, das er in seiner Kindheit gesehen hat, und das für gewisse zwielichtige Leute sehr wichtig ist.
Meine Gedanken:
Im Grunde passiert im Roman nicht wirklich etwas, aber das Rätsel will gelöst werden. Warum ist jemand hinter Jean her, und warum fühlt er sich bedroht?
Dazu muss er in seine Kindheit zurück reisen, wo er etwas gesehen hat, das für andere wichtig ist.
Lange Zeit ist seinem 20jährigen Ich nicht klar, wie alles zusammenhängt.
Mit jedem neuen Erinnerungsfetzen wird er jedoch unruhiger, er bemerkt, dass seine Bekanntschaften nicht zufällig sind, und dass ein Plan hinter zum Beispiel der Reise nach Chevreuse steckt.
Chevreuse: das sind vornehmlich Erinnerungen an eine wundervolle Landschaft, an Sommer. Freunde, und das Haus in dem er aufwuchs.
Wo seine Eltern sich befanden wird nicht erklärt, sie scheinen aber abwesend zu sein.
Stattdessen sind da eine Frau und ein Mann, und an beide wird er 15 Jahre später erinnert durch Gegenstände die er als Kind schon gesehen hat.
Überhaupt wird gut beschrieben, was alles Erinnerungen auslösen kann, und wie heftig man auf diese Erinnerungen reagieren kann. Auch die Tatsache, dass Erinnerungen keine Fakten sind und sehr trügerisch sein können, wird nicht außer Acht gelassen. Das bemerkt man schon als Jean feststellt, dass alles, was ihm als Kind groß vorgekommen ist, aus der heutigen Perspektive viel kleiner ist; ja selbst die Zeit ist eine andere.
Die Sprache ist poetisch und nimmt einen gefangen. Man spürt, wie sich das Netz, dass gewoben wird, zusammenzieht, und ist erleichtert, dass es ein Entkommen gibt.
Walter Kreye hat eine sehr angenehme Stimme und hat das Buch perfekt vorgelesen. Wäre es in Ich-Erzählung geschrieben, hätte man sicher denken können Walter Kreye ‘sei’ der Protagonist.
Er liest das Buch in unaufgeregter Weise vor, ohne dass es jemals langweilig würde; auf gut neudeutsch gesagt: er liest es pitch perfect.
Ich habe mal geguckt, was er sonst noch so gelesen hat und könnte mir gut vorstellen, dass ich eines oder mehrere dieser Bücher anhören werde.
Vielen Dank an Netgalley und Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar.
Grete
aus Gudensberg
4/5
24.10.2022
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Wandeln durch Chevreuse
So so Nobelpreisträger, das ist ja immer so eine Sache für den Normalo.
Ich habe mich von Kreyes Stimme dahintragen lassen bin durch Chevreuse hoch und nieder gewandert, habe mir viele Fragen gestellt und doch sehr wenig Antworten bekommen und frage mich wo die Wegweiser sind.
Es ist alles etwas traumwandlerisch und verloren angelegt, auf der Suche nach der Kindheit nach der Wahrheit und nach dem was geworden ist.
Walter Kreye sei Dank habe ich lange durchgehalten, auch gibt es wundervolle Abschnitte, aber wirklich überzeugt hat mich das Buch nicht.
Bewertung
5/5
10.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine schwebende Erinnerung
Dieser Text beginnt klassisch im Paris der 60er Jahre.Jean und Camille treffen sich scheinbar zufällig und finden trotz ihrer Unterschiedlichkeit zueinander. Sie fahren ins Umland von Paris: das Tal der Chevreuse wird zum Schauplatz von Ereignissen die in der Gegenwart, aber auch der Vergangenheit liegen. Modiano beschreibt malerische Plätze und geheimnisvolle Vorgänge, die sich erst nach und nach erklären. Die Sprache und die literarischen Bilder sind ein Genuss. Viele Leser/innen vergleichen den Text mit den Schriften von Marcel Proust. Als Leser:in gibt es viel zu entdecken und mitzudenken. Und all dies spricht sehr für Modianos neuen Roman.
