„Wer Lea Streisands Roman liest, will am liebsten sofort wieder Kind sein.“ Maxim Leo
„England und Amerika sind wie die DDR und die BRD“, weiß Rico – nur, dass zwischen den deutschen Staaten eine Mauer sei, zwischen den anderen die Ostsee. Franzi ist von den einfachen Weltdeutungen des besserwisserischen Nachbarjungen ebenso begeistert wie vom real existierenden Sozialismus, dem sie in der Schule begegnet. Endlich etwas, was ihr Halt gibt, jenseits der ironischen Bemerkungen der Eltern, die einem doch nie alles erzählen, sich über ihre abendlichen Geheimtreffen in der Küche stets in Schweigen hüllen. Erzählen ist sowieso ein Problem. Wem darf man was sagen? Franzi und ihre Freunde verstehen es nicht, und so versuchen sie, von der Teppichstange eines Ostberliner Hinterhofs aus, die Welt auf ihre Weise zu erkunden. Doch dann fällt die Mauer, und alle Gewissheiten stürzen wie Kartenhäuser zusammen. Bis sich am Ende sogar Freundschaften als Trugschluss erweisen. Sehr lebendig und irrsinnig komisch erzählt Lea Streisand von einer kleinen Welt, in die plötzlich die große Geschichte einbricht.
Ein Roman, der den Kindern der Wendezeit eine Stimme gibt
Lea Streisand verleiht der kleinen Franzi eine lebendige und witzig schnatterige Erzählstimme, natürlich in Berlinerisch. Man ist beim Hören fluchs drinnen in der Zeit der 1980er Jahre in der ehemaligen DDR. So erfrischend, wie Franzi aus der Kinderperspektive herraus die Gespräche und Ereignisse der Erwachsenenwelt umdeutet. So kann sie auch nach brenzligen Situationen einfach Kind bleiben, was sie nicht zuletzt ihrer Mutter und ihrem Ziehvater zu verdanken hat, die ihr, genau wie ihr bester Freund, Halt im Leben geben.
Ich konnte mir alles ganz lebendig vorstellen und hatte mit Hufeland, Ecke Bötzow eine wahre Hörfreude.
Kerstin
5/5
30.01.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wunderbarer Roman Franzi ist…
Wunderbarer Roman Franzi ist ein wahres DDR-Kind. Ihre Eltern kämen gegen das Regime, doch Franzi ist Feuer und Flamme von den Pionieren und der gesamten Struktur der DDR. Doch dann fällt die Mauer und plötzlich sind sie auch Westdeutsche. Wird Franzi damit klarkommen? Dieser Roman begleitete ein kleines Mädchen durch ihre Kindheit und Jugend. Die Kindheit verbringt sie in der gutbehüteten DDR mit den Pionieren und ihre Jugend im sozusagen Wilden Westen. Somit spielt dieser Roman in den 80 und 90er Jahren. Stellenweise fühlte ich mich selbst zurückversetzt und vieles kam mir aus meiner eigenen Kindheit sehr bekannt vor. Lea Streisand ist es wirklich wunderbar gelungen Franzi Leben einzuhauchen. Franzi ist ein sehr sympathisches Mädchen, das total authentisch rüberkommt. Gerne würde man selbst in der Hufelandstraße, Ecke Bötzow wohnen. Dieser Roman zeigt hervorragend, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene die DDR und den Westen wahrgenommen haben. Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und ich flog nur so über die Seiten. Die Geschichte ist wirklich sehr lebendig – zum einen Dank der Charaktere und zum anderen aufgrund der vielen Geschehnisse. Die Charaktere sind alle toll umgesetzt und sehr verschieden. Es wurde einige Typen bedient. Vielleicht waren es sogar zu unterschiedliche Menschen, aber dadurch bekam man als Leser sehr viele Blickwinkel auf die damaligen politischen Geschehnisse. Dieses Buch gibt einen wunderbaren Einblick in eine Kindheit zum Ende der DDR und zeigt auf, wie es für ein Kind war den Mauerfall und die Wiedervereinigung mitzuerleben. Ich habe dieses Buch verschlungen, deshalb vergebe ich gerne volle fünf von fünf Sterne.