Bories vom Berg
aus München
3/5
28.01.2026
Anschreiben gegen das Vergessen
Im umfangreichen Werk des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick Modiano greift der 2022 erschienene Roman «Unterwegs nach Chevreuse» erneut eine Thematik auf, die typisch ist für diesen Autor. Auch dieser 157 Seiten schmale Band macht sich nämlich als eine Art Erinnerungs-Krimi wieder auf die «Suche nach der verlorenen Zeit», eine deutliche Referenz an den berühmten Kollegen Marcel Proust. Und so hat denn auch Jean Bosmans, der Protagonist des vorliegenden Romans, seine Jugend im Pariser Stadtteil Auteuil verbracht, jenem noblen Viertel, wo Proust geboren wurde. Anders als bei diesem großen Kollegen geht es bei Modiano allerdings nicht sehnsuchtsvoll um die Erinnerung als Thema, sie scheint hier vielmehr toxisch zu sein, jedenfalls äußerst rätselhaft und unheimlich zugleich.
Der zwanzigjährige, angehende Schriftsteller Jean Bosmans, alter Ego des Autors, lernt Mitte der Sechzigerjahre auf seinen endlosen Streifzügen durch die französische Metropole die rätselhafte Camille kennen. Sie ist 2 Jahre älter als er, verkehrt in obskurer Gesellschaft und trägt den wenig schmeichelhaften Spitznamen «Totenkopf». Eines Tages animiert sie ihn, sie auf einem kurzen Trip ins südlich gelegene Chevreuse-Tal zu begleiten, wo sie und ihre Freundin Martine in einem verschlafenen Dorf ein Haus besichtigen wollen, das die Freundin eventuell zu mieten beabsichtigt. Ihm dämmert, dass dieser Ausflug kein Zufall ist, denn in eben diesem Haus hat Jean Bosmans seine Jugend verbracht. Und dort war es auch, wo er vor fünfzehn Jahren als Kind beobachtet hat, wie im Dachboden Handwerker tätig waren, um dort eine Mauer einzuziehen. Nach und nach ergeben sich weitere Details, die der Protagonist wie ein Puzzle zusammensetzt, welches allmählich auf ein verschwörerisches Komplott gegen ihn hindeutet. Die beiden Frauen wollen ihn scheinbar mit drei Ganoven zusammenbringen, die wohl ein ganz besonderes Interesse an dem Haus im Chevreuse-Tal haben.
Mit vielen in seine Erzählung eingestreuten Details ohne zunächst erkennbaren Nutzen entwickelt der Autor auf subtile Art ein Geflecht der Erinnerungen, das zuweilen sogar ins Traumhafte und Mystische abgleitet. Da werden Gegenstände wie ein Feuerzeug mit extrem hoher Flamme beschrieben, ein gravierter Globus, der Jean in der Schule gestohlen wurde, eine Armee-Armbanduhr mit erstaunlich vielen Funktionen und anderes mehr. Zu dieser Sammlung von erinnerten Indizien gehören auch die zum Teil wechselnden Namen von undurchschaubaren Leuten, die sich einst täglich, wie auch Camille, zu nächtlicher Stunde in dem Haus getroffen haben, ohne dass klar wird, was diese Geselligkeit bezweckte. Tagsüber nämlich war dort die Gouvernante Kim anzutreffen, wie Jean feststellt, die das Kind des allein lebenden René-Marco Heriford betreut, der aber fast nie anwesend ist, - eine durchaus merkwürdige Parallelwelt! Und der Autor deutet auch an, dass einst die Polizei Haus und Garten gründlich durchsucht habe, ohne allerdings etwas zu finden. Scheibchenweise kommt schließlich heraus, dass sich die drei Männer, die tatsächlich dringend den Kontakt zu Jean Bosmans suchen, im Gefängnis kennen gelernt haben.
Das Echo auf die Bücher von Patrick Modiano ist in deutschen Leserkreisen eher verhalten. Sein Stil ist auch hier von Redundanzen geprägt, die dem Plot eher flirrend oder schwebend erscheinen lassen, also nur auf Umwegen zum Ziel führend. Gleichwohl ist «Unterwegs nach Chevreuse» ein spannender Roman, der mitdenkenden Lesern schon früh versteckte Hinweise liefert, um mit detektivischem Gespür zu erahnen, worum es hier in Wirklichkeit geht. Letztendlich ist der Protagonist selbst der Autor dieses autofiktionalen Romans, wir erleben die Recherchen dafür hautnah mit. Er stellt gekonnt das zeitlich verschachtelte Anschreiben eines Schriftstellers gegen das Vergessen dar. Der siebzigjährige Jean erinnert sich an den zwanzigjährigen, der sich in seinem Buch an den fünfjährigen Jean erinnert. Und wer dabei mitdenkt als Leser, wird tatsächlich angenehm unterhalten.
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