Elke Seifried
aus Gundelfingen
5/5
06.11.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kindliches Vorher, nicht immer glückliches Nachher, wie die Autorin die Wende erlebt hat
Ich bin im Westen aufgewachsen, war beim Mauerfall in etwas so alt wie die Autorin selbst, sprich ein kleines Kind und deshalb interessiere ich mich sehr für das Leben in der ehemaligen DDR weshalb ich auch zu diesem Buch gegriffen habe.
Als Leser darf man die Autorin in den letzten knapp zwanzig Jahren des letzten Jahrhunderts begleiten, bzw. sich davon in kurzen Episoden erzählen lassen.
Die ersten Kapitel berichten von ihrer Vorschulzeit, davon wie sie im Hinterhof mit dem Nachbarjungen und einer Freundin „antifschistischer Schutzwall“ gespielt hat, wobei es darum ging „Und jetzt versuch mal, aus dem Westen rüberzukommen“, davon dass „Ansonsten stelle ich mir den Westen vor wie Büllernü. Ein Utopia. Man wusste, dass man nie hinkommen würde. Aber das war nicht schlimm. Es war nur gut, dass es ihn gab. Wo sollten sonst die Westpakete herkommen?“ und dass endlich lesen lernen viel wichtiger war, als von einem Trip in den Westen zu träumen. Dann darf man mit ihr die Einschulung erleben, darf darüber spekulieren, warum die Lehrerin sich montags bei der Erzählstunde bei ihren Schilderungen vom Wochenende die meisten Notizen machte, neugierige und wissbegierige Fragen stellen wie „Wenn Amerika und England genauso sind wie die BRD und die DDR, warum gibt es dann keine Mauer zwischen ihnen?“, und davon erfahren wie sie selbst versucht sich mit kindlicher Logik Erklärungen dafür zu suchen, der Art, „Na, weil die in den beiden Ländern Englisch sprechen und wir bei uns Deutsch. Das ist doch irgendwie das Gleiche.“, weil sie von ihren Eltern keine Antworten bekommt. Auch darf man unter anderem ihren Stolz erleben, „Mein blaues Halstuch werde ich niemals ablegen, nur zum Schlafen. Und zweimal täglich werde ich es waschen und bügeln“, als sie endlich zu den Pionieren darf und bekommt noch einige Beispiele mehr, die belegen das gilt, „Ich fühlte mich geborgen in diesem Staat, in dem alle Menschen Brüder waren. Sogar die Mädchen.“
Man darf mit ihr intensiv auch das Jahr 1989 erleben, in dem es anfangs noch von Erich Honecker hieß „die Mauer werde in 50 und in 100 Jahren noch bestehen bleiben.“ Man darf mit ihr die Eltern vor dem Mauerfall und auch danach zur Wahl begleiten. Man leidet mit dem kleinen Mädchen darunter, dass die Eltern zuerst vor lauter politischem Geschehen verfolgen müssen und dann aus Begeisterung für alles aus dem Westen, gar keine Zeit mehr für sie haben. Am Abend des Mauerfalls heißt es ebenfalls für sie alleine zuhause bleiben und „gucke ich mir die Demo im Fernsehen an. Aber mit der Zeit wird das langweilig, weil man als Kind ja doch nicht kapiert, was die da reden. Deshalb gucke ich lieber Zeichentrickfilme.“ Gilt anschließend die ersten Tage noch bei einem Ausflug in einen Westsupermarkt, „Ich kam mir vor, als wäre ich in meinen Fernseher hineingestiegen. Die Waren in den Regalen waren wie Stars für mich, wie Idole, die ich immer nur von Ferne hatte bewundern können und nun endlich in echt sah.“, stellt sich schnell Ernüchterung ein, denn, man muss mit ihr ertragen, dass die Mutter ihr Begrüßungsgeld nicht in Kinderträume, sondern neue Winterschuhe investiert und dass auch plötzlich alles Gewohnte in den Regalen fehlt. Zudem hat man in der Schule mit desillusionierten Lehrern zu kämpfen und auch die Umstellung der Lehrpläne erzeugt entweder Langeweile oder komplette Überforderung. Eine Mutter deren berufliche Qualifikationen nicht anerkannt wird, die Laune dementsprechend, Freunde, die mit ihren Familien in andere Gegenden ziehen, eine Freundin, die die große Welt beim Schüleraustausch erkunden will, so wird man Zeuge wie sich die Autorin als Teenie plötzlich immer mehr allein fühlt und die Erzählungen enden dann mit einem Ausblick, was nach dem Abi kommt. Sie war eine derer im letzten Jahrgang des vergangenen Jahrhunderts.
Sekundärrohstofferfassung, keine Spenderorgane für DDR Bürger, Christenlehre, Schulausflüge an die Ostsee, Pakete von der West Uroma, DDR Plaste, die mit der aus dem Westen nicht zusammenpasst, ebensowenig wie die West-Toaster dem Stromnetz gewachsen sind, der Roman hatte für mich zahlreiche super interessante Einblicke ins Leben in der ehemaligen DDR und auch darüber, was sich mit dem Mauerfall besonders markant für die dort lebende Bevölkerung geändert hat, parat. Das hat mir sehr gut gefallen. Interessant fand ich auch die Erfahrungen mit den Hare Krishnas, die sich der Hippie Welle anschloss, die nach dem Mauerfall wohl nachgeholt werden musste. Einige Episoden, wie z.B. solche, die davon erzählen, die Uroma zu Grabe tragen oder damit leben zu müssen, dass eine Freundin auf eine andere Schule wechselt, dass ein Kind von seinen Eltern nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommt oder darunter leidet, wenn sich diese auseinanderleben, die sich nicht wesentlich vom Leben in der BRD unterscheiden, konnten durchaus bewegen und mich daher gut unterhalten, auch wenn ich vielleicht nicht unbedingt eine jede Erfahrung berichtet haben hätte müssen.
Der locker, lässige Sprachstil liest sich super flüssig und man kann beim Lesen viel schmunzeln, was ja nie verkehrt ist. Dafür sorgen pointierte Beschreibungen und zu einem Großteil zumindest in der ersten Hälfte des Buches auch die kindliche Logik, mit der sich die Autorin zu der Zeit versucht hat die Eindrücke zu erklären und die die Wirklichkeit, klar etwas verschroben darstellen. Da heißt es schon mal „ich war überrascht, welche Berufe es alles gab“, wenn der Bauarbeiter fürs Skatspielen bezahlt wird, weil der Zement fehlt.“ Auch zahlreiche amüsante Szenen, wie z.B. als sie angeben will, sie könne schon lesen, und ihre Bücher, die sie auswendig kennt, vorlegt, „Welches Buch soll ich dir vorlesen?, und dann mit lauter Euphorie beim Nacherzählen vergisst umzublättern., haben mir beim Lachen zahlreiche Grinser beschert.
„Sehr lebendig und irrsinnig komisch erzählt Lea Streisand von einer kleinen Welt, in die plötzlich die große Geschichte einbricht.“, ist der Werbespruch für dieses Buch und ich denke das Versprechen wird gehalten, vielleicht noch versehen mit dem Zusatz von einer ganz persönlichen kleinen Welt. Ich hatte gute Unterhaltung und habe interessante Einblicke erhalten, da sind fünf Sterne schon noch drin.
Bewertung
3/5
21.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenderoman? Coming-off-Age? Gesellschaftsroman?
Die 80er Jahre in Ost-Berlin: Die zehnjährige Franzi und ihre Freunde mittendrin.
Ich setze ungern Etiketten auf Bücher, aber hier wusste ich einfach nicht, was mir das Buch sagen wollte. Was ist dieses Buch denn nun eigentlich? Wenderoman? Abrechnung des Kapitalismus oder der DDR? Coming-off-Age Roman? Da ich selbst nur ein wenig jünger als die Protagonistin und im Osten Deutschlands aufgewachsen bin, hatte ich erwartet, mich in irgendeiner Weise identifizieren zu können oder ein wenig mehr Einblick in die Wendejahre aus der Sicht eines Kindes/ einer Jugendlichen zu erhalten. Leider bleibt das Thema eher an der Oberfläche. Lea Streisand hat eine angenehme Erzählstimme und kann die Naivität und Unsicherheit ihrer Figur gut einfangen. Eine nette Leseerfahrung, die mir allerdings nicht im Gedächtnis bleiben wird.
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